dr.knoll

Blog von dr.knoll

20.12.2010 | 21:58

EHEKRIEG & HIMMELSMACHT - Variationen über ein Thema

Orf schloss sich in seinem Arbeitszimmer ein. Dieser Raum ist meine Festung, dachte er. Hier können meine Gedanken nicht mehr entkommen. Es gibt Katastrophen, die unausweichlich sind. Du siehst die Gewitterwolken und kannst nichts dagegen tun. Ich hätte sie nicht schlagen dürfen.
Aufgelöst knallte Eura die Haustür und verließ mit quietschenden Reifen das Grundstück. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Dieser ewige Streit zermürbte uns. Und ihre Monologe? Ich konnte sie nicht mehr ertragen. Dann sog ich ihr frisches Parfüm ein und versuchte das Thema zu wechseln. Wie oft nahm ich mir vor sie einfach zu vergessen?

Eura war so unterhaltsam wie ein Telefonbuch. Und ich ließ sie reden. Ich bin der perfekte Zuhörer. Nicht, dass ich einen Sprachfehler hätte. Aber das, was ich sagen will, schreibe ich auf. Ja, sagte sie und lächelte gehässig, ich höre auch so gerne zu. Und schon blätterte sie in ihrem Telphonbuch hin und her und verfiel in den Tonfall eines Anrufbeantworters.
Ich werde sie einfach vergessen, dachte Orf. Aber trotzdem fällt es schwer allein zu sein. Er ließ sich in den Sessel fallen. An der Pinnwand über dem Schreibtisch hing die Europakarte. Wie giftige Insekten markierten farbige Nadeln die wichtigsten Stationen ihres gemeinsamen Lebens. Hat nicht jeder Mensch einen Anspruch auf seine private Geographie? dachte Orf. Da verlaufen die Grenzen anders, als auf einer Landkarte.
Wo hatten wir uns noch kennen gelernt ? Und in welchen Hotelzimmern geliebt? Und was hatten wir für Träume? Jetzt kommen lange Nächte, dachte Orf. Und er fühlte sich wie ein Kranker, der dazu verurteilt war vom Kopfkissen aus die Welt zu betrachten. Erinnerungen, dachte er, sind wie alte Götter. Dabei habe ich die schon längst aus meinem Leben verbannt, dachte er. Ich bin doch kein Veteran, der immer nur den verflossenen Zeiten nachweint.
Als wir uns kennen lernten, gab es auch für Eura kein Problem, das  man nicht hätte lösen können. Und wenn doch, warf sie den Kopf in den Nacken wie ein Pferd auf der Weide. Dann hakte sie sich unter und lachte. Ihr Lachen war ansteckend. So, als bestehe das Leben aus einer Kette amüsanter Episoden.
Nur gelegentlich ahnte ich ihre Launen. Und manchmal hatte ich das Gefühl, als umgebe sie ein kühler Schatten.
Und doch, im Grunde war Eura der einzige Mensch mit dem ich etwas erlebt habe. Wir zogen uns also zurück auf die Insel der Glückseligen. Wie sollte uns dort noch die restliche Welt erreichen? Wir aber genossen hier das süße Gift der Einsamkeit. Damals waren wir uns jedenfalls sicher: Wer nicht so lebte wie wir, war ein armer Mensch. Der Applaus der Welt aber holte uns nicht ein. Aber deswegen waren wir trotzdem nicht bereit in den Staub zu sinken. Denn wir allein entschieden, ob wir eine dramatische Rolle spielen wollten oder nicht. Denn in unserem Sternkreis durfte die Welt noch irrational sein – da waren wir uns einig.
Wir standen also auf der Hotelterrasse herum und umarmten uns. Und doch, das Gefühl von Einsamkeit quälte uns wie eine unsichtbare Wunde.
Im Grunde hätten wir nicht länger zusammenbleiben dürfen, dachte Orf. Denn wir erfühlten uns zu schnell ohne uns zu kennen. Eine gegensätzlichere Verbindung war also kaum vorstellbar.
Aber im gleichen Augenblick wusste ich:
In unserer Leidenschaft waren wir unversöhnlich. Wir gingen einfach davon aus, dass wir zusammenpassten.
Die Liebe ist eine Himmelsmacht! - dass ich nicht lache, dachte Orf. Die Liebe macht dumm und hält dich zum Narren. Ich jedenfalls leide darunter wie eine Pflanze ohne Wasser. Und schon welken die ersten Blätter.
Deswegen sehne ich mich nach einer neuen Liebe. Und ich träume von der Liebe auf den ersten Blick. Oder werden derartige Träume nur im Kino wahr?
Meiner Geliebten jedenfalls verspreche ich jetzt schon: Dein Leben ist nicht in Gefahr. Ich werde Dich nicht wie Othello erdrosseln. Aber ich möchte auch nicht meinen Kopf verlieren wie Holofernes.
Dabei weiß ich gar nicht, ob ich meine Erinnerungen vergessen will. Aber eines weiß ich ganz genau: Diese Frau, mit der ich jahrelang das Haus geteilt habe, ist mir so fern wie das Mittelalter. Was sollen also diese alten Geschichten?

 

 
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