elbines

Blog von elbines

27.02.2009 | 13:22

Mein Kiez ist nicht dein Kiez

Ich bin eine treue Seele. Ich mag es, wenn ich die Bedienung kenne. Nicht zwingend namentlich und mit und zur Unterhaltung. Nein, einfach das Gesicht kennen, gegenseitig. Als Gast akzeptiert werden. Ich mag es, wenn die anderen Besucher der Nacht immer die Gleichen sind. Also die gleichen Typen, die ich in der Bar, die ich mir für den heutigen Ausflug ausgesucht habe, erwarte. Ich mag es, stundenlang an der gleichen Stelle zu sitzen. Und mache ich doch einmal Exkursionen an andere Gesichter, Automaten, Getränke; der Platz ist meiner und wird wohl auch nächstes Mal gewählt.

Nächstes Mal kann schwierig sein. Entweder ist ein anderer Tag der Woche und die Stadt ist in fremder Hand; sei es die Jugend oder die Reisenden, in Rudeln stocken sie den ausschreitenden Schritt und sind dabei so laut, so laut. Oder die Musik hat eine Wende in eine dir fremde Sparte genommen. Oder da ist plötzlich was anderes drin als draufsteht, doch beim kontrollieren an der Luft merkst du, es steht auch was anderes drauf. (Aber vielleicht bist du auch in der falschen Strasse.) Oder da steht gar nichts mehr.

Die Kneipe meiner Jugend steht noch. Der längste Tresen der gesamtnordischen Schanksphäre, oder zumindest des Stadtteils, der bekanntlich in dieser erweiterten Sparte viel aufzuwarten hat (natürlich auch den feinsten Fussballclub der Welt, doch das ist eine andere Seite), dieser Tresen steht fest. Wie die vielen Barhocker, von denen man nur gleiten, nie mit ihnen umfallen, kann.

Fast wäre ich umgefallen. Ich wollte Skandal schreien, Verrat, wollte einen Streik ausrufen, Boykott, zum Rathaus gehen oder Gott anrufen- nein. Die Anderen schütteln betrübt ihre Köpfe und gehen zur Tagesordnung über. Die letzte Bastion soll fallen und es gibt nur ein kleines Geplänkel und Feierabend.

Früher gab es keinen Feierabend. Die Abende: rauschende Feste, Feuerwerke des Alkohols und der Emotionen. Die Jugendclub-Abende weit und die ersten zwei Stamm-Discotheken hinter sich gelassen. Der Einheitskleidung entronnen, Musikgeschmack entwickelt. Mit der derzeit besten Freundin vorglühen, neue und ältere Freunde finden und dann sich trauen, allein. "Meine Kneipe" denken und es stimmt. Die gehört dir, für immer. Du darfst es nur nicht allen laut sagen. Meine erste Liebe hinterm Tresen und vierundzwanzig Stunden freie Sicht.

Durchgehend geöffnet wurde abgeschafft; ein langsames Sterben, anstreben des Mittelmasses. Morgens um fünf wurde ich rausgeworfen. Rausgeworfen aus meiner Kneipe. Zugegeben, meine Ausgehmentalität hat sich verschoben. Nur noch selten ging ich auf ein unter Wasser stehendes Damenklo, lauschte ich einer Schrammel-Combo im Gang, hielt mich an Kicker-Griffen aufrecht, teilte Bier mit älteren Herren und diskutierte mit Mündern ohne Zähne. Aber ich hätte noch gekonnt! Immer!

Gut, also nicht mehr immer. Aber gar nicht mehr? 
Da verteidige ich das altbackene Hamburg jedes Mal lautstark gegen Berlin, die Fruchtfliege. Fühle mich als Matrose der Genügsamkeit, Verlässlichkeit und Konstanz. Wettere gegen Fortschritt auf allen Linien. Stehe für Bewahrung des Vergangenen. Lichte meinen Anker nicht.

Zwanzig Jahre stach mein Anker. Nun wird er unter Penny rosten. Hippe Wochenendler werden auf ihm stampfen. Szene-Cocktails statt Astra ihn begiessen. Ich habe die Schanze verärgert, aber ohne Tränen, aufgegeben; schenke euch den Quatsch-Comedy-Club, fun-fun-fun, ohne Cafe Keese; doch "meine Kneipe" gebe ich nicht her: Baut euren Scheiss woanders!

Lehmitz, Du warst mir eine treue Seele!
 
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Kommentare
lukasheinser schrieb am 27.02.2009 um 13:49
Man muss ja gar nicht immer so viel kommentieren, deshalb nur: Schöner Text!
chris97 schrieb am 27.02.2009 um 22:29
Hach, das sind die Texte, weswegen ich das Internet so liebe. :)
bandidorosso schrieb am 28.02.2009 um 11:35
Wer sie noch nicht kennt, der sollte sich spätestens begleitend zu diesem schönen Text mal die ebenso emotionalen Bilder von Anders Petersen ansehen, die der schwedische Dokumentarfotograf vor über 30 Jahren im Lehmitz aufnahm.
1978 erlangte Petersen Bekanntheit durch sein Photobuch "Café Lehmitz", das heute als ein Meilenstein des Genres gilt. Über zwei Jahre arbeitete er an der unverfälschten Bilddokumentation der Stehbierhalle am Ende der Hamburger Reeperbahn, die von Prostituierten, Zuhältern und Kleinkriminellen bevölkert wurde.
Mittlerweile zu einem gefeierte Klassiker der modernen Milieufotografie erklärt, hängt die Arbeit zur Zeit auch in den Nordischen Botschaften in Berlin. Dort wurde Petersen auch jüngst mit dem Erich-Salomon-Preis der Deutschen Gesellschaft für Photografphie ausgezeichnet.
Ein Highlight ist sicher auch das mittlerweile ebenso berühmt gewordene Bild vom noch sehr juvenilen Tom Waits:

http://tbn3.google.com/images?q=tbn:NVBbPVZqEyEqJM:http://www.freelens.com/files/readktions_bilder/lehmitz12_Klein.jpg

Damit ehrt die DGPh einen der einflussreichsten europäischen Dokumentarphotographen der Gegenwart. Sein Werk ist von großer Offenheit und Eindringlichkeit geprägt.

Thorsten schrieb am 02.03.2009 um 21:53
Du hast Recht !!!!!!
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Ines Fabig, Hamburg
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19:54
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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anne mohnen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Matto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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