29.08.2011 | 12:21

Italien – Amtsanwalt zensiert, das Volk liquidiert

Zuerst waren die millionenschweren Klagen von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, nun die eines Ministeriums – Zensur auf Kosten der Bürger, in jeder Hinsicht

 

Zensur folgte in Italien bislang einem fast lupenreinen privatwirtschaftlichen Muster. Nicht der Staat griff offenkundig gegen Medien ein, sondern jeder Politiker, der seinen Namen in einem ihm unangenehmen Zusammenhang zitiert sah. Da dies meistens mit einer Verwechselung öffentlicher mit privaten Belangen zu tun hat, war und ist die Rechnung einfach: Schneidet ein Chronist den Kredit ab, werden er und sein Medium zur Kasse gebeten, vorzugsweise mit Schadensersatzklagen ab hohen fünfstelligen Beträgen.

Ein Zeichen der besonderen Art hatte Ministerpräsident Silvio Berlusconi vor genau zwei Jahren gesetzt. Er verklagte die römische Tageszeitung La Repubblica auf den sagenhaften Betrag von einer Million Euro, weil sie ihm öffentlich 10 Fragen zu seinem privaten und öffentlichen Wirken gestellt hatte. Es ging um eine sehr junge Neapolitanerin, um das Näheverhältnis zu Prostituierten, um die potentielle Erpressbarkeit eines Regierungschefs.

Gleichzeitig ging der Medienmogul den Nouvel Observateur in Frankreich und El Pais in Spanien an, da er sich wegen deren Berichterstattung im Zentrum einer internationalen Presseverschwörung wähnte. Die ebenfalls in Rom erscheinende l’Unità wurde auch mit einer Klage bedacht, weil dort die polizeilich abgehörten Gespräche zwischen Frauen aus der Entourage des Ministerpräsidenten in Auszügen abgedruckt worden waren. Das Thema von Berichterstattung und Gerichtsverfahren hier: Potenzprobleme.

Die neue Masche,
das beleidigte Ministerium

Seit diesem August ist aus dem Muster eine institutionelle Masche geworden. Beklagte sind diesmal die Tageszeitung Il Fatto Quotidiano und ihre Journalisten. Und da die Preise gestiegen sind, beträgt das Verlangen nun insgesamt 1,5 Millionen Euro. Der Unterschied: Kläger ist nicht nur ein Politiker, nämlich die für Tourismus zuständige Ministerin Michela Vittoria Brambilla, sondern zusätzlich ihr Ministerium, vertreten von der Amtsanwaltschaft der Republik, mithin der Staat selbst. Das ist ein Novum.

Anlass war ein Artikel vom vergangenen November unter dem beziehungsreichen Titel „Ufficio di Collocamento Brambilla“, was so viel bedeutet wie Brambillas Agentur für Arbeit. In ihm wurde der Frage nachgegangen, welches Personal mit welcher Qualifikation unter den Fittichen „einer Auftragsstruktur zur Wiederlancierung des Erscheinungsbildes Italiens“ Platz gefunden habe. Das ist eine per Dekret geschaffene Werbeabteilung im Beritt der Ministerin und wie jede ministerielle Struktur mit öffentlichen Geldern alimentiert.

Zehn Werbeschaffende hat also Il Fatto namentlich benannt („die Getreuesten“), die nach Recherchen der Zeitung aus ihrem Erfahrungsschatz vor allem eines vorweisen würden: Eine Vergangenheit mit der Ministerin (etwa als Entdecker der damals sehr jungen „Miss-Italia“-Finalistin für den TV-Bildschirm) oder mit Fernsehanstalten aus der unternehmerisch-politischen Umgebung des Medienmoguls und Ministerpräsidenten Berlusconi, so der Tenor.

In Aussendungen Ende Dezember kündigte Brambilla an, ihr Amt werde klagen, um, wörtlich: Ausgleich für die Schäden am Image der Abteilung für Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit des Tourismus sowie der Auftragsstruktur zur Wiederlancierung des Erscheinungsbildes Italiens zu erhalten“. Sie habe dazu „bereits der zuständigen Amtsanwaltschaft Auftrag erteilt“.
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Rechnungshof in Rom gerade Ermittlungen aufgenommen gehabt. Sein Anfangsverdacht: Die in dem Artikel Genannten könnten trotz öffentlicher Besoldung rein parteipolitische Tätigkeit ausgeübt und damit den Fiskus geschädigt haben. Das Ermittlungsverfahren ist noch im Gange.

Ihre Ankündigung hat die Ministerin wahr gemacht und sogar überholt. Neben der ministeriellen (über eine Million) ist dem Fatto eine persönliche Schadensersatzklage von Frau Brambilla über eine halbe Million Euro zugestellt worden „als Ersatz für die unwahre und verleumderische Kampagne, die ihr gegenüber geführt wird und die daraus entstandenen Imageschäden“.

Wegbereiter Berlusconi

Das Vorgehen Berlusconis hatte 2009 heftige internationale Reaktionen ausgelöst. Die OSZE schaltete sich ein und verlangte, Berlusconi solle seine Klagen zurücknehmen. Das Europäische Parlament diskutierte im Plenum die „Informationsfreiheit in Italien“, EU-Kommissarin Viviane Reding wurde befasst, Journalistenverbände protestierten, die Menschen auf den Straßen Italiens ohnehin.

Der Grund für die Empörung war berechtigt, denn die Situation zur Meinungs- und Pressefreiheit in Italien kann nur als paradox bezeichnet werden. Wo die Verfassung diese Rechte garantiert, ist zu deren Vollzug seit Jahren ein Regierungschef berufen, der kraft seiner unternehmerischen Tätigkeit im Medienbereich nur ein Interesse haben kann – Konkurrenten auszuschalten, die auf der Grundlage solcher Freiheiten existieren. Was wiederum einem Ministerpräsidenten zupass kommt, dem Widerworte ein Gräuel sind.

Dementsprechend hatte sich Berlusconi mit La Repubblica die auflagenstärkste linksliberale Zeitung seines Landes als Ziel ausgesucht. El Pais und Nouvelobs passen, neben ihrer dezidiert erklärten Solidarität mit dem italienischen Blatt, in dasselbe Beuteschema.

Die damit einhergehende schleichende Zensur ist von der öffentlichen Empörung freilich nicht aufgehalten worden. Denn Ziel derartiger Verfahren ist nicht die Wiederherstellung des Rechtsfriedens durch die gerichtliche Feststellung der Grenzen von Meinungs- und Pressefreiheit. Dazu dauern nicht nur in Italien bekanntermaßen die Verfahren durch die Instanzenzüge zu lange.

Die Klagen, vor allem aber die als Schadensersatz begehrten Phantasiebeträge wirken vielmehr als Abschreckung, da nicht nur jede Meinungsäußerung, sondern bereits Tatsachenfeststellungen zur existentiellen Bedrohung werden. Allerdings nicht für die Politik, die von der öffentlichen Meinung zu kontrollieren wäre, sondern für die veröffentlichte Meinung selbst.

Ein starker Staat
und seine Persönlichkeit(en)

Ministerin Brambilla hat den Off-Limits-Bereich nun ein deutliches Stück weiter gezogen. Nicht mehr nur der einzelne politische Akteur bedient sich vordergründig der juristischen Waffe exorbitanter Forderungen nach Schadensersatz. Italiens Amtsanwaltschaft, die 1933 gebildet wurde und deren offizieller Titel „Anwaltschaft des Staates“ lautet, hat die Aufgabe, „gerichtlich die vermögens- und nichtvermögensrechtliche Interessen des Staates und anderer hierzu zugelassener Behörden zu wahren und sie ohne Ansehung des Rechtsgebietes zu beraten.“

Sie einzuspannen, um gegen Medienberichte vorzugehen, bedeutet einerseits die Erschließung praktisch grenzenloser Ressourcen eines Apparates. Es bedeutet aber vor allem die offensichtliche und offen bekundete Wiederaufnahme eines Konzeptes des „starken Staates“, dem dazu die Eigenschaft der „Verleumdungsfähigkeit“ beigestellt wird. Aus der schleichenden ist eine Zensur von Amts wegen geworden. Der Formentausch, dass sie nicht in einem administrativen, sondern in einem Zivilverfahren stattfindet, ist dazu das modernistische Attribut. Der Effekt, dass nur erwünschte Inhalte veröffentlicht oder ausgetauscht werden, bleibt der gleiche.

Sehr klarsichtig hatte John Hooper im Guardian („Being Silvio Berlusconi“) 2009 geschrieben: „Der zum Politiker gewandelte Tycoon kann zurecht für sich in Anspruch nehmen, dass seit der faschistischen Diktatur von Benito Mussolini kein anderer Anführer Italien so sehr seinen persönlichen Stempel aufgedrückt hat.“ Die Folgen der Prägung erlebt dieser Tage auch Marco Travaglio, stellvertretender Chefredakteur und Mitherausgeber des Il Fatto Quotidiano. Nach Zustellung der Klagen hat er vergangene Woche in einem Leitartikel Überlegungen darüber angestellt, ob nicht wieder ein Fall vorläge, in dem „für eine private Auseinandersetzung die öffentliche Hand eingespannt“ werde.

Auch diesen Artikel hat Frau Brambilla goutiert und postwendend online über das Hausorgan der Familie Berlusconi Il Giornale wissen lassen, „sie habe „dem eigenen Anwalt ihres Vertrauens Mandat erteilt, um gegen den Journalisten“ vorzugehen. Grund sei, dass „der Journalist Ministerin Brambilla zu Unrecht vorwirft, sich zur persönlichen Verteidigung in der gerichtlichen Auseinandersetzung mit der betreffenden Tageszeitung der Amtsanwaltschaft des Staates auf Kosten der Steuerzahler zu bedienen“.

Sozusagen eine Klage über die Klage.e2m

Update 06.09.2011: Seit der letzten Lektüre der institutionellen Seite der Avvocatura dello Stato am 29. August hat diese ersichtlich ihre Eigenbeschreibung geändert. Sie lautet nun: „Die Amtsanwaltschaft des Staates, errichtet mit königlichem Erlass vom 30. November 1933 n. 1611, ist das gesetzliche Organ des Staates, dem die Aufgaben der juristischen Beratung und der Verteidigung der staatlichen Verwaltungen in allen zivil-, straf-, verwaltungs-, schieds-, europarechtlichen und internationalen Gerichtsverfahren zugewiesen ist. […] Die Amtsanwaltschaft unterstützt, berät und verteidigt exklusiv und organisch die staatlichen Verwaltungen, darin eingeschlossen die Verfassungsorgane und die unabhängigen Behörden […].“

(Foto auf der Startseite: AFP Photo / Tiziana Fabi)

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Streifzug schrieb am 29.08.2011 um 18:54
Was hilft? Den Spieß umdrehen. Das Volk liquidiert.
ed2murrow schrieb am 30.08.2011 um 22:13
Dumm nur, dass das Rechnungswesen hernach immer noch nach dem Prinzip Soll und Haben funktioniert.
Streifzug schrieb am 30.08.2011 um 22:20
Es funktioniert dann nach dem Prinzip: Mit Köpfchen oder Kopf-los.
tlacuache schrieb am 30.08.2011 um 09:04
Der ganz normale Wahnsinn...
Danke fuer die guten Infos @tuMuffelaffe,
koennte aehnliches aus meinem Wellenbereich berichten, aber das Einwohnermeldeamt sieht das nicht so gerne
("eigener MAULKORB")...
Ansonsten schliesse ich mich Streifzug an...
LG
Blinkfeuer schrieb am 31.08.2011 um 01:13
Ja, ist es denn möglich?
Da steht: 29.08.2011 drüber... und "Italien" und .... wo bleibt der Aufruf, den B. - Hüter der Milliarden des G. aus L. - hinwegzufegen? Ich schaue, stelle fest: der B. ist ja nicht aus GR, aber richtig pleite---fast so pleite wie Belgien, das aber nicht so pleite wie GB ist... aber dem B. hier noch rechtsstaatlich begegnen, das hat der nicht verdient. Auch blogistische Zuwendung nicht. Was soll das?
zelotti schrieb am 31.08.2011 um 11:07
Irgendwie verrückt die Situation, aber was können die tun?

Eine Variante ist der Rückzug auf die Region als Identität. Der Zerfall des Italienischen Staates ist munter im gange.
Giuseppe Navetta schrieb am 31.08.2011 um 15:27
Ist nicht alles dort so, wie es früher auch gewesen ist? Ich kann mich an kein Jahr meiner Italien-Aufenthalte erinnern, wo nicht das andauernde Klagelied über die Ineffizienz und Käuflichkeit (Tangentopoli) der Exekutive/Administration sowie der Legislative in meinem Freundes- und Familienkreis zu hören war! Und seit man dem Staatsanwaltschaftspool Di Pietros Mitte der Neunziger Befangenheit bezichtigte und Verfahrensfehler unterstellte, die in offiziellen Untersuchungen nicht bestätigt werden konnten und die obersten Gerichte, wenn auch aus einer formalrechtlichen Notwendigkeit heraus argumentierend, den unsäglichen Anschuldigungen der Herrscharen von Berlusconi - Freunden bestehend aus der Journaille und zahlreichen Lobbyisten als vierte und fünfte Gewalt im Staate, tendenziell freiwillig/unfreiwillig unterstützten, glaube ich nur noch in eingeschränktem Maße an die Unabhängigkeit der Judikative Italiens. Vielleicht ist der Zustand, dass es Staatsanwälte wie Antonio Di Pietro oder Felice Casson sind, die die Staatsräson aufrecht erhalten bzw. darstellen, der Rest der Rechtsprechung aber mit "anderen" Dingen beschäftigt ist, nur allzu kennzeichnend für den jetzigen Zustand der italienischen Republik!
Vielen Dank für diesen informativen Artikel!
Mit besten Grüßen!
ed2murrow schrieb am 31.08.2011 um 16:59
Das andere Ende der Überlegung ist, dass sächlich und personell die Gerichte beständig beschnitten, arbeitsintensive und zugleich rechtstaatlich fragwürdige Delikte wie das der Immigration geschaffen und einzelne Richter schon einmal von der Berlusconi nahe stehenden Presse beschattet werden, wenn sie zum Friseur gehen (um dann anhand der Farbe der im Sitzen sichtbaren Socken zu mutmaßen, ob er nicht ggfs. gay sein könnte).

Di Pietro sitzt Herrn B. heute im Parlament im Nacken, mit Ilda Boccassini und einer Reihe junger Staatsanwälte wird dessen und die Arbeit von Piercamillo Davigo in der Staatsanwaltschaft weitergeführt. Und ja, es ist eine Sisyphosarbeit.
ed2murrow
resisting anything but temptation (frei nach Oscar Wilde)
Mitglied seit:
2 Jahre 15 Wochen
Zuletzt aktiv:
22.02.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 182
Kommentare: 3610
Mein Web:
Logbuch
09:23
Don Quijote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:22
Gustlik hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:22
ChristianBerlin hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:17
abghoul hat gerade einen Kommentar geschrieben.
09:15
SiebzehnterJuni hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Konsenskandidat Gauck

portlet_gauck.png

Javier Marías Die sterblich Verliebten S. Fischer 2012

432 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Javier Marías, der große Erzähler Spaniens, ist zurück. "Endlich zeigt große Literatur wieder ihr wahres Gesicht", schreibt die spanische Presse über den Roman, der in Spanien gleich auf Platz 1 der Bestsellerliste stand. Wie in seinem Welterfolg "Mein Herz so weiß" überzeugt Javier Marías durch fesselnde Spannung und unerwartete Wendungen >> mehr

portlet-gaertnerbuch.png

Liebeshandlung - Eugenides

Rote Perlen

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Die zwei Gesichter des Ostens

Ausgabe 08/12
23.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG