Eckhard Supp

Blog von Eckhard Supp

13.01.2011 | 11:50

Italiener geben an, Presse spielt mit - PR als Desinformation

Fast wäre mir die Mitteilung in die News auf ENO WorldWine gerutscht, bis ich - sozusagen in letzter Sekunde - merkte, dass sie dort nichts zu suchen hatte. "Italiens Schaumweine überholen die Champagne" lautete der Titel eines Artikels, den ich in einer indischen (!) Online-Publikation gefunden hatte. Der Artikel basierte dabei auf einer Pressemitteilung des italienischen Önologenverbands "Assoenologi", und deren ungefilterte Wiedergabe durch die Inder unterschied sich ich nichts, wirklich in absolut nichts, von dem, was auch bei uns zahlreiche, so genannte Presseorgane, ganz gleich ob on- oder offline, fast täglich praktizieren.

In der (Wiedergabe der) Pressemitteilung wurde behauptet, die italienische Schaumweinindustrie habe im letzten Jahr mit 380 Mio. Flaschen erstmals mehr produziert, als die renommierte französischen Champagne, und das sei ein ganz toller Erfolg. Dieser Erfolg erkläre sich vor allem dadurch, dass Italien gleiche Qualität zu deutlich niedrigeren Preisen biete: So koste eine einigermaßen anständige Flasche Champagner mindestens 50 $, während die italienische Konkurrenz schon zu einem Fünftel des Preises zu haben sei, bei den Spitzencuvées müsse man bei der Champagne mindestens 120 $ hinlegen, in Italien dagegen nur ein Drittel davon.

Einmal abgesehen davon, dass diese Preisvergleiche erstens nicht stimmen (auch die Spitzencuvée von Bellavista kostet schon mehr als 100 $) und zweitens nichts über die Qualität der Produkte aussagen, hinkt natürlich auch die Anfangsaussage ganz gewaltig. Die gesamte italienische Schaumweinproduktion, d. h. Prosecco, Asti Spumante, dütt und datt inbegriffen, mit der der Champagne vergleichen zu wollen - unter Ausschluss der gigantischen Crémant-Mousseux-etc.-Produktion der Franzosen - ist ungefähr so sinnvoll, wie der Vergleich der Schaumweinproduktion Australiens mit der von Hamburg-Blankenese.

Das Schlimme an solchen Veröffentlichungen ist, dass sie sich hinter dem Etikett des Journalismus verstecken, und dass viele so genannte Journalisten es als ihre vorrangige, wenn nicht gar einzige Aufgabe anzusehen scheinen, solche Pressemitteilungen mehr oder weniger unrecherchiert und ungefiltert zu veröffentlichen oder zu aggregieren, wie es in schönem Neudeutsch heißt.

Nun verlangt niemand, man dürfe die Inhalte von Pressemitteilungen überhaupt nicht mehr veröffentlichen. Aber zwei Dinge sollte man doch dabei immer beachten: Ist man nicht in der Lage, ihren Wahrheitsgehalt zu verifizieren, dann muss in jedem Fall die kritische Distanz derart erkennbar werden, dass die Mitteilung als reine PR-Behauptung gekennzeichnet wird. "XYZ behauptet: Italien überholt die Champagne". Dann ist der Nachrichteninhalt der Meldung ganz klar nicht der Inhalt der Pressemitteilung, sondern die Tatsache, dass jemand etwas behauptet hat. Also, wenn Merkel behauptete, Westerwelle sei ein Eierdieb, kann die Meldung nicht lauten, "Westerwelle ist ein Eierdieb", sondern "Merkel behauptet ...".

Enthält eine solche Pressemitteilung dagegen klare - und für jeden auch nur einigermaßen Eingeweihten erkennbare - Desinformation, wie dies beispielsweise in der vom Weinblogger Dirk Würtz zitierten Pressemitteilung der rheinlandpfälzischen Spitzenkandidatin Julia Klöckner der Fall ist, dann ist die nicht verifizierte und nicht relativierte Wiedergabe dieser Pressemitteilung (keine Fiktion, sondern so geschehen) keine journalistische Arbeit, sondern ebenfalls Desinformation.

Summa summarum: Aggregieren und Kopieren von PR-Mitteilungen ist kein Journalismus, sondern selbst nur PR-Arbeit (bei den meisten aus schierer Dummheit sogar unbezahlte)! Das scheint eine Binse, ist es aber Wert, dem einen oder anderen immer mal wieder ins Stammuch geschrieben zu werden.

 
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Eckhard Supp
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