dr.knoll

Blog von dr.knoll

08.10.2010 | 20:16

Ja, er war billig zu haben...

Edgar war nicht einer dieser geölten Männer, die sich hinter ihrer Sonnenbrille versteckten, um besser entdeckt zu werden. Aber er war auch nicht der verliebte Schüler, der sich seiner Angebeteten zu Füßen warf, um ihr besser in die Augen zu sehen.
Aber natürlich wollte auch er begehrt werden. Und so überprüfte er sein Gesicht jeden Morgen im Spiegel. Dann drehte er seinen Kopf hin und her, um sich auch im Halbprofil zu begutachten. Und manchmal nickte er sich zufrieden zu, als begrüßte er einen Mann, der sich weltläufig zu bewegen verstand.
Selbst nachts stand Edgar gelegentlich auf und wählte irgendeine Telefonnummer. Und wenn ihm  dann die Stimme gefiel ( natürlich musste es eine Frauenstimme sein ) versuchte er diese Frau am Ende der anderen Leitung in ein Gespräch zu verwickeln. Meldete sich jedoch am Telefon ein Mann, dann legte er, Edgar, seine Hand fest über die Muschel, als könnte er so diese männliche Stimme ersticken.
Edgar kannte die Worte, die die Frauen lieben. Das wusste er, seitdem er bei einer Illustriertenumfrage, die volle Punktzahl erreicht hatte. Dazu war er ein zärtlicher Liebhaber mit den sanften Händen eines Goldschmiedes.

Wenn er also seinen Text aufsagte, lag in seiner Stimme eine Wärme, sodass jedes Wort verständnisvoll klingen musste. Edgar war kein Mann, der die Frauen unterdrückte. Denn Edgar wusste, Frauen sind dann besonders sensibel, wenn man von ihnen spricht. Und vielleicht, nein ganz bestimmt, da war sich Edgar sicher, erinnerte sich gerade in diesem Moment die Frau, mit der er sprach, an die romantischen Momente ihres Leben, die sie schon längst vergessen glaubte. In diesem Augenblick aber schwieg Edgar damit sich bei seiner Gesprächspartnerin das Gefühl ausbreiten konnte etwas verloren zu haben, was sie vielleicht noch nie besessen hatte. Dann lächelte er und sah irgendwie nostalgisch aus. Ja, er war billig zu haben. Da zuckte keine Frau zusammen, wenn er sie zum Tee einlud. Und warum sollten die Frauen ihn, Edgar, nicht wie ein Taschentuch benutzen mit dem sie ihre Tränen tupften?

Ob ihnen jedoch Edgar zu einer qualifizierten Stellung verholfen hätte, weiß ich nicht. Im Übrigen habe ich da meine Zweifel. Denn er ließ sich doch von keiner Frau an die Leine legen. Aber das sagte er natürlich nicht…

Welche Frau konnte also damit rechnen, dass er sofort seine Sachen packte, wenn er die Nase voll hatte?

 

 
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Kommentare
koslowski schrieb am 10.10.2010 um 11:40
Wunderbar traurig und komisch! Bitte mehr Portraits dieser Art. Danke und Gruß
dr.knoll schrieb am 10.10.2010 um 12:44
vielen Dank für Ihre freundlichen Zeilen
Gruß M.K
dr.knoll
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Canabbaia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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