10.02.2012 | 15:41

Fröhliches und gesegnetes Komplottieren

Interne Dokumente des Vatikan finden immer öfter den Weg zu einer Zeitung, die in Italien als links wahrgenommen wird

Die römische Tageszeitung Il Fatto Quotidiano hat vor wenigen Stunden exklusiv die Übersetzung eines in deutscher Sprache gehaltenen Berichts veröffentlicht. Anonym, als „streng vertraulich“ überschrieben und auf den 30.12.2011 datiert, enthält er nicht weniger als die Hypothese eines Mordkomplotts gegen Papst Benedikt XVI.

Die Bemerkungen, die eine solche Annahme rechtfertigten, seien anlässlich einer Reise von Paolo Romeo, Kardinal und Erzbischof von Palermo gefallen. Im November 2011 hatte sich Romeo auf einem Besuch in China befunden, wo er italienische Geschäftsleute und nicht näher bezeichnete chinesische Gesprächspartner getroffen habe. Während dieser Gespräche habe der Kardinal, so die Übersetzung, „den Tod von Papst Benedikt XVI. innerhalb der nächsten 12 Monate vorhergesagt.“ Die Erklärungen seien „wie von einer Person, die möglicherweise über ein ernsthaftes kriminelles Komplott informiert ist, derart sicher und bestimmt vorgetragen worden, dass seine Gesprächspartner in China mit Erschrecken daran gedacht haben, dass ein Attentat gegen den Heiligen Vater im Gang sei.“ Auch ein Nachfolger stünde bereits fest: Kardinal Angelo Scola, der von Benedikt selbst von „Venedig nach Mailand berufen worden“ sei, „um sich auf das Papstamt vorzubereiten.“

Der Inhalt des Schreibens sei anlässlich einer Privataudienz in den ersten Januartagen von Kardinal Darío Castrillón Hoyos dem Papst bekannt gegeben worden. Seitdem seien Ermittlungen über den Urheber und die in dem Bericht genannten Umstände im Gange.

Tatsächlich gesellt sich die Meldung zu jenen, die die Tageszeitung im neuen Jahr hintereinander veröffentlich hat. Am 27. Januar war es ein vertraulicher Brief gewesen, den Carlo Maria Viganò, wenige Monate zuvor als apostolischer Nuntius in den USA eingesetzt, geschrieben hatte. Adressat war der mächtige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone. Viganò prangerte darin im Mai 2011 Misswirtschaft und Korruption innerhalb des Vatikans und der von diesem gehaltenen gesellschaftlichen Beteiligungen an: Diebstähle aus Residenzen des Papstes, die vom Direktor der Vatikanischen Museen gedeckt würden bis zu Rechnungsfälschungen und Zahlungsausfällen durch private Zulieferer, an denen hohe Prälaten verdeckt beteiligt seien. Aus der zeitlichen Reihenfolge konnte der Verdacht nicht von der Hand gewiesen werden, dass die im Oktober 2011 erfolgte Ernennung zum Nuntius jenseits des Atlantiks nichts anderes war als das elegante Wegloben eines Kritikers vom Ort des Geschehens.

Eine konstante Erzählstruktur

Am 31. Januar folgte die Veröffentlichung  eines internen Memorandums, das dem Sekretariat des Papstes zugeschrieben wird und die Vatikanbank betrifft: Entgegen aller öffentlichen Zusicherungen wolle der Vatikan und das Istituto per le Opere di Religione (Institut für die religiösen Werke, IOR, so die offizielle Bezeichnung der Bank) nicht mit der Zentralbank sowie den Antikorruptionsbehörden Italiens zusammenarbeiten. Zumindest nicht für den Zeitraum vor dem 1. April 2011. Zu diesem Datum wurde die vatikanische Finanzaufsichtsbehörde des Vatikans (Autorità di informazione finanziaria, AIF) per Motu Proprio des Papstes ins Leben gerufen. Die Haltung würde, so erinnert Il Fatto Quotidiano, die Ermittlungen der italienischen Justiz behindern, die den amtierenden Präsidenten des Instituts, Ettore Gotti Tedeschi, schwer belasten würden. Es geht dabei u.a. um eine Überweisung von 23 Millionen Euro zugunsten eines Kontos bei der Frankfurter Filiale von JP Morgan, deren Ursprünge völlig im Dunklen liegen würden und die daher von der italienischen Justiz blockiert worden war. Dies war möglich gewesen, nachdem sich das IOR einer italienischen Geschäftsbank zur Erledigung bedient hatte. Generell habe der Vatikan infolge der Schwierigkeiten mit den italienischen Ermittlern, den Schwerpunkt seiner Operationen in Richtung JP Morgan und dort vor allem in der Filiale von Frankfurt am Main konzentriert.

In Italien sind die Erinnerungen an die Verwicklungen des IOR in die geschäftlichen wie politischen Machenschaften ganz weltlicher Natur noch wach. 1984 musste die Bank gegenüber den internationalen Gläubigern des Banco Ambrosiano 406 Millionen Dollar Entschädigung zahlen. Monsignor Paul Casimir Marcinkus, der das IOR 18 Jahre leitete, hatte den 1982 unter einer Londoner Brücke aufgehängt gefundenen Roberto Calvi durch Patronageerklärungen für in Wirklichkeit nicht existierende Geschäfte unterstützt. Calvi seinerseits stand mit seinem Banco Ambrosiano im Zentrum von Geldwäsche für die Mafia, die Geheimloge Propaganda Due (P2) um Licio Gelli sowie für Geheimdienste. 2002 wurde das außerordentlich komplizierte Beziehungsgeflecht  im Film I Banchieri di Dio – Il caso Calvi (dt: Die Bankiers Gottes, der Fall Calvi) dem Publikum nochmals und gedrängt vorgestellt. Die nun von einer Tageszeitung in wenigen Wochen präsentierten Dokumente spielen in kürzester Zeit das Szenario zwischen Korruption, internationalem Geflecht und Todesdrohungen nach. Nur diesmal aus der Mitte des Vatikans selbst.

Il Fatto Quotidiano hat zu der neuerlichen Epistel den Pressesprecher des Vatikans, Pater Federico Lombardi befragt. Seine Antwort: „Veröffentlicht, was ihr glaubt, aber ihr übernehmt eine Verantwortung. Mir scheint das eine Sache so außerhalb der Wirklichkeit und der Ernsthaftigkeit zu sein, dass ich sie nicht einmal in Betracht ziehen will. Es erscheint mir unglaublich, und ich will es nicht einmal kommentieren.“ Ein Dementi, dass der Bericht existieren würde, hat Lombardi freilich nicht erklärt.

Die Zeitung rechtfertigt die Veröffentlichung: „Damit sich die Überprüfung von Ursprung und Echtheit [Anm.: des Berichts] coram populo abspielt und die Heilige Römische Kirche endlich ihr Schweigen bricht, um ihren Gläubigen zu erklären (und nicht nur denen), wie es möglich ist, dass zwischen den Kardinälen und dem Papst sichere Todesvorhersagen und Mordhypothesen zirkulieren können, bei deren Lektüre alleine man Gänsehaut bekommt.“

Man könnte anfügen, dass wir jetzt ahnen, warum Dan Brown als „Erzfeind des Vatikan“ bezeichnet wird. Nicht weil dieser Wahrheiten verkünden würde, sondern weil die Wirklichkeit, wenn sie ans Tageslicht kommt, phantastischer ist als jede Verschwörungstheorie. e2m

[update 17:30 Uhr: Mittlerweile hat die Zeitung das deutschsprachige Original online gestellt --> Link Es fällt auf, dass unten rechts eine „2“ steht, die üblicherweise auf eine Folgeseite hinweist. e2m]

 
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Kommentare
cuchulainn schrieb am 10.02.2012 um 19:15
mal vorweg: warum muss man sich zur vorbereitung aufs pasttum von venedig nach mailand begeben? weiss das jemand?
ed2murrow schrieb am 10.02.2012 um 21:47
Die Erzdiozöse Mailand hat nicht nur eine beachtliche Geschichte, die (der Legende nach) bis auf das Jahr 52 heutiger Zeitrechnung zurückgeht und daher unter den Bischöfen eine ganze Menge Heilige aufweist. Sie ist auch "Papstmacherin". Der elfte Pius und der sechste Paul (der das 2. Konzil zu Ende führte) sowie weitere 3 waren vorher Bischöfe von Mailand gewesen.
cuchulainn schrieb am 10.02.2012 um 23:46
danke, e2m. wieder was gelernt.

im augenblick weiss ich nicht, was ich von der geschichte halten soll - sie klingt einerseits wie eine drittklassige räuberpistole, andererseits wäre es aber auch nicht zum ersten mal, dass sich die herren in purpur mit solchen durchstechereien wieder mal publikumswirksam "aufreichern".
luggi schrieb am 10.02.2012 um 22:12
mal so unprof. gefragt
was bedeutet dieses Erz- ?
Mineralogischen Forschungen mag das ja in Ordnung sein. Aber sollte dieser Glauben so Erz- sein? Hm. Vielleicht hat das ja etwas mit ehern zu tun. Aber ich möchte mich nicht in diesem religiösen Konvolut verlieren.
ed2murrow schrieb am 10.02.2012 um 22:25
Mußt Du auch nicht. Es reicht, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass das, was Religion und Kirche ausmacht -mittlerweile wieder eine laufende Begründung selbst für militärische Ingerenzen-, sehr menschlich ist.
goedzak schrieb am 10.02.2012 um 23:22
Den Artikel habe ich dann doch gelesen, obwohl mir das Sujet spätestens seit Dan Brown sowas von über ist - und dann kommt der Kerl am Schluss auch noch vor!!! Also, weißte...
ed2murrow schrieb am 10.02.2012 um 23:34
Ist doch fein. Mir kam Dein Päckchen aus Russland auch gleich suspekt vor ...
goedzak schrieb am 11.02.2012 um 13:14
Da bist Du Dir einig mit dem Zoll.

Ansonsten: Meine Bemerkung war scherzhaft gemeint (außer, dass ich Dan Brown tatsächlich nicht leiden kann). :)
ed2murrow schrieb am 11.02.2012 um 16:05
Ich dachte, wenn ich Dir schreibe, würde sich ^^ erübrigen. In Deinen Blogs lese ich wie in den Büchern in meiner Sammlung. Bild Dir nichts darauf ein, das will was heißen ;)
hardob schrieb am 11.02.2012 um 10:18
Ja mei, als Papst hat man es auch nicht leicht. Wer weiß, ob Müntefering recht hatte, vielleicht ist SPD-Vorsitzender doch das schönere Amt. Ob man der besseren Institution vorsitzt, darüber ließe sich streiten. Aber; der Papst! Da steht er nun als Gottberufener einem Machtverhau alternder, Männer gegenüber, von denen manche, so ließe sich mit soliden Kenntnissen in der Küchenpsychologie spekulieren, sexuelle Phantasien bei der Beschäftigung mit Geld, Besitz, Lüge und Mord abwehren. Denen kein Geschäft schmutzig genug ist, um den eingebildeten Schmutz der "Befleckung" zu übertreffen. Deswegen musste ein tschechischer Ökonom kommen, der uns aus den alten und heiligen Schriften die moderne Wirtschaftswelt in ihrer ganzen Verworfenheit erklärt. Der "Vatikan" zeigt sich dazu bisher leider noch nicht in der Lage. Er droht immer nur ein bisschen mit dem (beschmutzten?) Fingerchen.
Columbus schrieb am 11.02.2012 um 16:53
Ich denke, lieber Ed2murrow,

Es muss aus jeder guten papalen Verschwörungsstory wenigstens so viel heraus springen, dass die vatikanischen Archive nicht abbrennen, weil der Feuerschutz eventuell fehlte. Schon allein der vielen historischen Fälschungen wegen, wäre das ein Unding.

Die Bauten müssen erhalten bleiben, weil da ständig einer werkt, und so mancher gefühlte kirchliche Einfluss sollte ruhig sein Memento vom Anschein der raunenden Ewigkeit erhalten.

Dazu, der Ablass ist ja nicht mehr recht möglich, soll es dann meinetwegen, angelegentlich einer solchen Geschichte, ein paar Petri-Cent geben und alte Männer weiter in Weiß so unwirklich schön und gestisch- langsam huldigen dürfen, um mit ihren hohen, leicht gebrochenen Stimmchen, mir, ihnen und der ganzen Welt den Segen zu erteilen.

Übrigens, die Erklärung Venedig-Mailand- Vorbereitung, die ist nicht ganz plausibel, weil die Lagune als Erzbistum und Kardinalssitz mindesten gleichen Ranges gelten darf, unter den Erzdiözesen des katholischen Italien. Aus Venedig kommen zwar heute keine italienischen Päpste mehr, aber es war auch einmal anders.

Ein Dementi, das wäre dement, denn es gälte als Zeichen der Schwäche, auch wenn es sich nur um 23 Millionen Euro drehte.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
ed2murrow schrieb am 11.02.2012 um 17:38
Lieber Christoph Leusch,

das venezianische Patriarchat brachte auch Päpste hervor, keine Frage: Den 23. Johannes, unmittelbarer Vorgänger des oben genannten sechsten Paul und damit Einberufer des 2. Konzils. Aber er starb an Krebs, so wie der Tod des ebenfalls vorher als venezianischer Patriarch eingesetzte erste Johannes Paul noch heute die Gemüter ganz im Sinne von Dan Brown beschäftigt. Nehmen Sie das zusammen mit sprichwörtlichem Aberglauben und der Tatsache, dass das Patriarchat an der Lagune erst Mitte des 15. Jahrhunderts des Aufschreibens wert war, ergibt sich eine ganz andere Lesart von Rang ;)

Im Übrigen haben Sie ganz recht, die 23 Millionen haben sehr viel mit dem Zehnten zu tun, der nach italienischer Steuergesetzgebung jenes acht von tausend vom Einkommenssteueraufkommen darstellt, das der Staat an die Religionsgemeinschaften ausschüttet. In der Steuererklärung darf der Pflichtige bestimmen, an wen.
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