Sophia Hoffmann

www.oh-sophia.net

15.12.2010 | 16:16

She's working hard for the money...

Alltagsbefindlichkeiten und Geschichten, die das Leben schreibt, erlebt irgendwo zwischen München-Wien-Berlin, diesmal der Nebenjob des künstlerisch Schaffenden:

„Wenn dir dein Taschengeld nicht reicht, dann such dir halt einen Nebenjob!“, mit diesen Worten meiner Mutter fing alles an. Mein erstes Geld hatte ich mir schon im zarten Alter von 13 Jahren mit „Kinderschminken“ auf Sommerfesten verdient, aber die hielten nie still, nervten und hatten oft so ausgefallene Wünsche wie „Dinosaurier“ und wollten nie ein Schmetterling oder ein Tiger sein.

Mit siebzehn fing ich also an bei einem Pizza-Service zu arbeiten, als Bäcker und Mädchen für alles.

Auf Hygiene wurde kein allzu grosser Wert gelegt, „alles“ umfasste auch den Schimmel vom Eimer mit Bolognese-Sauce abzuschöpfen oder vom Käse abzuschneiden. Meine Chefin, eine Kettenraucherin mit Hang zu fettigem Haar, pflegte immer zu sagen: „Der Pizza-Ofen hat über 300 Grad, was da durchgeht, ist danach eh hin!“

Wenn gerade nichts los war spielte ich mit den Fahrern, halbkriminellen Kickboxern aus der Nachbarschaft, Karten oder wir brachten dem Tadege, unserem ghanaeischen Kollegen bayrische Begriffe wie „Holz vor der Hüttn“ oder „Oachkatzlschwoaf“ bei. Das war immer sehr lustig, bis zu dem Tag an dem Tadege meinte: „ Wenn meine Frau nicht gehorcht, dann kriegt sie ein paar, dann versteht sie...“. Danach fand ich ihn nicht mehr so nett.

Irgendwann wurde es mir in dieser Pizza-Höllen-Küche zu eklig und ich fing an Samstags und in den Schulferien bei einer Bäckerei zu arbeiten.

Doch auch hier wurde mit Schimmel eher locker umgegangen und ich machte meinen ersten Ausflug in die Gastronomie.

2 Monate verdingte ich mich als Bedienung bei Wienerwald, dort musste ich eine lächerliche Kellnerinnen-Tracht tragen: Einen Faltenrock, dessen Farbgebung einer Gardine im Altenheim glich, dazu eine asymetrische weisse Schürze und eine Bluse, die mit einem Huhn bestickt war.

Neben dem Chef war ich die einzige Deutsche im Lokal, das supermoderne Bonierungs-System, bei dem die Bestellung automatisch in der Küche ausgedruckt wurde, funktionierte genau gar nicht, da niemand dort die deutsche Sprache in Schrift beherrschte, so musste ich zur Küche rennen, Blickkontakt mit dem Koch suchen und ihm überdeutlich und laaaaaangsaaaaam meine Bestellung zubrüllen.

Zweimal im Jahr arbeitete ich in den folgenden Jahren auf einem Weihnachts-bzw. Sommermarkt, wo ich gegrillte Maiskolben und Ofenkartoffeln verkaufte.

Lustig wars vor allem zur kalten Jahreszeit, da wir dann auch Glühwein im Angebot hatten, von dem ich selbst immer ein Stamperl irgendwo rumstehen hatte und quasi 3 Wochen dauerbeschwipst war. Musste ich das Geschirr in den Spül-Container bringen, so traf ich dort oft einen Alt-Hippie mit dem ich mir einen Ofen teilte, der nichts mit Kartoffeln zu tun hatte.

Beim Verlassen der dampfende Waschküche in die klirrende Winterluft fuhr dieser doppelt so schnell ein.

Die letzten Monate bevor ich nach Wien zog, arbeitete ich in der Münchner Philharmonie, einem grossen Konzerthaus beim Catering, die Lachsbrötchen und Sektreste durften sich die Angestellten am Ende des Abends mitnehmen, für meine allgemeine Armut also eine recht luxuriöse Zeit, in der meine Ernährung hauptsächlich aus diesen beiden Komponenten bestand.

Und in Wien ging es jobmässig in einem Feinkostgeschäft nahe der Votivkirche weiter (längst war die Taschengeld-Aufbesserung zur Überlebens-Sicherung geworden), dort nahm ich erstmal 5 Kilo zu, da neben im Überfluss vorhandenen Schmankerln wie Käse-Leberkäse und Krustenbraten andauernd Feinkost-Vertreter vorbei kamen um mich mit französischem Nougat oder italienischem Rosmarin-Schinken zu mästen. Nach einem Jahr hatte ich genug und strebte eine kalorienärmere Nebentätigkeit an.

Zusammen mit M., einem guten Freund und damals noch recht erfolglosen Schauspieler, übernahm ich dutzende Promotion-Jobs und versorgte ganz Wien inklusive meinen gesamten Freundeskreis mit Topfencreme, Actimel, Sojabohnen und ähnlichem.

Einmal wurden wir zwei sogar nach Innsbruck geschickt, wo wir für Iglo in einem grossen Einkaufszentrum Jonglier-Bälle verteilen sollten und weil das noch nicht doof genug war, mussten wir eigens bedruckte T-Shirts tragen, auf meinem stand „freches Früchtchen“ und auf seinem „junges Gemüse“. Da er aus Tirol stammte und nach Wien gegangen war um reich und berühmt zu werden, litt er umso mehr als im Laufe des Tages unzählige Bekannte vorbei spazierten und ihn verhöhnten.

Einen Sommer lang machte ich mit M. Fahrgast-Befragungen bei der Schiffs-Anlegestelle am Mexicoplatz, doch nach zwei dicken, amerikanischen Rentner-Pärchen hatten wir meist keine Lust mehr und versoffen unser hart verdientes Geld in der Strandbar Hermann.

Es gab auch ganz fürchterliche Promotion-Jobs, bei denen man zu unchristlich frühen Zeiten an stark befahrenen Strassenkreuzungen Werbeprospekte verteilen musste, aus Angst im Halbschlaf überfahren zu werden, machte ich das nur zweimal.

Besser war es im Manner-Shop am Stefansplatz, da konnte ich die meiste Zeit an der Kasse sitzen, musste ab und an ein paar Riesen-Geschenk-Boxen für arabische Scheich-Frauen packen und durfte urviel Süsses mit nach Hause nehmen.

Als ich schon DJ war und selbst Parties veranstaltete, hackelte ich nebenher bei einem Requisiten-und Eventmöbel-Verleih. Ganz ohne das Geld ging es auch nicht und so führte ich ein gesellschaftliches Doppelleben, so konnte es schon mal vorkommen, dass ich abends bei einer Veranstaltung auf einem Barhocker ein Glas Champagner schlürfte, den ich am Vormittag selbst frierend in einer dunklen Lagerhalle geputzt hatte.

Im Grunde habe ich fast alle Nebenjobs gehasst und tue es immer noch, doch leider war ich immer so schrecklich gut und geschickt, dass alle Chefs mich nur schweren Herzens gehen liessen und am liebsten lebenslänglich übernommen hätten. Ein Bekannter hat einmal zu mir gesagt: „Du verschwendest dein Talent hinter einer Wursttheke!“ Heute tue ich es hinter einer Käsetheke, doch nur noch zwei Tage die Woche. Bis heute fühle ich mich immer als würde ich eine perfekte Rolle spielen, vielleicht hätte ich doch Schauspielerin werden sollen?

 

 

 

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 16.12.2010 um 01:17
..... Talent verschwenden:

hinter der Wursttheke
ist besser als in.......

(wann machst Du Deine erste Pizzeria auf?)
weinsztein schrieb am 16.12.2010 um 01:48
Mit Schreiben verschwendest Du Deine Talente allerdings nicht. Schön, Dich hier zu lesen.
Sophia Hoffmann
This Is The Fast Lane, This Is Where I Live...
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12:14
Ismene hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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anna T. hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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