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Das, was die Gesellschaft erwartet, diese eingliedernde Disziplin, interessierte mich noch nie. Ich liebte immer die Umwege und die schrägen Situationen. Natürlich wollte ich dafür kämpfen, dass jeder Mensch zu dem kam, was er wollte. Oder sollte ich etwa stramm stehen vor der Metzgerfrau mit ihrem tüchtigen Erwerbsgesicht? Nichts gegen Metzger oder Steuerberater, aber diese Menschen haben oft Ansprüche, denen ich mich verweigere wie ein bockiges Kind.
Ob sich mein Vater auch aus diesen Gründen ein Leben lang hinter seiner vermeintlichen Unnahbarkeit versteckte? denke ich oft. Dabei vergaß er allerdings nie meinen Ehrgeiz anzustacheln. Denn in seinen Augen war ich ein Spätzünder. Und er entdeckte an mir auch keine besonderen Begabungen, die mich hätten behindern können. Da war also niemand, der mir eine größere Zukunft prophezeit hätte. Also testete mich mein Vater, ob ich nun später in der Lage sei zu studieren oder eben nicht.
„Das Physikbuch hat zweihundert Seiten,“ lächelte er dann in seiner Art. „Und nach zehn Tagen musst du in der Lage sein alle Fragen zu beantworten. Wenn du das kannst, bist du für ein Studium geeignet.“
Ich bestand seinen Test.
Mit den Jahren allerdings entdeckte ich die kleinen Freiheiten, um mich nicht mehr unterordnen zu müssen. Ich lernte mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen. Aber mein Kopf schwebte immer über den Wolken.
Je älter ich aber wurde, desto seltener musste ich das Gefühl haben unterlegen zu sein. Und irgendwann sparte ich mir alle wackligen Erklärungen. Denn mich interessierte nicht mehr diese geheimnisvolle Beziehung zwischen Groß und Klein.
Kurz, ich benötigte ein halbes Leben, um mich so zu sehen, wie ich damals meinen Vater sah. Denn für mich als Kind war seine distanzierte Freundlichkeit kein Ausdruck von Schwäche. Im Gegenteil. Das war für mich die Gelassenheit eines Mannes, der sich den Regeln der Provinz entzog. Ein Mensch, der überall zu Hause war. Dabei umgab meinen Vater immer eine blasierte Eleganz. Selbstsicher und kurz angebunden verwies er jeden, der mit ihm sprechen wollte, an seine Sekretärin. Selbst wenn er das Gefühl haben mußte, daß ihm ein Mensch nutzen konnte, korrigierte er nicht sein Benehmen. Das beeindruckte mich als Kind.
Aber, denke ich oft, Gott sei Dank habe ich keinen Sohn, der davor Angst haben müsste mich zu enttäuschen.
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....eine schöne Skizze,
vielen Dank! |
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Sehr anrührend und gut geschrieben. Danke schön.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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