paulart

"Was ich noch sagen wollte..."

11.05.2011 | 15:55

Reihenuntersuchung: Sind wir wirklich demokratisch?

Kunstverein. George Grosz und Otto Dix. Erst ein Einführungsvortrag von Prof. Dr. Werner Breitenbach. Dann Ausstellungseröffnung. Das interessierte mich! Ich suchte mir ganz vorn einen Platz, als eine nette Dame mir andeutete, dass die ersten beiden Reihen reserviert seien. "Sie sehen ja auch, das sind ganz andere Stühle." Ja, das konnte ich sehen. Aber ich deutete diese samtenen Bezüge nicht in eine Reservierung um. "Hier sitzen geladene Gäste." Na - ich war vielleicht geladen! Eingeladen nämlich! Dafür habe ich ja schliesslich immer pünktlich meinen jährlichen Obolus überwiesen.

Ich setzte mich weiter nach hinten. Und fragte mich im Stillen, ob denn die Lokalgrößen alle unter Hämorriden leiden würden.

Geladene Gäste

Nun ist das ja kein Phänomen des hiesigen Kunstvereins. Nein, nein! Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels beispielsweise ist das nicht anders. Dass die zu Ehrenden und ihre Angehörigen und meinetwegen noch die Laudatoren ganz vorn in den ersten Reihen Platz nehmen, verstehe ich ja. Aber der Ex-Oberbürgermeister? Der ehemalige Außenminister? Der Ex-Vorsitzende des Deutschen Industrie- und Handelstages? Ein Ex-Fast-Beinahe-Ministerpräsident aus Bayern? Ein Vortsandsmitglied eines großen Autokonzerns?

Die wurden alle auf Zeit gewählt. Und genossen in dieser Zeit Privilegien ohne Ende! Aber jetzt? Wir leben doch nicht mehr in monarchistischen Zeiten. Und das Drei-Klassen-Recht ist auch perdu! Aber die dicksten Ä... äh... also das irritiert mich noch immer. Ich weiß, es gibt Schlimmeres!

Zu viele Privilegien

Aber beginnt nicht die Abschaffung des Untertanen-Staates mit der allmählichen Abschaffung längst überholter Privilegien für Politiker, Wirtschaftsführer, Adel und vermeintlicher Prominenz?

Beginnt Deutschlands Demokratisierung nicht erst dann, wenn z.B. auch ich mich ohne Bedenken und Beklemmungen in die erste oder zweite Reihe setzen dürfte?   

 
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Kommentare
paulart schrieb am 11.05.2011 um 19:16
Nachtrag: Der Filialleiter der örtlichen Sparkasse verließ noch während des Vortrags den Raum. Der Platz blieb leer. Es hätte dem Herrn ja einfallen können, wiederzukommen...

Aber ich konnte dadurch wenigstens etwas besser sehen... ;-)
Amanda Donata schrieb am 11.05.2011 um 20:00
Lieber paulart,
heißes Thema. Hast es treffend vorgestellt. Grazie.

Den Dummköpfen sieht man ihre Art nicht unbedingt von außen an - oder doch, wenn sie außerordentlich (bzw. gewöhnlich) poliert daherkommen ..

Ich darf Dir versichern, paulart, Grosz und Dix hätten angesichts des vorderen Publikums gewiß aufs Podium gekotzt, rein intuitiv, meine ich .. wußten sie doch, wer ihre Feinde waren .. und welche den Spott verdienten ..

www.youtube.com/watch?v=iUNdZo1Pfzo
www.youtube.com/watch?v=BkJauC8mPyw&feature=related

Nun, fühlt sich ein Politiker oder Bankier etwa wohl bei all der bildhaften Reflexion des Unlügenhaften?

;-) www.youtube.com/watch?v=xdUDmI8r0Is&feature=related

Gruß
Amanda
paulart schrieb am 11.05.2011 um 21:06
Danke für die interessanten Links, Amanda Donata! Ja, größer als zwischen Grosz und Dix einerseits und den ersten Reihen irgendwelcher Festveranstaltungen andererseits könnten die Unterschiede kaum sein.
Bert Brecht hat schon gesagt, eine Bank zu gründen sei ein größeres Unrecht als eine Bank zu überfallen.
bambulie schrieb am 11.05.2011 um 23:40
So etwas nennt man Hämorridenkultur.

Kann gar nicht anders sein!
paulart schrieb am 12.05.2011 um 00:06
Sehr passender Begriff, bambulie!
Hä? Morriden-Kultur!

W u n d e r B a r !
paulart
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