17.02.2012 | 13:28

Rücktritt von der Spitze der Entrüstung

Christian Wulff ist vom Amt des Bundespräsidenten zurück getreten. An diesem Freitag den 17. ausgerechnet die Person, die das Alltägliche am besten verkörpert hat und damit zu Recht als erster Repräsentant Deutschlands gelten konnte

Von Deutschland als korruptem Staat zu sprechen, wäre natürlich zuviel verlangt. Anderswo, so wurde in den letzten Wochen betont, sähe es viel schlimmer aus, in Italien etwa.

Dort war die Regierung Monti kaum installiert, als bereits die ersten Nachrichten darüber zirkulierten, dass unter den Technokraten ganz schnöder Mammon ebenfalls Leitwährung ist. Staatssekretär Carlo Malinconico hatte sich Urlaub in einem Luxushotel in Porto Ercole erlaubt. Dabei ist zu beachten, dass der malerische Ort am Monte Argentario mit Blick auf „Urlaub“ ein beinahe genauso mythisches weil teures Pflaster für Mittelitaliener ist wie Sylt für einen Niedersachsen. Auch da ging es darum, dass der Aufenthalt von einem Unternehmer gezahlt worden war und um die Behauptung des Amtsinhabers, die Rechnung nachträglich ausgeglichen zu haben. Malinconico musste schließlich demissionieren.

Der Vergleich mag hinken: Da der ehemalige Ministerpräsident eines Bundeslandes, dort ein subalternes politisches Amt. Im Gegenteil könnte das Beispiel dazu verleiten, um darzulegen, welche Ebenen bereits korrumpiert seien und welche hierzulande -man hört beinahe den Erleichterungsseufzer- noch nicht.

Was dann erst sagen, wenn praktisch parallel zur Causa Wulff in Österreich ein parlamentarischer Korruptions-Ausschuss eingerichtet worden ist. Gestern wurde der Geschäftsmann und Lobbyist Peter Hochegger einvernommen, der ohne weiteres zugegeben hat, Millionen im Interesse der Telekom Austria unter 28 Politikern verteilt zu haben, um die Gesetzgebung zu beeinflussen – von Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) bis zu den hintersten Zipfeln der Politik im BZÖ. Die Worte, die Hochegger im anschließenden Interview gefunden hat, klingen  seit heute Mittag auch für deutsche Ohren vertraut: Moralisch sei vielleicht nicht alles richtig gewesen. Aber strafrechtliche Relevanz gäbe es keine. Und nur die sei schließlich ausschlaggebend.

Verwerflichkeit als Konstante

Von allen drei Personen und ihren Umständen ist die Fehlbarkeit in moralischer Hinsicht quasi als Entschuldigungsgrund evoziert worden. Was die ohnehin feststehende Meinung, dass Moral in der Politik nichts zu suchen habe, nur weiter zementiert. Freilich in einem anderen als im landläufigen Sinne.

Denn sich aufgrund von Freundschaft und Bekanntschaften einen Vorteil zu verschaffen, ist die älteste Währung der Welt. Denn natürlich führt sie dazu, dass man das Auto bei einem Bekannten reparieren lässt, dafür weniger zahlt als in der Fachwerkstatt, spätestens dann wenn es um die Mehrwertsteuer geht. Und natürlich berät ein Anwalt auch mal gratis unter der Hand, etwa beim Abendessen im Freundeskreis, obwohl er das nicht dürfte. Jemand der jemanden kennt, der Mörtel hatte und dafür Winterreifen suchte, war sogar eine ganz reale Bedingung in einer gelenkten Wirtschaft, die vor rund 20 Jahren ihr Ende fand, dort sogar mit einem bewundernden Unterton, dass man sich trotz allem durchfitzen konnte.

Nein, mit Moral hat das alles nichts zu tun. Denn jeder schaut, wo er bleibt, immer, überall. Wer etwas anderes behauptet, lügt sich und anderen in die Tasche. Wo also die moralische Frage gestellt wird, sogar zugegeben wird, gegen derartige Prinzipien verstoßen zu haben, dann ist stets ein Gebiet angesprochen, das Konventionen per Definition ausschließt, das der Einflussnahme.

Wo das do ut des unter Freunden nur den einfachen Tauschhandel bedeutet, ist es auf Ebene der Politik vom Kuhhandel zur Gesetzgebung zugunsten eines ganzen Wirtschaftszweiges oder für eine Einflussgruppe nur ein kurzer Weg. Das ist die faktische Entmündigung des eigentlichen Souveräns, der sich mit der Wahl zwar für eine Partei ausgesprochen haben mag, aber nicht dafür, dass dadurch ein bestimmter Unternehmer oder das Hotelleriewesen besonders gefördert würden.

Die aufgeflammte Entrüstung -in Italien, Österreich, Deutschland- stammt in Teilen aus dem Bewusstsein, von diesem Prozess, der eigentlich alltäglich ist, ausgeschlossen zu sein. „Die da Oben richten es sich“ ist der Ausdruck einer nicht nur vertikalen Asymmetrie, sondern vor allem der Ohnmacht gegenüber einer Haltung, die dem Direktor Heinrich Haffenloher in Kir Royal so elegant aus dem Mund strömte: „Ich scheiß Dich mit meinem Geld zu!“.

Korruption ist Entmündigung des Souveräns

Solches Ungleichgewicht zu unterbinden -Millionen die den Souverän darstellen hier, die Millionen eines Einzelnen zur Entscheidungsfindung dort- muss Ziel einer Selbstbindung der Politik sein, der der Begriff von Demokratie etwas bedeutet. Das hat nichts mit Konventionen zu tun, einem ethischen Verhalten oder mit Katalogen, die danach ausgerichtet werden. Es hat ganz konkret mit der Überprüfbarkeit von Entscheidungen zu tun, der sachgemäßen Beurteilung und der Außerachtlassung sachfremder Umstände. Alles andere ist die Fortführung des Zensuswahlrechts mit anderen Mitteln.

Davon sind Medien als Vierte Gewalt im Staat nicht ausgenommen. Das Näheverhältnis der Kontrolleure zu den Kontrollierten hat sich anhand der Selbstverständlichkeit gezeigt, mit der ein Bundespräsident den Hörer in die Hand genommen hat, um auf eine Veröffentlichung Einfluss zu nehmen. Es ist eines der wenigen Male gewesen, da die Zeitung mit den vier Buchstaben -und ihr später andere folgend- von einer Hofberichterstattung abgelassen und in medias res gegangen ist. Nicht aus journalistischer Verantwortung, sondern weil das austarierte Zusammenspiel durch eine unsorgsame Wortwahl von Christian Wulff kurzgeschlossen zu werden drohte. Transparenz also aus der Not geboren, als letztes Mittel?

Moral hat in der Politik nichts zu suchen. Nicht weil Politik und die Akteure ohnehin unmoralisch wären. Sondern weil Sitte und Konvention nach wie vor der Treibsatz sind, mit dem sich Entrüstung generieren lässt, die weitaus mächtigere Treibfeder als jede rationelle Entscheidung. Und im Zweifel die lukrativere. e2m

 
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Kommentare
rolf netzmann schrieb am 17.02.2012 um 14:05
Ist es nicht so, dass derjenige, der " in die Politik geht", sich auch selbst entmündigt, weil er sich in eine Parteidisziplin einbindet, die seine eigene Entscheidungsfreiheit einschränkt? Außerdem ist er nicht nur Parteiinteressen, sondern auch den angeblich rationalen Zwängen der Umsetzbarkeit und Finanzierung von Projekten unterworfen und immer in der Situation, von Lobbyisten für deren Zwecke vereinnahmt zu werden. Da kann es eben schnell geschehen, dass diese Interessenvertreter auch zu Mitteln greifen, die als Korruption gelten. Und ein Politiker, der weiter kommen möchte, aus den Niederungen der Lokalpolitik in die Landes- oder sogar Bundespolitik, schafft dies schneller und effektiver mit guten Verbindungen in die Wirtschaft.
Es braucht schon ein starkes Rückgrat, sich in der Politik nicht korrumpieren zu lassen und so mancher Lokalpolitiker hat genau aus diesen Gründen dem politischen Geschäft auch schon den Rücken gekehrt und sich daraus verabschiedet, weil er seine eigene Identität nicht verlieren und sich nicht, für wen auch immer, verbiegen wollte.
ed2murrow schrieb am 17.02.2012 um 14:41
Alleine, dass man überhaupt in die Politik geht, ist “Interesse”, lieber Rolf. Ich habe hier schon so manchen Bürgermeister gesehen, der nach seiner Wahl plötzlich ein Auto fuhr, bei dem sich jeder im Dorf gefragt hat; Hoppala, wovon?

Was ich interessant finde, ist, dass sich diese Politik in puncto “Moral” um kein Quäntchen von jener “sozialistischen Moral” unterscheidet, die ebenfalls als Allerweltswaffe eingesetzt werden konnte und wurde. Was es wiederum leicht macht, ein Hummeressen in etwas hochgradig Verwerfliches zu verwandeln. Sorry, das ist doch alles balla, so sehr, dass man ohne rot zu werden von “Schaden am Amt” sprechen kann.
rolf netzmann schrieb am 17.02.2012 um 14:47
Das stimmt, nur habe ich auch Menschen erlebt, die ich heute noch kenne und schätze, die sich desillusioniert von der Lokal-Politik abgewendet haben, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnten, wie sie abstimmen und was sie zustimmen sollten. Diese Menschen wollten etwas verändern und haben mir später erzählt, dass sie nur funktionieren sollten, was sie nicht wollten.
Unmoralisch war noch ein vergleichsweise harmloses Wort, das in diesen Gesprächen fiel.... und vor diesen Menschen habe ich Achtung, weil sie sich nicht korrumpieren lassen wollten, weder von der eigenen Partei noch von irgendwelchen Interessenvertretern
ed2murrow schrieb am 17.02.2012 um 14:55
"mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren konnten, wie sie abstimmen und was sie zustimmen sollten"

Sorry, das kann ich nicht nachvollziehen. Auf Antrag ist jede Abstimmung geheim durchzuführen. Und wer keine abweichende Meinung bereit ist, konsequent zu vertreten, was will der eigentlich in der Politik?
hardob schrieb am 17.02.2012 um 14:09
Ich frage mich, was ist in den letzten Jahren eigentlich passiert?

Dem größten Spezlwirtschafter in der Geschichte der Nachkriegsrepublik wird ein Dauerandenken mit einem Großflughafen bei München gegönnt. Einem eher kleinmütig agierenden Ministerpräsidenten aber gönnt man nicht mal mehr die Kleinbürgerurlaube bei Freunden. Ist man skrupulöser geworden oder mag man keine Aufsteigergeschichten mehr, wie die vom Metzgersohn zum Multimillionär oder die vom Scheidungskind zum Bundespräsdenten.
ed2murrow schrieb am 17.02.2012 um 14:46
Ach ja, der Strauß, dös war scho a Hund. Sagen die Bayern, weil ihm, bei allen Nebengeräuschen, nachgesagt worden ist, er habe sozusagen im Alleingang den Agrarstaat in den technischen Klassenersten verwandelt. Der Flughafen im Erdinger Moss steht betongeworden für Laptop und Lederhosen. Und einen beträchtlichen Teil der Millionen hat er schlicht geheiratet. Und das, lieber Hardob, non olet ;)
seriousguy47 schrieb am 17.02.2012 um 14:56
Ich habe bereits in einer wissenschaftlichen Arbeit in den 70er Jahren die Marxsche These vom Staat als geschäftsführendem Ausschuss des Kapitals soziologisch zu unterfüttern versucht. Dafür hatte ich - abgesehen von spärlicher linker Literatur (u.a. von R.Miliband) - "nur" Statistiken und ein paar andeutende mediale Berichte zur Verfügung. Insofern bin ich in gewisser Weise dankbar für all das, was z.B. in Sachen Wulff und/ oder S21 gerade so alles ans Licht kommt. Denn es belegt eindrucksvoll, dass und wie die Marxsche Annahme im Bereich der persönlichen "Verbindungen "funktioniert - die ich für einen zentralen Bereich halte/ hielt. Und dass meine damalige Arbeit auf dem richtigen Weg war.

Und genau da macht es eben doch einen Unterschied, ob, wie und mit wem ein Politiker oder ein "kleiner Mann" "Freundschaften"/ Freundschaftsdienste pflegt. Denn, anders als beim "kleinen Mann", entscheidet sich hier bei den Politikern, ob wir Demokratie haben.

Will man aber die - und nicht die von der herrschenden Kaste präferierten "chinesischen Verhältnisse" - dann wäre spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich nicht in ein "wir sind doch alle Sünderlein" zu flüchten, sondern mit dem Nachdenken darüber zu beginnen, was wir am System und an uns selbst ändern müssen, um wenigstens für ein paar Jahre ein bisschen näher an demokratische Verhältnisse zu kommen. Dass unsere herrschende Kaste durch und durch korrumpiert ist, kann ja wohl nicht dazu führen, dass wir nun selbst der Schamlosigkeit frönen.

Um zum Anfang zurück zu kommen: das ist die Chance in der Causa. Natürlich weiß ich, dass das in den Wind geschrieben ist.....
ed2murrow schrieb am 17.02.2012 um 15:05
Äh, wenn es basisdemokratisch und örtlich und usw. zugehen sollte, was wäre dann die Folgerung für die "Freundschaften/Freundschaftsdienste des kleinen Mannes"? Oder wenn sich all die "kleinen Leute" vernetzen?
seriousguy47 schrieb am 17.02.2012 um 15:22
Nun, wenn der kleine Mann Politiker wird, dann fällt er eben unter das, was für Politiker gilt. Siehe Wulff. Ansonsten bin ich selbst ohnehin Anhänger des Prinzips, dass man nur sich selbst, nicht aber andere ändern kann. Insofern werden wir "Oben" nichts in Ordnung haben, solange wir nicht erst einmal "Unten" bei uns selbst für innere Ordnung sorgen. Das wiederum kann man nicht fordern, sondern nur machen.....Also empfiehlt es sich für das Fordern die nötigen Regeln und Strukturen zu schaffen. Und uns dann zwischen beiden Polen durchzuwursteln.

Natürlich kann man sich auch auf den Standpunkt stellen, dass wir ohnehin alle sterben müssen und uns deshalb auch gleich alle umbringen könnten....
ed2murrow schrieb am 17.02.2012 um 15:31
"Und uns dann zwischen beiden Polen durchzuwursteln" stimmt mich gleich wieder fröhlicher ;)
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