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Selbst die Häuser im Dorf warteten auf den Frühling, um neu gekalkt zu werden. Denn die letzten Wochen überzogen das Dorf immer wieder dunkle Wolken und überall kroch die Feuchtigkeit in das Mauerwerk. In den engen, sonnenlosen Gassen pfiff überfallartig der Wind aus den Bergen und belagerte das Dorf. Der Rauch stieg aus den Kaminen und es roch nach Olivenholz. Nur hier und da drückte sich ein Mensch mit hochgeschlagenem Kragen oder einem festgezurrten Kopftuch an de Hauswand entlang und hinterließ kleine Atemwölkchen. Die Kälte war oft geradezu sichtbar. Auf dem kleinen Marktplatz hing im Schaukasten noch immer das Plakat „Feliz Navidad“ (Frohe Weihnachten).
Und doch, die ersten Schwalben segelten schon ausgelassen im Tiefflug,
während die Sonne schüchtern hinter dem Festungsgürtel, der das Dorf beherrschte, verschwand. Zur Silhouette des Festungsturmes und der zerfallenen Kirche hätte noch ein Minarett gepasst. Tief unten im Tal lag schon das Flutlicht über dem Fußballplatz. Wie farbige Insekten rannten die Spieler über den Platz hin und her. Nur die zerrissenen Wortfetzen, die mich hier oben auf der Festungsmauer erreichten, erinnerten an menschliche Idiome. Zwischendurch allerdings setzten gelegentlich lautmalerische Crescendos der Zuschauer, die so „ihre“ Mannschaft anstachelten, dramatische Akzente.
Irgendwo plärrte ein Radio und das dünne Glöckchen der kleinen Kirche mahnte zum Kirchgang.
Durch das Gassenlabyrinth des Bergdorfes huschten ein paar Gläubige. Etwas verloren, aber zielstrebig. Wie auf der Flucht.
Hoffentlich vergassen sie nicht, was sie beichten wollten, dachte ich noch
Die letzte Nacht verbrachten wir mit Salvador, der jahrelang ohne seine Familie als Gastarbeiter in Frankreich gelebt hatte. In dieser Zeit war seine Liebe zu Salvadora alt geworden.
Salvador hatte von unserer Ankunft gehört. Und so stand er plötzlich auf der Terrasse, die Flasche „Rioja“ unter dem Arm und begrüßte uns stürmisch. Hinter ihm stand im gebührenden Abstand und doch wie ein lästiger Schatten, sein ungeliebter Schwiegersohn, der sich und seine Familie mit Gelegenheitsarbeiten durchbrachte. Matheo musste sich überflüssig vorkommen.
„Mama es muerto. Mama es muerto!“ umarmte uns Salvador pathetisch, als müsste er uns trösten.
Ich mochte es noch nie, wenn man mich mit einer Klagemauer verwechselte. Obwohl, auch ich kenne die Angst einen vertrauten Menschen zu verlieren. Doch trotzdem wollte ich noch nie vertröstet werden, wenn ich Trost suchte.
Kurz, ich nahm also Salvador in den Arm und reagierte so, wie er es von mir erwartete. Aber selbst, wenn meine rudimentären Wortfetzen nicht nach Trauer klangen, so war ich trotzdem bereit mein Gesicht in Trauer zu legen. Dabei hatte ich Salvadors Mutter, die nun im biblischen Alter von 89 Jahren gestorben war, noch nie gesehen.
Salvador also betupfte mit einem blütenweißen Taschentuch seine Augen und lächelte melancholisch. Seine Zähne waren vom Tabak verfärbt. In seinen Augen aber lebte nicht nur ein Leben.
So rutschte Salvador plötzlich auf dem Rattansessel hin und her und lächelte mich aus fiebrigen Augen an, als sei er nunmehr entschlossen mir ein Geheimnis anzuvertrauen.
Im Laufe der Nacht entkorkten wir zahlreiche Flaschen. Aber je lauter wir miteinander palaverten und sich unsere Radebrecherei in temperamentvollen Gesten entlud, desto öfter bildete ich mir ein spanisch zu reden. Dabei beschäftigte mich allerdings vor allem eine Frage: Wo wurden die Toten in diesem Bergnest beerdigt?
Salvador sah mich listig an. Sein Schwiegersohn Matheo aber nippte nur hin und wieder an seinem Glas und fügte sich in seine Statistenrolle. Sein Gähnen allerdings konnte er kaum unterdrücken.
Plötzlich aber drückte Salvador sein faltig gegerbtes Kinn auf die Brust und intonierte kehlige Laute, als müsste er sich räuspern. Eine intensive Spannung lag auf dem Gesicht des Maurers und „Konstrukteurs“, wie er sich gern nannte. Dabei spannte er seine Nackenmuskulatur und der Schweiß perlte auf seiner Lederhaut.
Während Salvadors Halsadern langsam anschwollen, verlor er sich an ein anschwellendes und doch monotones Tremolo, das sich guttural über mehrere Tonebenen klagend hinweg bewegte. Salvador grimassierte den Tönen nach, als kostete er sie mimisch aus. Wie aus den tiefsten Tiefen oder vielleicht aus einer weiten Ferne heraus, formte sich, nein, baute sich langsam sein Gesang auf, der sich seines maurischen Ursprunges langsam bewusst wurde. So, als würde er, Salvador, plötzlich, aber unerbittlich von einer düsteren Macht zurück nach Hause gerufen. Dabei waren seine Augenlider geschlossen, aber nicht wie im Traum oder im Schlaf und doch der Welt enthoben, während sein gepresster Atem das Blut in den Adern stocken ließ. Und schon verfärbte sich Salvadors Haut bläulich-schwarz, als sei er soeben zurückgekehrt zu seinen Vorfahren, den Berbern.
Da nun Salvador plötzlich und wohl auch für Matheo unerwartet, sein autoritäres Gehabe abgelegt hatte, erwachte auch Matheo aus seinem geistigen Dämmerschlaf. Anfänglich bebte nur der Absatz seiner hochhackigen Schuhe, die Salvadors Gesang akzentuierten. Doch dann formten sich Matheos Hände feingliedrig zur Hohlhand. Erst zaghaft, tastend, als ob sie nicht den Einsatz verpassen wollten, suchten die Fingerspitzen der rechten Hand den linken Handballen. Und plötzlich entwickelte sich ein staccatoartiger Rhythmus. Salvador lächelte unter seinen Augenlidern, während seine spröden Arbeiterhände ebenfalls in die klatschende Begleitung einfielen. Hin und wieder jedoch brach Salvador aus seinem Gesang aus und feuerte sich selbst mit Zurufen an, als müsste er einem Hengst die Sporen geben.
Doch plötzlich und unerwartet stand Salvador auf und drängte zum Aufbruch. Dabei verbeugte er sich und sagte fast entschuldigend:
„Eso es mi vida“ (Das war mein Leben).
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Eindrucksvoller Text. Danke.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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