...ist nicht zu sehen. Stahlarbeiter könnten mehr rausholen.
Die in der IG Metall organisierten Stahlkocher möchten in der aktuellen Tarifrunde wieder ein größeres Stück vom Kuchen holen. Sechs Prozent, das ist die Forderung mit der sie in die bevorstehende Auseinandersetzung starten. Jedoch ist ein Ende der Bescheidenheit nicht zu erkennen. Die Avantgarde der IG Metall, die mit 90 Prozent durchschnittlichem Organisationsgrad vor Kraft strotzt, bleibt verhalten. Angesichts der Möglichkeiten und der Erkenntnis des Lohndumpings der deutschen Industriegewerkschaften in Europa durch »Lohnzurückhaltung« der letzten Jahre, könnte der wieder aufblühenden Hochofenindustrie mehr aus dem ‚Säckel‘ geholt werden.
Woran liegt es, dass diese Forderung eigentlich noch Bescheidenheit ausstrahlt? Es gibt mehrere Gründe.
Zum Einen dominieren natürlich auch die ‚Großen‘ solche Tarifauseinandersetzungen. Im Klartext erheben die Mannschaften von ThyssenKrupp und Co. Forderungen und geben die Stoßrichtung vor.
Die Besonderheit der Stahlindustrie sorgte, mit ihrer speziellen (Montan-) Mitbestimmungskultur, durch eine starke Verzahnung von gewerkschaftlichen Einflüssen und Machtbalance zwischen Kapital und Arbeit, wiederum für einen hohen Grad an Integration der Arbeitnehmervertretungen in die Gesamtorganisation der Konzerne. Infolge dessen sind Arbeitnehmervertreter stärker also anderswo »strukturelle Co-Manager«, die dann auch die (grundsätzlich) betriebswirtschaftliche Situation im Blick haben (müssen).
Diese gewerkschaftlichen Funktionäre, häufig Betriebsräte, kommen dann in einer Tarifkommission zusammen, um sich auf eine gemeinsame, kampffähige Forderung zu einigen. Jedoch sind es die durch diese Besonderheit der politischen Kultur entstandenen heterogenen Verständnis- und Interaktionspraxen , also »gewerkschaftliche Lebenswirklichkeiten«, die in solchen, eigentlich demokratischen, Foren auf einander prallen. Dieser Zusammenstoß birgt eine immer größere Gefahr - in Zeiten der globalisierten Unternehmenssturkturen - die Antworten für die gemeinsamen Fragen zu finden, die es -als eine auf Geschlossenheit angewiesene Organisation, wie die IG Metall,- zu beantworten gilt. Gerade weil diese vom kulturellen Kitt des Solidaritätsverständnisses abhängt. Die betriebswirtschaftlichen Aspekte bremsen also hier die große makroökonomische und politische Vernunft.
Bremsen? Nicht ganz und nur bedingt. Denn tatsächlich könnte ein großer politischer Erfolg in dieser Tarifauseinandersetzung eine Rolle spielen. Eine echte „equal pay“ – Regelung könnte, so auch das Kalkül der IG Metall, eine gesellschaftliche Ausstrahlungskraft entwickeln, wie sie es in den 70er und 80er zur Arbeitszeitfrage gewesen ist. Problematisch wird nur die Stahlkocher hinter dieser Forderung zu mobilisieren. Aufgrund der fast sozialistischen Organisationsgrade und der Machtbalance, sind gerade in den "Stahlwelten" diese Regelungen bereits betriebliche Praxis, sodass hier die Befürchtung in den Mannschaften besteht, diese Regelung kaufen zu müssen, in Form von Teilverzicht der Lohnerhöhung.
Auch verändern sich Zusehens die ‚alten Rituale‘. In einigen Betrieben wird noch »durchdiskutiert«, also eine Forderung vom Mitglied über Abteilungsforderung zu einer gemeinsamen betrieblichen Forderung aufgestellt, um die Identifikation und damit auch die Mobilisierungsfähigkeit für solche Forderungen zu erhöhen. In der Vergangenheit konnten jedoch Abweichungen auch immer als legitimiert dargestellt werden.
Doch zunehmend triften auch die »Hinterzimmerbeschlüsse« der Funktionäre ab, die nicht mehr in das Zeitalter des "Lean Management" und der heterogenen Lebenswirklichkeiten der Arbeitnehmer passen. Damit erhöht sich schrittweise das Risiko, dass die dort gefundene Beschlüsse keine Trägerschaft mehr finden. Dies widerspricht auch der Stoßrichtung des kulturellen Umbruchversuch der IG Metall von einer »Betreuungs- zu einer Mitmachgewerkschaft«. Die Gefahr des Abhängens der ‚Muskelkraft‘ der ArbeiterInnenbewegung an solchen Diskussionen, sollte nicht unterschätzt werden.
Weiterhin geht auch ein Teil des kulturellen Verständnisses abhanden, das auch bei medialer Überinterpretation einigermaßen resistent gewesen ist. Natürlich gab es auch in der Vergangenheit ein betonten demokratischen Zentralismus. Aber um Bedürfnisse der Mitglieder einer heterogenen Gesellschaft und neuen Ansätzen der gewerkschaftlichen Erneuerung gerecht zu werden, bedarf es einer starken Beteiligungskultur der Belegschaften. Ebenso neue kreative Kommunikations – und Interaktionsformen, die dann auch weniger bescheidene, kreative Forderungen hervorbringen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen