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Was soll man nur tun, um nicht in das System zu rutschen? Ein System, das einem weismachen will, die 3,6 Prozent Wachstum des Jahres 2010, der beste Wert seit der Wende, würde dem Land oder einem persönlich auf irgendeine Weise nützen. Man steht unter Zwang, dem Zwang der Selbsterhaltung. Das grundsätzliche Dilemma jedes denkenden und kritischen Menschen ist die Frage, welchen Kompromiss er mit der Welt schließt. In der Dienstleistungsgesellschaft geht es darum, sich Lügen auszudenken, Lügen für das eigene Gewissen, die es einem möglich machen, im Strom der Werktätigen und Anständigen mitzuschwimmen, ohne das Gesicht zu verlieren, ohne das Gefühl zu haben, sich zu verkaufen, was man laut Ökonomie, ganz wissenschaftlich nüchtern betrachtet, auch tut.
Wenn man sich gesellschaftliche Größen, die alten 68er, Menschen mit Vorbildfunktion, Menschen in Talkshows, die Führer des öffentlichen Diskurses, ihre Lebensläufe, anschaut, dann erkennt man, dass sie alle ihren eigenen Deal mit der Wirklichkeit geschlossen haben, um ganz trivial ihr eigenes gesellschaftlichen und berufliches Überleben zu sichern. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Druck auf uns alle zwingt uns über kurz oder lang vermeintlich dazu, diesen Deal einzugehen. Der Erfolgswille, das Bedürfnis nach Teilhabe und Sicherheit in der Wohlstandsgesellschaft nötigen uns zur Selbstverleugnung. Das nennt man dann wohl ankommen, sich etablieren, die Turnschuhe gegen den Dreireiher tauschen.
Wir sind frei in diesem Land, freier als die meisten anderen Menschen in der Welt. Selbst wenn wir in allen Bereichen des Lebens scheitern, werden wir nicht verhungern oder an Tuberkulose sterben, jedenfalls nicht, wenn wir es nicht wollen, was ein gewaltiger Komfort-Vorsprung gegenüber einem Nigerianer oder Indonesier ist.
Aber das hohe Niveau, auf dem unsere Gesellschaft steht, bewahrt uns trotzdem nicht vor dem Konflikt, dem sich jeder Mensch von Verstand stellen muss, in einer Gesellschaft, die eine merkwürdige Kluft zwischen freiem Denken und gefühltem wirtschaftlichem Zwang, schon lange nicht mehr so stark wahrgenommen wie in den letzten Jahren, scheinbar alternativlos ist es, sich einen Platz zu suchen in einer Situation, in dem sicher geglaubte soziale Errungenschaften in Frage stehen und ein Kapitalismus, der nach dem Zusammenbruch jeder gesellschaftlichen Utopie die Gesellschaft unterwandert hat, uns Angst macht, Existenzangst, davor, irgendwann durch die Netze gefallen zu sein.
Leistung ist fast alles, oft wird der, der nicht bereit ist, einfach zu leisten, nichts mehr zu hinterfragen, nicht akzeptiert, dem Menschen kommt im Zuge der Kapitalisierung aller Lebensbereiche der Sinn für das Nachdenkliche und Entschleunigte allmählich abhanden. Die Angst vor dem sozialen Absturz, vor einem Punkt, an dem man der Tatsache ins Auge sehen muss, keinen Platz in der Leistungsgesellschaft zu finden, verführt zur Denkfaulheit. Denn wer sein Gehirn mit einem „so ist das eben“ beruhigen kann, der schläft besser. Oder mit Antidepressiva, die immer häufiger verschrieben werden, damit alle weiter funktionieren können. Der Ausblick in die Zukunft des Verhältnisses von Arbeit und Leben stimmt nicht gerade optimistisch im Angesicht des Widerspruches unserer Zeit; der vermeintlich großen individuellen Freiheit, die allerdings nur sehr eingeschränkt gilt, sobald es darum geht, sich vor dem gefürchteten Abdriften ins Prekäre zu retten und sich auf einem flexiblen Arbeitsmarkt anzubieten, in der Verlegenheit, sich durch Lebensläufe zu profilieren, die die eigene Verkaufbarkeit andeuten.
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"Lemming-Mania"
„Was soll man nur tun, um nicht in das System zu rutschen?“ Die Frage kann nur als rhetorisch anerkannt werden. Jede/r wird in eine Gesellschaft, ein System hineingeboren. Ob man sich ideell mit dieser Gesellschaft vereinigt, ist eine andere Frage. Davon unabhängig profitiert jede/r auch von den Leistungen der jeweiligen Gesellschaft; sei es Nahrung, Energie, Infrastruktur etc. Die wirkliche Frage ist ja die, inwieweit uns das gesellschaftliche System – es mag sich Demokratie oder Monarchie oder . . . nennen – zwingt, unsere Individualität aufzugeben. Und Freiheit erschöpft sich eben nicht im Freisein VON Hunger, physischer Unterdrückung etc., sondern hat auch den Aspekt Freisein FÜR. Und Freisein für die Entfaltung meiner Fähigkeiten, Interessen . . . kurz, meiner Individualität stößt immer mehr an Grenzen in unserer Gesellschaft. Sofern man sich dessen bewusst werden will. Längst schon ist unser gesellschaftliches System von der „Lemming-Mania“ ergriffen; heißt, bloß nicht innehalten und Nachdenken. Wohin die Mehrheit trabt, dort muss ich auch hin. Und wenn es in den Abgrund geht. |
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Ganz meine Meinung.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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