dr.knoll

Blog von dr.knoll

12.03.2010 | 23:56

Nachtgedanken: "Ich könnte ein Buch schreiben..."

 

...höre ich oft. Aber mit gleichem Atemzug folgt meistens das Bekenntnis:
„… aber leider fehlen mir die Worte…,“ um dann drauflos zu quatschen, um das zu beichten, was man erzählen könnte. Da werden Banalitäten aufgebauscht und prägende Lebens-Ereignisse ausgeblendet. Oder ist es umgekehrt?

Aber schon beim Nachfragen stellt sich heraus: Oft beherrscht ein trübes Schicksal diese Geschichten. Und wer dann behauptet: Dagegen kann man sowieso nichts machen, der wird nicht erstaunt sein, dass das Schicksal der Menschen immer ähnlich verläuft und viele Lebens-Kapitel allenfalls eine Wiederholung der Wiederholung sind.
Aber trotzdem möchte der eine oder die andere die Geschichte, die man gerade erzählt, am liebsten aufschreiben, wenn man dann nur Zeit hätte. Aber da natürlich keiner mehr Zeit hat, vermehren sich jeden Tag die Menschen, die immer öfter im Konjunktiv sprechen. Und hört ihnen lange genug zu, könnte man glauben, der Konjunktiv sei die Sprachform, die dem Menschen am ehsten entspricht. Wie aber soll sich der Mensch sonst gegen den Alltag wehren, der ihn täglich mit fremder Hand dirigiert? Je trostloser aber der Alltag wird, um so eher glaubt der Mensch keinen Einfluß mehr auf das eigene Leben zu haben. 
„Ich könnte ein Buch schreiben…“ höre ich dann und denke: Es kommt weniger darauf an wie ein Satz anfängt, sondern wie er weitergeht.

 
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Kommentare
philoron schrieb am 13.03.2010 um 01:14
Vielleicht hat unser Unterbewusstsein längst erkannt, wie sehr wir in Bezug auf das Leben einer Illusion aufgesessen sind und lässt uns deshalb unmerklich immer öfter konjugiert reden. Schließleich geht es doch dabei meistens um morgen. Und wie können wir wissen, was morgen ist, wenn wir nicht einmal das Heute begreifen. Das Leben verläuft wahrlich in den immer gleichen Bahnen, da können wir noch so individuell sein. Wer das begreift, kann in die Nächste vorstoßen und immer so weiter. Aber wann kommt eine neue, noch nicht da gewesene? Und worauf führte das ganze am Ende hinaus?
Wer viel über sich quatscht und sich an seinen Banalitäten verrennt, lenkt sich ab und vermeidet damit wohlmöglich das Nachdenken. Prägende Lebensereignisse ausblenden ist allseits beliebt, da sie kaum als solche wahrgenommen werden. Außerdem sind sie nicht gesellschaftsfähig. Diese kommen dann in ein persönliches Paket und werden in der nächsten Runde die zu tragende Last erhöhen, was sicherlich noch mehr an konjungierten Worten verlangt. Und so geht das Leben im trostlosen Alltag dahin und schafft Freiräume für allerlei Träume, in denen man wenigstens für einen Augenblick von einem ich würde…. in ein ich bin…..verfallen kann.
philoron schrieb am 13.03.2010 um 11:26
Denken ist nicht immer mit denken gleichzusetzen, fällt mir ein, wenn ich darüber nachdenke. Es gibt viele unterhaltsame Geschichten, auch so manchen Fräuleins, die ihren Anfang in Banalitäten suchen und mich in ihren Bann ziehen, sodass ich selbst das Denken für eine Zeit vergesse, oder es wird vom Fühlen abgelöst. Ich wiederum schreibe, um anzuregen, nachdenklich oder bewusst zu machen manchmal einfach aus Spaß heraus. Ums sprechen will ich mich deshalb nicht drücken. Viele Worte scheinen dafür jedoch zu tiefsinnig oder einfach zu ehrlich zu sein. Manchmal sind sie auch schlichtweg nur der unverschleierte Blick in einen Spiegel.
philoron schrieb am 13.03.2010 um 12:48
Ist manchmal auch nicht so einfach, zu tiefsinnig zu sein. Jedenfalls lässt es ich alternativ definitiv leichter leben. Aber mit der Zeit verändern wir uns. Von innen dringen Dinge an die Oberfläche, die nach Verstehen und Klärung verlangen. Der einsame Steppenwolf wird geweckt. Dann kann der Tiefsinnige einen Vorteil von seinem vermeintlichen Handycap aus der Vergangenheit erlangen.
Mit Bauch oder Herz zu denken, damit tue ich mich schwer. Natürlich war das nicht schon immer so.
Was die Sache mit dem Reden angeht, da fällt mir Hesse ein, der seinerzeit sagte, er könne tiefsinnig schreiben und referieren. Dränge er jedoch mit diesen Argumenten an die leere Oberfläche des Daseins vor, so verlöre er sich dort unweigerlich und müsste sang- und klanglos untergehen. Er hatte es probiert und sich wieder zurückgezogen.
philoron schrieb am 13.03.2010 um 13:17
Ich glaube nicht, dass Tiefsinnigkeit und messerscharfe Gedankengänge einander bedingen. Das Letztere verlangt eine Fokussierung und birgt die Gefahr des Einengens des Blickwinkels. Und das ist nicht mein Ding. Natürlich bewundere klare Argumente deshalb nicht weniger. Aus allem etwas mitnehmen, um es weiterzuverarbeiten, das entspricht schon eher dem Ameisenhaufen in meinem Kopf. Es ist Natur, meine Natur.
Auch Fliegen wollen leben.
Das mit dem brain, soll jeder für sich selbst entscheiden.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.03.2010 um 08:02
Jaa, ja - so grau, grau, grau
Ist das Himmelszelt
Über unsrer Welt
Was uns nicht gefällt

Und jetzt alle mitklatschen

Schlechte Nachrichten oder eben trübe Aussichten sind leichter zu formulieren und erreichen im Normalfall mehr Aufmerksamkeit und die möchte jemand ja erhalten, wenn er sagt, was er könnte, aber nicht tut, weil er nicht kann. Was dann geschehen sollte, ist, kein Buch zu schreiben, sondern sich um den Konjunktiv zu kümmern - aktiv. Meine ich. Dabei kann ich mich auch irren - dabei würde ich mich gerne länger damit befassen, aber mir fehlt leider die Zeit.
dr.knoll
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