Sophia Hoffmann

www.oh-sophia.net

21.01.2011 | 10:10

Fashion Freak

Ein schlauer Mann hat einmal gesagt: Stil kannst du schon kaufen, nur den guten, den eigenen nicht. Aber was ist das eigentlich, der eigene Stil? Über wie viele Bad-Taste-Brücken muss man schreiten um irgendwann im Fashion-Ikonen-Nirwana aufgenommen zu werden? Eine Selbstanalyse passend zur Fashion Week...


 

„Hi, I have a fashion blog, can I take a photo of you?“, so schallt es mir schon mal ins verschlafene Ohr, wenn ich mich in einem trendigen Berliner Szene-Bezirk morgens auf den Weg zum Bäcker mache. Vor allem wenn ich unbedacht den, zugegeben etwas auffälligen, kobaltblauen 80er-Jahre-Velours-Ledermantel und die usbekische Fellmütze als Outfit gewählt habe. Klarerweise fühle ich mich geehrt, wenn ich als modisches Individuum wahrgenommen werde und freue mich über die eigene Einzigartigkeit, wäre da nicht die Dichte der um den Hals gehängten Spiegelreflex-Kamera-Träger mit Blogger- Ambitionen in den letzten Jahren so explodiert, wie die der Coffee-To-Go-Läden, die aussehen wie eine schlampige WG-Küche. Aber das sind Berlin-spezifische Phänomene. Es soll sie ja geben, die Hipster, die hoffnungsvoll auf gewissen Straßen auf und ab flanieren, nur um „abgeschossen“ zu werden. Ich kann mit vollem Brustton der Überzeugung sagen, dass ich nicht dazu gehöre. Ich ziehe das an, was mir gefällt, gerne auch mal etwas Ausgefalleneres, aber manchmal auch nach dem Motto: Schwarz ist das alte und das neue Schwarz und wird immer schwarz bleiben. Soll heißen, wenn ich meine Tage bekomme oder einen Kater habe, bin ich auch gerne mal unsichtbar und mache nicht auf Joan-Collins-meets-Debbie-Harry-79‘.

 

Stil kann man nicht kaufen, sagt man so, aber wo bekommt man ihn her, wo fing die eigene Stilbildung an, wie wurde ich äußerlich zu dem, was ich heute darstelle? Wenn ich mir Teenager-Fotos ansehe, dann wird mir schnell klar, dass ich in diesem Alter der allgemeinen Verwirrung auch bei den Outfits sehr konsequent danebengegriffen habe. Andererseits waren das die 90er Jahre, die nicht gerade für ihren klassischen, zeitlosen Stil in die Geschichte eingegangen sind. Hawaii-Hemden, bunte Felljacken mit Riesen-Krägen, Samt-Schlaghosen und Polyester-Hemden mit 70er-Jahre-Muster zur Ballon-Mütze waren Pflicht, Muscheln am Lederband trug man um den Hals und an den Füssen klobiges Plateau in Camouflage-Optik.

 

Rave-Hippie-meets-Grunge-Barbie

Ekelhaft, aber konsequent, wie die Musik-Videos aus dieser Zeit. Aber vielleicht muss man noch viel weiter zurückschauen, in die Kindheit. Auf der Suche nach frühen Fashion-Statements fällt vor allem mein Hang zu ungewöhnlichen Kopfbedeckungen auf. Im Alter von 2-4 Jahren liebte ich folgende zwei besonders am Kopf: Unterhosen, besonders aus Frottee und ein Häkel-Ungetüm, wie man es verwendet um auf der Kofferraum-Ablage des Autos eine Klopapier-Rolle darunter zu verstecken.

 

Meine Eltern waren sehr tolerant und ließen mich auch in der Öffentlichkeit diese ungewöhnlichen Kreationen tragen. „Verkleiden“ war mein liebstes Spiel als Kind und die Faschingszeit die schönste Zeit, unbewusst probierte ich mich und meinen späteren Stil vor dem Wohnzimmerspiegel bis zum Erbrechen aus.

 

Meine erste bewusste Fashion-Offenbarung erlebte ich dann als Teenager im Alter von 14 Jahren, als ich das erste Mal nach London reiste und vollkommen überwältigt in Camden stand. Das musste der Nabel der Welt sein, hier wollte ich leben, lieben, shoppen! Damals gab es noch keine Blogs und Trends verbreiteten sich viel langsamer, und so war ich zurück von meiner England-Reise modetechnisch mindestens ein halbes Jahr voraus mit meinen Karo-Hosen und den Handschellen als Handtaschen-Accessoire. Ich wurde immer selbstbewusster und schuf vermehrt Eigenkreationen, bedruckte und bemalte T-Shirts. Glitzerschrift war top, Worte wie Soul oder Glam, aber auch Album- Titel wie Sheer Heart Attack oder No Rest for the Wicked, sowie Filmzitate (Ich habe eine Wassermelone getragen, Dein Freund war fantastisch) sorgten für Aufsehen im Münchner Underground. Kurz vor meinem Umzug nach Wien wurden meine Fashion-Statements so mutig, dass ich ein Shirt schuf auf dem stand: Munich sucks! Das kam so gut an, dass ich es sogar im kleinen Stil vertrieb und unzählige Exemplare in Umlauf brachte. Irgendwann war die Jeans-und-T-Shirt-Phase vorbei, mittlerweile kleide ich mich nach dem Motto: Dress or Trainers! Also entweder Kleid, oft Vintage, oder Zuhause und Schluffi, dazwischen gibt es nicht viel. In drei Jahren als Party-Veranstalter in Wien habe ich kein Outfit zweimal getragen, das ist doch wohl Ehrensache.

 

Nur blöd wenn dieses Konzept einmal durcheinander gerät, dann hilft nur noch bluffen: Vor zwei Jahren war ich im Rahmen der Berliner Fashion Week auf eine Modenschau eingeladen. Und da es am Abend zuvor spät wurde, fiel ich aus dem Bett, in einen müffeligen Jogginganzug und drüber meinen schicken Vintage-Christian-Lacroix-Wintermantel, im Kopf den Plan, schnell hin zur Show, dort ist es ganz dunkel, keiner sieht mein Outfit und danach fahr ich sofort zurück ins Bett. Doch blöderweise traf ich dort zwei nette Kolleginnen, die mich überredeten sie noch auf einen exklusiven Launch einer schwedischen Kaufhauskette in einer schnieken Privat-Wohnung in Mitte zu begleiten. An der Tür nahm man uns zuvorkommend die Mäntel ab und ich musste mich meinem Schicksal ergeben. Da stand ich nun in den sackartigen, ausgeblichenen lila Puma-Jogging-Hosen meines Vaters, die dieser in den 80er Jahren beim bulgarischen Volkstanz getragen hatte und musste so tun, als wäre das ein Fashion Statement. Sofort kamen superfreundliche PR-Damen heran und wollte wissen, wer ich denn sei und ich hörte mich selbst mit dem Brustton der Überzeugung sagen: „Ich bin verantwortlich für den Musik und Moderessort bei XY...“. Ich hatte nicht mal Concealer benutzt, es war schrecklich, aber solche Erlebnisse härten ab und man lernt auch in einem Postsack selbstbewusst zu agieren, was ich übrigens auch schon mal gemacht habe, aber das ist eine andere Geschichte...

 

 
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