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Fritz J. Raddatz. Dieser einzigartige und zugleich eigenwillige Kopf der deutschen Literaturgeschichte hat im Rowohlt-Verlag seine Tagebücher "1982-2001" veröffentlicht.
Von vielen Leserinnen und Lesern mit Spannung erwartet. Von so manchen selbsternannten "Literatur-Stars" hingegen eher befürchtet. Und diese Skepsis - auf so vielen, vielen Seiten im Buch erkennbar - scheint berechtigt.
Raddatz belässt es keineswegs bei bloßer Textkritik. Er macht sich auch an die Schreibenden selbst ran. Geldgierig. Eitel. Unzuverlässig. Verbraucht. Egozentrisch. Unbegabt.
Dazu muss man wissen, dass Raddatz sie alle kennt. Er hat sowohl in der damaligen DDR gearbeitet - er war von 1953 bis 1958 Leiter der Auslandsabteilung und stellvertretender Cheflektor beim Verlag "Volk und Welt" in Ost-Berlin, danach ging er in die Bundesrepublik und wurde 1960 Cheflektor und stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlages. Er blieb dies neun Jahre lang bis 1969. Von 1976 bis 1985 war er Leiter des Feuilletons der Wochen- zeitung "Die Zeit". Als Anlass für seinen erzwungenen Rücktritt diente ein manipuliertes Goethe-Zitat, das er seinerzeit ungeprüft übernommen hatte.
Natürlich wimmelt es in dem 900 Seiten-Werk von Larmoyanz und Eitelkeiten. Schließlich ist FJR ja auch selbst Literat und eben nicht "nur" Literaturkritiker. Solche Menschen haben bekanntlich eine eher dünne Haut. "Schwul", "Schwanz" und "Ficken" begegnen einem mehr als einmal in dem Buch. Schockierend? Nein, eigentlich nicht. "Pervers" sind dann doch ganz andere Schilderungen. Wenn dem einen oder anderen Autor immer und immer wieder versucht wird, das Honorar zu reduzieren. Auch Raddatz selbst kann davon ein Lied singen.
Manchmal allerdings übertreibt Raddatz es ein wenig - oder soll das gar lustig sein? Wenn er partout nicht auf den korrekten Namen des Hamburger SPD-Politikers Ortwin Runde kommen will. ("Oder Runge?"). Nein, dieser Mann ist eben kein Hülsenbecksches Kind. Oder aus dem Modemacher Joop Jupp macht. Aus dem Spiegel-Redakteur Hermann Schreiber machte er einen Schreiner. Das ist dann doch etwas zu viel Schülerzeitung. Und man fragt sich, hat dieser Homme de lettres so etwas nötig? Wickert wird immer wieder auf einen Nachrichtensprecher zurechtgestutzt. Das war er nicht. Viele Jahre war er für die ARD Auslandskorrespondent, später dann Moderator der "Tagesthemen".
Für das Jahr 1998 findet sich unter dem 28. März die Eintragung: "Wurzen streicht Hitler von Ehrenbürgerliste" (alles schön in Versalien gesetzt). "Jetzt, im Jahre 1998 - wo immer Wurzen liegen mag...".
Nun, das könnte man wissen. In genau jenem Wurzen (nahe Leipzig) wurde am 7. August 1883 ein gewisser Hans Bötticher geboren. Ruhm erlangte er später unter dem Namen Joachim Ringelnatz.
Über die (ja doch immer subjektiven) Werturteile der erwähnten Künstler braucht nicht gestritten zu werden. Aber David Hockney als einen "Gefälligkeitsmaler" einzustufen... geht dann doch zu weit. Hier hätte ein Einlesen in die verschiedenen Schaffensperioden Hockneys helfen können.
Warum sind denn diese Tagebücher trotzdem "große Literatur"? Weil hier jemand schonungslos offen - auch gegen sich selbst - über den Zustand der Literatur, den Zustand des Landes und auch immer wieder über die eigene Befindlichkeit Auskunft gibt.
Anfangs habe ich den rückseitigen Klappentext von Frank Schirrmacher für eine galante Übertreibung gehalten. Das muss ich zurücknehmen:
"Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik!"
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* Notiz vom 16. Mai 1992.
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Ich habe seine Autobiographie schon mit Amüsement und Spannung gelesen, die Tagebücher sind bestimmt lohnend. Danke.
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Schon seine "Erinnerungen" ("Unruhestifter") waren lesenswerter als manch andere aus dem Boden gestampfte Biographie. Und in den "Tagebüchern/1982-2001" deutet Fritz J. Raddatz nicht nur an - wie das viele Memoiren-Schreiber machen - sondern er nennt auch "Ross und Reiter". Schonungslos. Aber er ist eben auch schonungslos sich selbst gegenüber.
Und seine Kolleginnen und Kollegen hat er, wenn es angebracht schien, immer verteidigt. Auch, wenn er dadurch zuweilen in Schwierigkeiten kam. |
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ja, die autobiografie "unruhestifter" war phantastisch, dahinter fallen die tagebücher stark ab, sehr viel intimitäten, nicht-gestaltetes persönliches -
ich empfehle die beiden rezensionen von ingo arend www.ingo-arend.de/?p=152 Die fehlende Ästhetik im Leben ist die eine, die in der Politik eine andere Sache: Nach seiner Eröffnungsrede zu den Schwetzinger Festspielen im darauffolgenden Mai löst ein Spaziergang durch den dortigen Schloßgarten “Gedanken über Macht-Herrschaft-Schönheit aus; warum ist Demokratie fast immer häßlich?” Dass Demokratie häßlich sein muss, weil eben so viele divergierende Interessen nur unter Zwang unter einen ästhetischen Hut zu bringen wären, muss man Raddatz vielleicht sagen, der ja schon eher in der Parallelgesellschaft des elitären Kulturbetriebs zu Hause ist, der sich gern etwas auf sein Formbewußtsein einbildet. Aber muss man einem historisch so beschlagenen Mann wirklich erklären, welche Spuren der „Stilwillen“, den er für die Kunst und das Leben einfordert, in Deutschland hinterlassen hat, als die Nazis sich zu dem Ästhetizismus aufschwangen, den Raddatz in der Politik und am Strand vermisst? ... und elke heidenreich in der faz - Mann ohne Mitte: bit.ly/cZxQkg |
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indyjane, eine sich von anderen stark abhebende Persönlichkeit, mit all ihren Schwächen und Stärken, wird immer Anlass zum Polarisieren bieten.
Mir gefällt, dass sich Fritz J. Raddatz kaum oder nur wenig hat verbiegen lassen. Ein Journalist, dem Fragen noch peinlich sein können, besitzt eine Antenne für das Medien-Genre, die anderen Berufskollegen im Geschnatter der Konkurrenz verloren gegangen ist. Natürlich ist Raddatz auch ein Irrender - zum Glück; denn das beweist ja gerade, dass er "Mensch geblieben" ist. Vielen Dank für die interessanten Zeilen! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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