Es stimmt wohl, mit dem Älter werden kann dir schon einmal dieser und jener Termin durchrutschen. Dafür kommen in dir die ganz alten, sehr frühen Geschichten hoch. Wie die von dem geschuften Bild.

Wie habe ich diese Küche gemocht. Vom alten Sofa an der Wand der Blick durchs Fenster in den Garten. Aus der Kochnische um die Ecke das stumpfe Klappern der gusseisernen Ringe vom Kohleherd, wenn die Mutter sie mit dem Feuerhaken einlegte. Und dann dieser Geruch von heißer Asche, kochenden Pellkartoffeln und Bratapfel, Goldparmäne aus eigenem Garten. Unsere Küche, der Mittelpunkt des Lebens.
Das Sofa war der Stammplatz meines Vaters. Hier las er Zeitung, polierte rätselhafte Aluminiumteile oder drehte Zigaretten, manchmal aus Kippenresten und Zeitungsrand. Für mich, das Nesthäkchen, kam das rote Plüsch zum Lümmeln nur in Frage wenn ich krank war.
Ob ich an jenem Morgen krank gewesen bin, weiß ich nicht mehr. Es war Samstag und die Ferien hatten begonnen. Jedenfalls durfte ich in der Ecke auf dem Sofa sitzen und hören, was sich Mutter und Vater beim Lesen der morgendlichen Zeitung erzählten. Gierig saugte ich die Worte auf. Das war gelegentlich schon einige Momente später hilfreich. Zwar konnte ich schon lesen verstand jedoch die Sprache der Presse nicht immer.
Bis zu eben diesem Samstagmorgen, da es nach Bratapfel roch und ich doch genau verstanden hatte was ich da las. Dieses Bild war nicht gemalt, es war geschuft! Mutter und Vater waren eben uneins darüber, ob in dem Bild der Alltag der Walzwerker realistisch oder mit leichtem Hang zur Glorifizierung „gemalt“ ist. „Das Bild ist nicht gemalt. Das Bild ist geschuft!“ rief ich aus, überzeugt von dem, was da schwarz auf weiß stand.
Die Blicke der Eltern wie eine Provokation für mich als Jungleser. Also las ich vor, weshalb das Bild geschuft und nicht gemalt ist: „Adolph Menzel schuf sein Eisenwalzwerk 1875″. Also doch, geschuft, nicht gemalt.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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