20.09.2011 | 13:28

Neues vom Caesar

Was verbindet Silvio Berlusconi mit den Piraten in Berlin? Eine Vernetzung

Das ist einer der Momente, den sich Regierte wünschen - erfahren, was Regierende wirklich denken. Und doch passiert es eher selten. Einige Einblicke hat Wikileaks geboten, als die Plattform die sogenannten Cables veröffentlicht hat oder sie ließ. Eine andere Gelegenheit haben Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Italien gegeben, als Telefongespräche von mehreren mutmaßlichen Kriminellen abgehört wurden. Am anderen Ende der Leitung befand sich häufig Ministerpräsident Silvio Berlusconi, der im festen Glauben an die Nichtöffentlichkeit des Wortes (vielleicht auch an seine Unberührbarkeit) den Gefühlen freien Lauf ließ. Die stehen nun seit Tagen weltweit in den Zeitungen. Online kann daraus -je nach Recherchefähigkeit und Sprachkenntnissen- ein permanentes Dossier erstellt werden, bei Verfügbarkeit eines Anschlusses jederzeit und allerorts verfügbar.

Dass derart freier, weil ungefilterter Zugang zu den eigentlichen Gedanken führender Politiker hierzulande praktisch nie eröffnet ist, hängt nicht nur mit deren Savoir-Faire zusammen. Oder mit der intimen Kenntnis um die Möglichkeiten von 17 Innenministerien und ihrer Behörden, die vorsichtig werden lässt. Auch kleine, praktisch nie zitierte Vorschriften tragen dazu bei, vom unangenehmen Zitat Abstand zu nehmen aus begründeter Furcht davor, sich die Schreibfeder zu verbrennen.

Das unerwünschte wörtliche Zitat

Der Clou der italienischen Veröffentlichungen der letzten Tage sind die wörtlichen Zitate aus denkbar zuverlässigen Quellen, weil polizeilichen Abhörprotokollen. Seitenweise werden sie Zeitungen im Wortlaut abgedruckt. Permanent online bleiben sie bei der linksliberalen La Repubblica auf 5 Seiten, dem konservativen Corriere della Sera auf 4, beim Meinungsblatt Il Fatto Quotidiano mit der vollständigen Kopie der Ermittlungsergebnisse auf 269 Seiten via slideshare.

Deutschen Medien ist ein derartiges Vorgehen untersagt. § 353d unseres Strafgesetzbuches hält Haftstrafen parat für die, die „amtliche Schriftstücke eines Strafverfahrens …, ganz oder in wesentlichen Teilen, im Wortlaut öffentlich“ mitteilen, „bevor sie in öffentlicher Verhandlung erörtert worden sind oder das Verfahren abgeschlossen ist“. Die Androhung gilt nicht nur gegen Presse und Rundfunk, sondern gegen alle Medien und schließt Blogger mit ein. Streng genommen auch jeden noch so unscheinbaren Kommentar in einem online-Forum.

Das mag auf den ersten Blick skurril erscheinen, denn das wörtliche Zitierverbot kann leicht umgangen werden, worauf unter anderem netzwerk recherche hinweist. Der Verein sieht sich unter anderem in der „Pflicht,  wenn Funktionsträger den freien Fluss von Informationen behindern“. Es reichten, so sein Rat, „geringfügige textliche Veränderungen wie indirekte Rede und leichte Modifikationen der Wortwahl“.

Das aber ist der Kern eines politischen Problems. Denn was leicht modifiziert ist, kann ebenso leicht als aus dem Zusammenhang gerissen bezeichnet werden, sogar als parteilich, wenn sich das weniger gewogene Medium der Sache annimmt. Exakt die Argumentation, derer sich der italienische Ministerpräsident bis vor kurzem bediente, um kritischen Berichten zu begegnen. Gegen die Wortlaute vermag er nun nichts anderes vorzubringen, als die italienischen Gesetze verändern zu wollen. Was bedeutet: Auf den Stand des deutschen Strafrechts bringen.

Das hat nun sogar den ansonsten zurückhaltenden Corriere della Sera veranlasst, seine Motive darzulegen. Unter „Warum veröffentlichen wir diese Dokumente“ beruft sich das Blatt auf „Recht und Pflicht der Berichterstattung. Wir sind uns bewusst, dass die Telefonate an einigen Stellen die Privatsphäre der beteiligten Personen aufs Spiel setzt. Aber die entgegengesetzte Entscheidung, sie nicht zu veröffentlichen, würde zu einer Form von Selbstzensur und der Verdeckung verkommen und würde die Leser daran hindern, Tatsachen und Verhaltensweisen zu erfahren, die für Politik und Sitte erheblich sind.“ Wobei anzufügen wäre: Würden diese Inhalte erst nach deren Erörterung in Verhandlungen oder nach Abschluss von Verfahren veröffentlicht, wäre es in Italien womöglich zwei bis drei Regierungen später.

Wenn das Netz Grenzen sprengt
und Vergleiche ermöglicht

Was demgemäß eine interessante Lesart für unsere eigene Normierung bedeutet: Unterbindet §353b das Recht und die Pflicht auf Berichterstattung, versperrt die Vorschrift den Lesern die Sicht auf die Dinge, wie sie wirklich sind? Das war unter anderem die Auffassung des Deutschen Journalisten-Verbandes und des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger im Jahr 1985. Gerade wurde die Flick-Affäre aufbereitet, und es wurden Stern-Reporter wegen Zitierens aus Akten angeklagt. Auch damals ging es um sehr Privatimes, nämlich die eigennützige Pflege politischer Landschaften. Die Vertreter der Presse meinten dazu, „auch die redlichste Inhaltsbeschreibung verliert gegenüber dem wörtlichen Zitat an Wahrheit.“ Das Bundesverfassungsgericht war zu der Zeit anderer Auffassung. Seitdem steht die Norm unangefochten.

In der Zwischenzeit ist das Netz ausgebrochen und mit ihm: Die Überwindung geographischer Barrieren, die unmittelbare Verfügbarkeit der Information, das im Sinne von Geschichtsschreibung ewige Gedächtnis, die aktivere Partizipation der Menschen am Geschehen. Gerade die völlige Losgelöstheit von hergebrachten physischen Grenzen muss die Vertreter bisheriger Denkmodelle von Einhegung und Partikularisierung in den Grundfesten ihrer Überzeugungen erschüttern.

Diese Öffentlichkeit lässt sich nicht mehr durch Schlagbäume an Landesgrenzen, durch Versammlungsverbote auf Straßen und Plätzen, von Geboten, sich kenntlich zu machen, aufhalten. Binnen weniger Stunden ist dank viralem Marketing das Netz in der Lage, einer Petition zum Thema Vorratsdatenspeicherung die zureichende Zahl an Unterschriften zu vermitteln. Flash- und Smart Mobs sind Produkte digitaler Kommunikation. Und Öffentlichkeit, der Begriff selbst definiert sich zunehmend nicht mehr in Abgrenzung zur und aus der Blickrichtung der Privatheit her, sondern als Transparenz und damit Nachvollziehbarkeit politischen Handelns.

Mit den Piraten ist zum ersten Mal eine politische Gruppierung in ein deutsches Parlament eingezogen, das sich diese Selbstverständlichkeiten ans Revers gehaftet hat. Unter den vielen Deutungsversuchen für deren Wahlerfolg dürfte der von Niklas Hofmann einleuchten: „Manche in den etablierten Parteien empfinden das Netz immer noch als Bedrohung und wollen es den Gesetzen der Offline-Welt unterwerfen. Aber ein erheblicher Teil der Wählerschaft will offenbar lieber den umgekehrten Weg gehen und seinen Freiheitsraum auch außerhalb des Netzes ausbauen.“

Nur dass Unterwerfung bereits stattfindet, etwa vermittels kleiner, kaum beachteter Vorschriften aus dem Strafrecht, deren Wurzeln und Wortlaut auf Gesetze zurückzuführen sind, die 1874 erlassen wurden. Zu dieser Zeit galt genau denen Presse als Teufelszeug, für die das www heute nach Schwefel riecht. Und Nachahmer überall finden, auch in einem sehr eifrigen südlichen Potentaten. e2m

 
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Kommentare
d353rt schrieb am 20.09.2011 um 15:12
... na dann, auf in den Kampf gegen die Unterdrückung...

Guter Beitrag.Danke
j-ap schrieb am 20.09.2011 um 15:38
Lieber ed2murrow,

nichts von dem, was Du hier schreibst, ist falsch -- und doch fehlt etwas, nämlich die Frage nach den Voraussetzungen all dessen, was hier beschrieben ist.

Ich zB bin nicht der Ansicht, daß "das Netz" eine Agglomeration möglicher Bürgermacht ist, die, soweit sie nur frei bleibt von polit-ökonomischer Intervention, früher oder später schon noch die gute, wahre und schöne Demokratie befördern helfen könne; und sei's eben nur auf dem sekundären Pfad, indem sie die bereits bestehenden Kontroll- und Aufsichtsmöglichkeiten aufs Offline-Peronal verstärkt, das sich aus diesem Grunde auch nicht "einfach so" übers Netz und seine virtuellen citoyens hinwegsetzen könne.

Um es kurz zu machen: Ich halte diese Deus-ex-machina-Philosophie für eine Mythe, die in erster Linie von diversen post-New Economy-Unternehmern und den dazugehörigen Freelancern interessiert bewirtschaftet wird, die "das Netz" eben nicht als ihr jeweiliges Geschäfts- und Arbeitsmittel stehen lassen können, sondern ihm auf Biegen und Brechen ein Ideologem unterziehen müssen ähnlich wie historisch die Gewerkschaften (und hier insbesondere die syndikalistischen Versionen) glaubten, den Kapitalismus schon noch unter die Fuchtel zu bekommen, wenn sie nur mal den Hebel zur Kontrolle der Arbeitskraft in die Finger bekäme.

Die Piratenpartei ist in dieser Perspektive nichts anderes als die systemkonforme Interessen- und "Ständevertretung" des sich im Netz herumtreibenden Mittel- und Kleinbürgertums:

"Für alle ist etwas vorgesehen, damit keiner ausweichen kann." (Horkheimer)

Grüße!
ed2murrow schrieb am 20.09.2011 um 16:05
Lieber Josef,

ich gehe völlig mit Dir konform, dass natürlich "das Netz" überall dort überhöht wird, wo es ins jeweilige Konzept paßt. Gleiches gilt im übrigen auch für dessen Dämonisierung.

Nur sollten wir eines nicht vergessen: Kommunikation zwischen Menschen ist ein Grundaustausch, ohne sie gäbe es Menschheit nicht! Derzeit gibt es außer dem Vier- oder Mehraugengespräch keine direktere, schnellere und komplettere Form der Kommunikation als das Netz, und dies tatsächlich von der Datumsgrenze zurück. Was mit der Disziplinierung einhergeht, ist bestimmte Inhalte über deren Form zu privilegieren, statt den Umgang mit dem Medium in seiner Gesamtheit fruchtbar zu machen. Und da gehörst auch Du zur interessierten Seite, indem Du letztlich jede Entäußerung, die Dir als die systemkonforme Interessen- und Ständevertretung erscheint, als vernachlässigenswert erachtest.

Es gibt in der Tat einige Netzwerkarchitekten, die einen Deus-ex-Machina-Effekt propagieren. Darüber habe ich mich in meinen Trollartikeln ausgelassen und sie für nicht fruchtbar erachtet, weil ihnen die Rückkoppelung zu den Menschen fehlt. Aber das bedeutet nicht, dass ich ihnen den Mund verbieten würde oder mir selbst so etwas gefallen ließe. Und irgendwann nur noch via anonym.to surfen müssen.

Servus
j-ap schrieb am 20.09.2011 um 20:22
Oh, "vernachlässigenswert" ist hier nichts, lieber e2m, das ist es nämlich nie, wenn sich eine bestimmte Fraktion des Bürgertums über sich selbst ausspricht. Im Gegenteil.

Ich habe auch keines weiteres Problem mit der Piratenpartei -- jedenfalls keines, das ich nicht auch mit anderen Parteien hätte, die der Staatsbürgerladen ganz offiziell als Binnenkonkurrenz ums Bestehende lizensiert --, aber sie ist halt nicht, was manche zwangshaft in sie hineinprojezieren: eine politische Formation, die für etwas ganz anderes steht.

Justament davon sind aber, soweit ich das verfolge, nicht wenige Teile der Piraten selbst zutiefst überzeugt: daß sie "ganz undogmatisch" und jenseits aller "politischen Schemata" (das betrifft wohl in erster Linie die hergebrachte Links-Rechts-Dichotomie) operieren wollen, wenn sie die digitalen Freiheitsrechte ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stellen. Und so liest sich dann auch der erste Satz der Präambel des aktuellen Parteiprogramms, wo es heißt: "Im Zuge der Digitalen Revolution aller Lebensbereiche sind trotz aller Lippenbekenntnisse die Würde und die Freiheit des Menschen in bisher ungeahnter Art und Weise gefährdet."

Ich weiß nicht, wie's Dir geht, lieber e2m, aber mir fallen ganz spontan zwei oder auch drei Sachen ein, die die "Würde und die Freiheit des Menschen" in ganz erheblicher und durchaus "ungeahnter Art und Weise" gefährden, aber mit der "digitalen Revolution" ganz und gar nichts zu tun haben.

D'Ehre!
Streifzug schrieb am 20.09.2011 um 16:01
Lieber ed2murrow,

genau um diesen, ja, man muss wirklich sagen, um diesen Kampf geht es. Denn, sollte das Internet so eingehegt werden, wie es sich die Herrschenden vorstellen, dann fallen viele Aktionisten auf einen Stand vor der Buschtrommel zurück. Sie werden sprachlos. Die Gefahr einer potenziellen Sprachlosigkeit blenden viele noch aus, ihnen reicht ihr Handy, welches aber letzlich am gleichen Faden hängt.

Daher ist es momentan völlig Wurst, lieber J.A.-P., ob die Piratenpartei eine
"systemkonforme Interessen- und "Ständevertretung" des sich im Netz herumtreibenden Mittel- und Kleinbürgertums: "
ist. Wenn wir die von ed2murrow treffend geschilderte Situation nur theoretisch horkheimerisieren, dann sind wir sprachlos, bevor wir auch nur Piep sagen können. Aus dem Grunde habe ich mein wunderschönes Briefpapier nie entsorgt :)
ed2murrow
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