dschun

Blog von dschun

18.04.2010 | 08:52

Wo ist hier der Exit? Über die Freiheit im Web.

die Mauer

 

Gut. Eigentlich hätte es ein ganz normal gemütlicher Arbeitstag werden sollen. Layouten für das neue Punzengruber Buch, Twittern, an Madeleine feilen, Verträge durchlesen und dergleichen mehr. Dann kam mir die Idee, ich könnte über die letzten, nicht unwesentlichen Ereignisse meine Leser unterrichten. Also bastelte ich recht hurtig einen Newsletter, garnierte ihn mit reizenden Worten und appetitmachenden Zeilen und schickte ihn ab. Aber es ging nicht. Es wollte nicht. Mein Provider ließ es nicht zu. Warum? Darüber kann ich nur mutmaßen. Vermutlich ein Wort, das die automatische SPAM-BLACKLIST-Filterung in meiner E-Mail entdeckte. Einerseits blockiert nun mein Provider das Versenden meines Newsletters, andererseits, wenn man diese Hürde umgangen hat (ich habe noch eine andere Adresse), muss man bemerken, dass die Nachricht für bestimmte Empfänger gelöscht wurde. Tja. So kann es also gehen.

Hin und wieder stolpert man ja über Zensur-Vorwürfe. Zum Beispiel in China. Man liest, nickt und geht zum nächsten Thema über. So lange es einem nicht selbst betrifft, kann man nicht ermessen, welches System wir da zum Leben erweckt haben. Da drängt sich natürlich das FRANKENSTEIN-Monster als passender Vergleich auf. Zu weit hergeholt, sagen Sie? Nun, dann versuchen Sie es einmal so zu sehen: würden Ihre, mit der Post versendeten Briefe von einer Maschine geöffnet, gelesen und geprüft werden, würden Sie und ich und alle anderen nicht von einer unerträglichen Zensur, von einer nicht hinnehmbaren Diktatur sprechen? Noch mehr, wo dieses Prozedere bereits kafkaeske Züge annimmt. Die Filterung geschieht vollautomatisch und der Provider darf sich jetzt mit einer “Abuse”-Stelle, irgendwo im nirgendwo, herumschlagen, falls er vom Kunden, also von mir, dazu genötigt wird.

Ich stünde auf der BLACKLIST, wird mir am Telefon des Helpdesks freundlich mitgeteilt. Ich könne nun 24 Stunden warten und keine E-Mails versenden, danach läuft alles wie gewohnt und geschmiert, oder ich schicke eine E-Mail an eine Abuse-Stelle und erklären, warum ich auf die Blacklist gekommen bin und dass man mich wieder herausnehmen solle. Das mag schon bittstellerisch genug sein, aber wenn man auch noch aufgefordert wird, die Original-E-Mail an diese “Abuse”-Stelle zu schicken, so dass diese den “Grund der falschen Deklaration” ausfindig machen können, dann wird einem ganz schön schwummrig.

automated process detected unsolicited content

Die Meldung habe ich von hier kopiert: HAUPTWORT - auch da macht man sich über diese Zensur Gedanken. Dass es wohl nicht nur meinen Provider sondern wohl auch andere betrifft, erfährt man in einem Kommentar (vermutlich eine übergeordnete Filter-Stelle). Jetzt frage ich mich, welche E-Mails so unter den Teppich gekehrt werden. Wir werden es wohl nie erfahren, weil die Nachrichten augenblicklich gelöscht werden. Das mag in manchen SPAM-Fällen ja vielleicht nützlich und sinnvoll sein. Aber wenn die Automatik beginnt, ungefährliche und seriöse Nachrichten einzustampfen, dann haben wir es hier mit Zensur oder einer schlecht programmierten Filterung zu tun. In beiden Fällen ist die Gacke am Dampfen, wenn es kein vernünftiges EXIT-Prozedere (erinnert an Rotkäppchen!) gibt. Was kann und soll ich in Zukunft tun, damit meine Newsletter nicht als SPAM erkannt werden? Sich andauernd mit einer BLACKLIST-ABUSE-Stelle auseinanderzusetzen kann ja wohl nicht wirklich die Lösung sein. Muss ich also in Hinkunft die Wörter, die ich großflächig verbreiten möchte, sorgfältig auswählen? SPAM-Words wie “günstige Versicherung”, “Penisverlängerung”, “Viagra” usw. und so fort, scheiden damit wohl aus.

Und eines zeigt diese leidige Geschichte auch: die Technik, E-Mails zu scannen, zu prüfen und zu löschen bzw. zu melden, ist vorhanden und wird bereits eingesetzt. Von der Freiheit im Web, wie immer wieder postuliert wird, kann wohl nicht mehr gesprochen werden. Jedenfalls nicht für einen gewöhnlichen User.

Wer den bösen Newsletter angucken möchte, bitte sehr: link

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 18.04.2010 um 09:27
Das lässt mich doch anfangen, über den Spam-Filter zu sinnieren....
Lee Berthine schrieb am 18.04.2010 um 12:12
Hammer, was du da berichtest.

Mir ist vor einiger Zeit mal passiert, dass ich - ganz normale private emails ohne irgendwelche Schlüsselworte - nicht an den hotmail.com server schicken konnte, das heißt, Freunde im Ausland bekamen meine Nachricht gar nicht erst und ich erhielt eine Nachricht vom Mailer Demon (!), dass ich ein nicht zulässiger Absender sei.

Nachdem das dreimal passiert war, kam ich mir schon selber verdächtig und irgendwie nicht zulässig vor, noch dazu gab es dann Mißverständnisse mit den Freunden, die nicht verstanden, wieso meine mails nicht ankamen. Irgendwas musste da ja wohl faul sein...

Schließlich kontaktierte ich meinen Internet-Anbieter, Microsoft und den hotmail-Server und schrieb - ähnlich wie du es schilderst - verzweifelte "Bittbriefe".

Inzwischen funktioniert das Mailen reibungslos, aber ich weiß bis heute nicht, woran es gelegen hat. Eine Erklärung habe ich nie bekommen.

Das schmälert aber nicht das ungute Gefühl, das mich damals "beschlichen" hat, dass ich von Unbekannten gefiltert und dokumentiert werde.

Das heißt, es gibt "Torwärter" oder Wächter, die über uns und unsere Mails bestimmen und urteilen können. Und die den Exit bewachen.

Sorry, bei Rotkäppchen 2069 bin ich noch nicht an die Stelle des Buchs gekommen, wos um den Exit geht, kann daher nur mutmaßen, bin aber gespannt.

LG Lee
dschun schrieb am 18.04.2010 um 13:33
Wie von mir beschrieben, das Torwächterszenario ist ziemlich kafkaesk, in der Wirklichkeit wie in der Virtuality von Rotkäppchen 2069 ;-)

Ich befürchte, das Web wird stärker gefiltert, als uns lieb sein kann. Hat natürlich an der Flut der SPAMs und TROJANER zu tun, die schon mal Serversysteme lahm legen können. Wenn es stimmt, dann ist ja nur ein Bruchteil der E-Mails, die im Web herumgeschickt werden, seriös und okay - der Rest automatisierte SPAMs.

Bereits vor Jahren sagte mal ein IT-Experte beim 9to5-Symposium in Berlin, dass die Zeit des E-Mails gekommen sei. Gut möglich, dass in Zukunft die Kommunikation nur noch über social networks laufen.
dschun
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