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Gelegentlich treffen wir uns. Tom und ich. Denn Tom legt Wert auf mein Urteil. Zugegeben, das tut mir gut.
Immerhin ist Tom ein Schauspieler, den ich sehr schätze. Allerdings hatte er in seinem Beruf noch nie Erfolg. Dass er darunter leidet, muss ich nicht erwähnen. Und natürlich hat er Angst, dass man ihn irgendwann ganz vergisst. Dabei beherrscht er schon lange diesen schonungslosen Blick und die herablassende Attitüde. Und doch, da er nur selten ein festes Engagement hat, ist er vermutlich froh, wenn er mir, einem Anhänger seiner Schauspielkunst, immer wieder seine neuesten Monologe vortragen kann:
Wie ein Zirkusdirektor rolle ich ihm dann im Wohnzimmer die Perserbrücke unter „seinen“ Biedermeiersessel, während das Licht der Stehlampe unser Zimmertheater dämmrig beleuchtet, als säßen wir auf einem fliegenden Teppich.
„Irgendwann, als Jugendlicher“, sagte Tom und nippte am Wein, während er die Beine übereinander schlug, „reduzierte ich meinen Wortschatz auf die Fäkalsprache. Und dass ich `Alles Scheiße` fand, war ohnehin klar. Dabei war ich kein Jugendlicher, der nur das gut fand, was auch die anderen gut fanden. Und ich hatte auch nie diese Attitüde: Was geht mich die Schule an? Denn ich konnte mir gut vorstellen wie meine Zukunft verlaufen würde, wenn sich die Schule nicht mehr für mich interessieren sollte.
Auf der anderen Seite hatte ich das tiefe Bedürfnis von meinem Vater ernst genommen zu werden. Dabei stellte ich durchaus Fragen, die man später als Erwachsener vergisst. Auch ich wollte wissen, was die Welt zusammenhielt und warum? Aber mein Vater lächelte immer nur, als seien ihm die Geheimnisse der Welt vertraut. Dabei war er kein selbstzufriedener Patriarch, aber irgendwie schüchterte er mich trotzdem ein. Wenn ich ihm dann aber etwas erzählte, stellte er seine Zwischenfragen wie ein Lehrer. Das förderte nicht gerade die Unterhaltung, selbst wenn seine Kommentare geistreich waren. Mein Vater war einfach nicht in der Lage nur so daherzureden.
Selbst später, als Erwachsener, scheute ich mich mit Menschen zu sprechen, die ich für überlegen hielt. In diesen Momenten wurde ich spröde wie ein Esel. Da verließ mich jeder rettende Gedankenblitz, auch wenn ich bürokratenhaft präsent war. Dabei versuchte ich meine Sätze so sorgfältig wie möglich zu formulieren. Je mehr ich mich aber auf das Gespräch konzentrierte, desto öfter stolperte ich über diesen alten, kaum noch wahrnehmbaren Sprachfehler. Deshalb reduzierte ich oft meinen Wortschatz auf das Nötigste, um nicht zu schweigen. Meine Gesprächspartner aber mussten glauben, dass sie meinen Ansprüchen nicht genügten. Ja, “ lachte Tom, „ es gibt Menschen, die immer verlieren und trotzdem glaubt jeder sie seien Gewinner. Das ist wie auf der Bühne.
Erst mit den Jahren begriff ich, dass die Erziehung meines Vaters aus einer Mischung von Faulheit und der Angst vor dem Versagen bestand. Wahrscheinlich hatte er mit sich selber ein Problem.
Aber trotzdem habe ich viel von ihm gelernt. Denn materielle Dinge konnten mich nie einschüchtern. Davon profitiere ich noch heute, “ lachte Tom unentschlossen. „Aber ein Leben als Geschäftsmann hätte mich nie interessiert. Dabei kann auch ich mich benehmen wie ein gut situierter Bürger, der in aufgeräumten Verhältnissen lebt. Und ich kann so selbstgefällig lächeln, als betrachtete ich eine Antiquität, das man jeden Tag abstauben muss.
Aber für mich ist das Leben nicht nur eine Geschmackssache. Denn selbst wenn ich gelegentlich mürrisch in die Welt blicke, weiß doch jeder, was meine Rolle von mir verlangt.
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"Selbst später, als Erwachsener, scheute ich mich mit Menschen zu sprechen, die ich für überlegen hielt. In diesen Momenten wurde ich spröde wie ein Esel. Da verließ mich jeder rettende Gedankenblitz" - Ja, das kenne ich. Lesenswert und gut geschrieben.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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