Und irgendwann wusste ich: Man braucht nicht viel, um zu leben.
Aber das, was ich brauchte, waren Menschen, die mich trotzdem ermutigten oder vielleicht sogar liebten, weil ich auf das verzichten konnte, wonach jeder strebte - Geld.
Also, trotz der Erwartungshaltung meiner Eltern, unterwarf ich mich nie den pedantischen Gesetze des Alltages. Und ich wollte mein Leben auch nie auf die Chronologie der Wiederholungen reduzieren. Ich bin doch kein Zirkuspferd.
Aber ich bin auch kein Historiker, der nur einem Kausalitätsbedürfnis nachrennt. Denn der Chronologie der Ereignisse vertraue ich schon lange nicht mehr. Da drehe ich doch lieber selber der Geschichte eine Nase.
Im Übrigen aber kann ich meine Geschichten nur dann spielen, wenn meine Figuren ihre Lebensentwürfe collagenhaft verbinden. Nur, mit dieser Art von Gleichzeitigkeit können viele Menschen gar nichts anfangen.
Da ist man schnell allein. Obwohl, manchmal ist es schlimmer unter Menschen zu sein. Dabei war ich früher geradezu süchtig auf Erfahrungen. Nur oft war ich dann so aufgeregt, dass ich am liebsten gleich gestorben wäre, bevor ich überhaupt die Bühne betreten hatte. Und trotzdem dachte ich dann oft: Natürlich werde ich ihr oder ihr nichts von meinem neuen Lebensentwurf erzählen.
Sie sehen, Ich habe mir in meinem Leben immer viel erträumt, aber mein Herz habe ich an keinen Menschen verloren. Wenn ich aber heute die Frau sehe, die ich beinahe geheiratet hätte, würde ich sie am liebsten gleich noch vergiften, um sie vor dem Mitleid der Menschen zu bewahren.
Das liegt sicher an meinem Beruf. Denn ich war immer ein professioneller Schauspieler und damit auch der perfekte Unmensch. Ich war nie der verliebte Dilettant. Und vermutlich bekam ich von meinem früheren Regisseur deswegen einmal die Rolle eines Managers, der alles im Griff hatte - nur nicht seine Frau. Und irgendwann beschloss er, der Manager, sein Versprechen vor dem Traualtar: „Bis der Tod Euch scheidet!“ umgehend einzulösen. Aber wissen Sie, wenn man jeden Abend die gleiche Frau umbringen soll, fragt man sich doch auch irgendwann: Und was machen wir jetzt?
Obwohl, ich war immer ein Schauspieler, der genau wusste, wo man die Pausen setzen musste. Und so hoffte vielleicht auch die Frau des Managers jeden Abend neu zu überleben. Denn selbst wenn ich immer die gleiche Geschichte erzählte, glaubte doch jeder im Raum, dass er eine neue Geschichte zu hören bekam.
Na ja, die letzten Jahre hatte ich nur wenig zu tun. Das muss ich zugeben. Ich hatte viel Zeit, die ich ausfüllen konnte. Wenn ich dann aber mit meinen Möbeln spreche, bekomme ich natürlich keine Antwort. Aber selbst heute noch sehe ich nicht zum Himmel auf, um von dort Hilfe zu erwarten.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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