Der Weg hinauf zum Castel und der Kirche mit dem anliegenden Friedhof entwickelte sich zu einer steilen, sonnenlosen Gasse. Ein Bauarbeiter besserte eine verwitterte Hauswand aus, deren Fundament kein Vertrauen erweckte. Zwei seiner Kollegen mauerten oben auf dem Flachdach ein weiteres Zimmer, während ein Bengel den kleinen Lastenaufzug bediente.
Die Gasse mündete in einem Nadelöhr, das selbst für den kleinsten Wagen unpassierbar blieb. Dieser Durchgang roch nach Feuchtigkeit und Urin, bis man hinaustrat und plötzlich auf einem ausgedehnten Felsplateau stand. Gegen den Absturz in das tief liegende Tal bildeten klobige Steinquader einen verwitterten Schutz. Das waren nach Auskunft des Reiseführers die Reste einer ehemalig maurischen Festung. Wer hier spezifisch arabische Architektur entdecken wollte, konnte nur enttäuscht sein. Gras und krüppeliges Gestrüpp hatten die kläglichen Reste der Festung eingenommen, aus deren Baumaterial ehemals eine kleine Kirche errichtet worden war.In dem verfallenen Kreuzgang spazierten gackernd die Hühner und schnatterten die Gänse. Ein angepflockter Esel streckte neugierig den Kopf durch das Ruinenfenster, als wollte er die himmlische Botschaft verkünden.Vor dem zerfallenen Kirchenportal stand die laut ratternde Betonmischmaschine. Einige Arbeiter verlegten fast liebevoll große Natursteinplatten, die den versteppten Kirchplatz zurückeroberten. Der Wind kühlte ihre verschwitzten Rücken.Nur einen Steinwurf weit versperrte mir eine hohe, weißgekalkte Mauer den Weg. „Cemetry“ stand über der schweren, verrosteten Pforte. Wir standen auf dem Kalvarienberg. Etwas hilflos und verloren, als suchten wir unsere neue Behausung.
Ich wäre nicht erstaunt gewesen, wenn eine Stimme aus dem Off uns die Plätze zugewiesen hätte.
Hier also, auf dem „Cemetry“, einem Licht durchfluteter Ort aus Felsgestein, wohnten die anderen Bürger von "Casares." Zahllos nummerierte, schließfachähnliche Gräber sorgten für eingeschränkte Raumverhältnisse. Diese gemauerten Wandnischengräber bildeten mehrere Meter hohe und breite Wabensysteme für die ewige Ruhe.
Selbst die Toten hier oben lebten Wand an Wand, als hätten sie Angst allein dem jüngsten Tag entgegen zu schlafen. Alte, verfeindete Nachbarn lagen in Flüsterweite. Und selbst im Tod noch mussten sich gleichgültig gewordene Ehepaare den letzten Raum wie ein Doppelbett teilen. Oder wurde man hier nur so beerdigt wie man gelebt hatte?In dieser bekannten Gesellschaft erweckte die Auferstehung des Fleisches vermutlich keine Neugierde auf das Paradies. Obwohl, vielleicht hatten sich die Menschen mit dem ausgesöhnt, was das Leben aus ihnen gemacht hatte?Das gekalkte Wabensystem der Grabanlage speicherte das Licht und über das rissige Mauerwerk mit seinen Schattensprüngen huschten lautlos die Eidechsen.Unter meinen Leinenschuhen knarrte der Kiesweg. Aufgeschreckt durch meine Schritte drehte sich der Erzengel Gabriel um, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Oder war es die Jungfrau Maria, die ich bei ihrer stillen Andacht störte? Ihr süßlicher, anämischer Gesichtsausdruck verzog sich in Wehmut, während ihre rechte Hand die etwa quadratmetergroße Grabplatte abstützte. Oder schrieb sie gerade auf die verzierte Grabplatte wie in ein Poesiealbum? Der dicke Posaunenengel jedenfalls, der die Namensbuchstaben des Verstorbenen hielt, bezog seine göttliche Erleuchtung über Glühbirnchen, die auf seinen Flügeln steckten.
Zahlreiche Grabplatten wurden von kolorierten Fotografien der Verstorbenen geschmückt, als ließe sich so der Tod erweichen. So, als ob sie noch lebten, lauschten sie auf das knirschende Geräusch des Kiesweges und sahen mich erstaunt an. Und da waren Gesichter, die ich erst vorhin dort unten im Dorf gesehen hatte. Aber schon sah ich wieder auf einer Grabplatte dieses müde, aufgeschreckte Lächeln, das plötzlich erstarrte, ohne sich zu wehren.Vergilbte Fotos entwickeln immer wieder ihren sonderbaren Reiz. Da zerfließen Strukturen, um sich neu zu formieren. Doch das nachgezeichnete Wangenrot ist schon lange vergilbt. Und selbst die Uniform der Guardia Zivil sorgte nur für ein trügerisches Selbstbewusstsein. Denn da war nur ein vorsichtiges Lächeln, als ahnte man schon den Anlass der fotografischen Sitzung. Oder irritierte diesen Polizisten der plötzliche Szenenwechsel in seinem Leben? Vielleicht glaubte er am Ende ohne den Tod leben zu können.Auch das eifrig flackernde Lebenslicht trug nicht zur Erhellung bei, warum aus der Gegenwart die Vergangenheit geworden war.Wo der Verstand aufhört ein Phänomen, das unser Leben begleitet, den Tod, zu verstehen, versuchen Trauernde immer wieder mit religiösem Tand den Sinn des Sterbens und somit des Lebens zu illustrieren. Denn wer verkraftet schon das nüchterne Vokabular der Naturwissenschaftler?
Der Kiesweg verlor sich an mehrere, grob behauene Natursteinstufen, die auf einen kleinen Platz führten. Groß genug für eine etwa dreißigköpfige Trauergemeinde, die nach Mottenpulver roch. Eine knorrige Zypresse warf ihren alten Schatten, während sich das malerische Mäuerchen gegen das Abrutschen des plateauartigen Platzes stemmte.
Eine struppige Katze schlich lautlos umher. Sie fixierte einen kleinen Vogel, der auf dem Mäuerchen saß. Von der Katze ging ein Bann aus, als hypnotisierte sie den Vogel. Plötzlich breitete sich eine absolut tödliche Stille aus. Aber schon setzte die Katze zum Sprung an. Der Vogel aber hatte schon unmerklich seine Flügel gespannt und flog fast verächtlich davon. Nun saß die Katze auf dem Steinsims, entspannte sich und gähnte.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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