Dreizehn

Blog von Dreizehn

23.12.2011 | 13:03

Midgley

Nein, der Mensch ist nicht Eigentümer des Planeten. Nein, es ist nicht seine Aufgabe, die Natur auszubeuten, und sein Auftrag ist nicht, Leben zu zerstören - was maßt er sich an!

Das ist alles längst bekannt. Die Industrienationen gefallen sich darin , am einmal eingeschlagenen falschen Kurs festzuhalten und andere mit ins Boot zu hieven.

Der fehlerhafte Kurs zeigt sich unter anderem daran, dass ein naturwissenschaftlich geprägtes Denken in andere Disziplinen übergreift und in absolutistischem Gestus die Welterklärungskompetenz für sich vereinnahmt. "Science is the only way we know to understand the real world" (Richard Dawkins).

Das ist logischerweise kompletter Unsinn. Niemand versteht die Welt, indem er naturwissenschaftliche Methoden anwendet, also zerlegt, atomisiert, operationalisiert. Abschreckendes Beispiel für Kolonialisierung etwa der Psychologie durch naturwissenschaftliches Denken ist bzw. war der Behaviorismus. 

Diese Forderung, den, wie sie selbst sagt, "imperialistischen" Geltungsanspruch naturwissenschaftlichen Denkens abzuwehren, begründet seit den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Mary Midgley im angloamerikanischen Sprachraum. Sie formuliert ihre Gegenposition in angesehenen englischen Fachzeitschriften und diversen eigenen Publikationen.

Mary Midgley ist der interessierten deutschen Öffentlichkeit unbekannt. Während man im englischen Wikipedia einen ausführlichen, fundierten Text liest, reichhaltig mit Verweisen versehen, existiert Midgley im deutschen Wikipedia - abgesehen von einem Kurzhinweis auf eine Rezension "What Darwin got wrong" in einem Sammelband von Fodor/Katz - nicht. Ich fand kein Stichwort "Midgley" in den Archiven von Süddeutscher Zeitung und ZEIT. Beide Organe widmeten sich jedoch ausführlich den neodarwinistischen Theorien von Dawkins und sogar Thomas Gottschalk demonstrierte unlängst Belesenheit durch Dawkins-namedropping während eines SPIEGEL-Interviews.  

Was soll das? Möchte "man" dem deutschsprachigen Eingeborenen lästige Lektüre ersparen? Ach, geht's um jene Frau (!) Midgley, die in der Fünfzigern (!) über ein verantwortungsbewusstes Verhältnis des Menschen zu Tieren publizierte? Der Wachtelkönig lässt grüßen bzw., seit neuestem, der Juchtenkäfer? Nun? Lernen wir daraus? Was lernen wir daraus?

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goedzak schrieb am 12.01.2012 um 21:50
Aus gegebenem Anlass - :)) - las ich den Text eben nochmal und weiß nun auch, warum ich neulich keinen Kommentar hinterließ: Ich kann mit dem Namen Midgley so gar nichts anfangen, soll heißen, nie gehört den Namen.

Den Satz "Niemand versteht die Welt, indem er naturwissenschaftliche Methoden anwendet, also zerlegt, atomisiert, operationalisiert." unterschreibe ich aber. Die philosophische Anmaßung von Naturwissenschaftlern und gesellschaftspolitische Arroganz von Technologen sind ja sattsam bekannt. Aber da gab es doch seit langem viele Alternativen, warum muss es eine 'Geheimtip'-Autorin sein?
Dreizehn schrieb am 15.02.2012 um 13:43
Ich blätter auch grad nochmal, weil ich einen Text weitergeben wollte, und freu mich über deinen Kommentar.

Midgley soll gar keine Geheimtip-Autorin sein. Ich wundere mich nur, dass sie so komplett ignoriert wird, dabei wär sie vermutlich exakt etwas fürs Abendblatt oder für Frauenzeitschriften, sie ist auf eine äußerst liebenswürdige Weise gesprächig. Vermutlich wird sie genau deswegen unterm Teppich gehalten.
Dreizehn
Lebe in einem Winkel der großen Stadt, lese gern, melde mich zu Wort.
Ort:
Hamburg
Mitglied seit:
2 Jahre 50 Wochen
Zuletzt aktiv:
26.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 51
Kommentare: 803
Logbuch
11:46
lebowski hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
11:46
goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
11:45
delloc hat gerade einen Kommentar geschrieben.
11:45
ideefix hat gerade einen Kommentar geschrieben.
11:44
heidenplejer hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG