dr.knoll

Blog von dr.knoll

12.01.2011 | 20:40

Gabriela im Märchenwald

Sie war eine dieser reichen Frauen, die andere Menschen für sich arbeiten ließen. Gabriela bezahlte schon früher, als man das Wort Mindestlohn noch nicht kannte, deutlich weniger, als es gemeinhin üblich war. Um das zu begründen war ihr kein Wort zu groß und schon gar nicht zu peinlich. Nur, Gabriela war nicht reich.
Vielleicht war das der Grund, dass sie in der Gesellschaft, die die entsprechenden Positionen besetzt hielt, keine Rolle spielte. Aber in derartigen Kreisen wagte sie auch nicht zu widersprechen. Da war es doch nahe liegend, dass sie sich eine Welt erschuf, in der Frau Birkenstock und Herr Nackenschwänzen ihre Claqueure waren. Als Kind geschiedener Eltern lernte Gabriela früh das Gefühl kennen am Rande der Gesellschaft zu stehen. Das kann ein Leben prägen. Denn ursprünglich waren ihre Eltern Auswanderer, die in Übersee niemals Fuß fassten. Der Vater war jahrelang arbeitslos und sie, Gabriela, war bis ins Schulalter hinein eine Bettnässerin. Vielleicht hatte sie in jener Zeit die Neigung entwickelt die Realität märchenhaft zu verklären. Vielleicht glaubte sie, sich in einem Märchenwald verlieren zu müssen, um sich dann am Ende selbst zu finden. Da kann man sich schon auf die Lüge einstellen, um das weitere Leben zu ertragen. Und schon brauchte sie ihr eigenes „Ich“ nicht mehr aufzugeben, weil sie dieses „Ich“ noch nie entwickelt hatte. Denn immerhin war sie ein hübsches Mädchen und später eine attraktive Frau. Selbst dann noch, als ihr Haaransatz grau wurde. Warum also sollte ihr da nicht ein Millionär zustehen? So heiratete sie einen viel älteren Mann, den sie nicht begehrte. Aber als sie jung war, da heiratete man, um zu heiraten. Aber vielleicht ahnte sie schon damals, dass das, was sie begehrte, unerfüllt bleiben würde. So verlor sie nie die Versuchung diesen Mann, den Vater ihrer Kinder, zu betrügen. Dabei hätte sie in Wirklichkeit am liebsten eine richtige Ausbildung abgeschlossen. Oder auch ein Studium konnte sie sich vorstellen. Aber so weit wagte Gabriela nicht zu hoffen, denn ihr Vater war in ihren Augen nur ein Handwerksmeister, den oft finanzielle Engpässe plagten. Deswegen war Gabriela schon immer klar, dass sie niemals einen Handwerker heiraten würde. Und wenn sie nicht schon ihr Traumprinz wach küsste, so gab es doch Berufe, die sie akzeptierten konnte. Ihre Naivität war in diesem Punkt unübertrefflich, so realistisch wie sie war. Aber wie gesagt, in Gelddingen hatte Gabriela immer ein schlechtes Händchen. Denn als die Euro-Zeiten kamen, war selbst ein Millionär nur noch die Hälfte wert.

 
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