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engl@freitag

27.03.2009 | 19:23

Alles Schrott

Jetzt ist es also verlängert worden, das allgemeine Abwracken. Ach was, nein – natürlich nur das sinnlose Verschrotten von an sich durchaus noch funktionsfähigen, lediglich etwas in die Jahre gekommenen Kraftfahrzeugen. Was soll’s, es gibt Schlimmeres. 2009 wird zwar als das Jahr des japanischen Kleinwagens in die deutsche Geschichte eingehen. Aber eigentlich ist doch egal, ob so oder anders, dieses oder jenes. Ob Milchsee, Fleischberg oder eben Autos, diesmal. Hedgefonds, nicht zu vergessen. Obwohl es sich damit möglicherweise doch ein klein wenig anders verhält, könnte ich mir denken. Abgeschrieben ist da sicher noch lange nichts. Oder gar abgewrackt, so bedauerlich das auch sein mag, für den einen oder die andere. Beängstigend, wenn man es genau betrachtet. Doch lassen wir das, das steht auf einem anderen Blatt und wird mir im Großen und Ganzen auf ewig ein Rätsel bleiben.

Alles andere dagegen ist einfach, nahezu simpel. Grundsätzlich funktioniert die Welt ja auch ohne Finanzen. Und die dafür notwendigen Faktoren begreife ich seit jeher, genau die sind es schließlich, die jetzt die Grundlagen des Abwrackens bilden: 1. Leben ist Müll. Und 2. Alles neu, macht der Mai. Leben wächst nach, solange noch Leben ist. Das ist verflixt immer wieder dasselbe, und darauf ist Verlass wie sonst auf nichts.

Bis Mai ist es einstweilen nicht mehr weit, das lässt sich also sicher irgendwie schaffen. Mit ein bisschen Glück reicht es sogar bis in den Herbst, und das wäre wirklich gut, wie wir alle wissen. Es gibt Hoffnung. Das hat uns Herrn Köhler doch jüngst erst so hübsch gepredigt. Scheitern als Chance, oder wie hat er das formuliert? Nun ja, er muss es ja wissen, auch das mit den Finanzen. Besser als ich zumindest, wenn ich mir da nur meine Bilanzen ansehe. Die hinterlassen, wie immer, ein eher trübes Gefühl. Aber Frau Merkel wird ohne Zweifel auch bald von der Hoffnung sprechen, die wir alle, wir Deutschen. Wenn sie nicht längst schon damit angefangen, immer und überall, als wäre schon Mai. Oder gar September.

Ich finde das gut, egal was. Einfach alles, im Moment. Aber ganz besonders dieses Wort, dieses eine: Abwracken! Das passt einfach, wie die Faust und das Auge. Ein kleines bisschen klingt es zwar wie abkacken, zugegeben. Aber wen stört das schon? Mich nicht. Ist das überhaupt schon jemandem aufgefallen? Diese zwei kleinen Buchstaben, darauf kommt es nun wirklich nicht an. Ich bin absolut einverstanden. Mit allem.

Also los, wracken wir ab. Alles, nicht nur die Autos, denn das reicht nicht, niemals. Es braucht mehr als das. Das ist größer, viel größer. Das muss zu Ende gedacht werden, im Grunde ist das Abwracken an sich ein globales Projekt. In die Presse mit dem ganzen Schrott, so sehe ich das zumindest. Verwandeln wir doch einfach alles in solide Müllquader, die ganze Welt ist Stapelware, und lagern sie aus. Damit wäre ein Anfang gemacht, immerhin. Und alles Weitere ergibt sich dann schon, ganz von allein. Da bin ich sicher. So sicher wie das plötzliche Amen des Herrn Köhler.
 
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Kommentare
Friedland schrieb am 27.03.2009 um 22:14
Das Wort des Jahres 2009 wird die "Abwrackprämie", soviel scheint jetzt schon sicher. Und mein Rechtschreibprogramm wird mir dann auch endlich nicht mehr für "abwracken" Vorschläge unterbreiten wie "Baracken" oder "herabsacken". Aber irgendwie passt selbst das zur Schieflage der Nation. (Übrigens möchte diese Software selbst aus einem "Hebammenlehrbuch" einen "Bankenzusammenbruch" machen. Wissen da die Entwickler mehr als ich?) Ein ergänzendes Wortspiel sei an dieser Stelle erlaubt: Wenn es in Deutschland kriselt, dann machen wir uns ans Abwracken, während die Franzosen ihre Autos aus Frust eher abfackeln. Wenn ich nun diesen Tanz um das Altfahrzeug verfolge, dann kommt in mir die Frage hoch: Warum dürfen bei uns Atomkraftwerke über dreißig Jahre lang laufen, aber Autos sollen schon nach neun Jahren abgewrackt werden? fragt Enno von Friedland
engl schrieb am 27.03.2009 um 22:33
hier in berlin können wir beides, autos abwracken und autos abfackeln. ich kann aber weder auf das eine noch auf das andere so richtig jubeln. obwohl vielleicht aus wut mehr wächst als aus gier. was allerdings recht platt gesagt ist. verzeihung.
klara schrieb am 28.03.2009 um 20:31
Stimmt alles - und das kann man natürlich noch viel grundsätzlicher betrachten.

Ursprünglich hieß das Ganze ja - offiziell - Umweltprämie. Weil das nun vollends lächerlich ist, hat das Medienvolk daraus rasch die Abwrackprämie gemacht - was die Sache ja auch eher trifft.

Was bekomme ich?

Geld, damit ich mir ein neues Auto kaufe.

Warum? bzw. cui bono? Wer hat etwas davon?

Mein neues Auto?

Ich zahle Steuern, damit ich die dann wieder zurück bekomme, um mir ein neues Auto zu kaufen.
Ich will aber kein neues Auto! Ich will lieber ins Kino, neue Klamotten, schick essen gehen - meinetwegen auch ökologisch korrekt, wenn's denn schmeckt. Wo bleibt meine Konsumabnutzprämie! Wer gibt mir den Klamottenbonus. Und ich will neue Schuhe. Im Ernst: Ich hätte kein Problem damit, 2000 Euro ganz ohne Auto auf den Kopf zu hauen. Hätten wir auch gleich wieder Benzin gespart und eventuell dem Klima weniger geschadet als mit dieser verdammten, verdummten nervtötenden Autofahrerei.

Okay, stopp, die Arbeitsplätze. Seh ich ein. Seh ich alles ein.

Müssen wir umwandeln! In Konsumplätze! Wachstum war gestern - jetzt wird alles aufgegessen und neu gemacht. Dann gibt's morgen auch schönes Wetter.
engl schrieb am 29.03.2009 um 13:59
umweltprämie, du liebe zeit. über diese (un)logik mag ich gar nicht nachdenken. allein was die herstellung eines autos an energie frißt und co2 produziert. hat das eigentlich mal wer durchgerechnet? das dauert doch sicher eine weile, bis die umwelt de facto davon profitiert.
Streifzug schrieb am 29.03.2009 um 14:16
Eine wunderbare Idee: "solide Müllquader, die ganze Welt als Stapelware."

Toll ist: Man kann sie durch die passende Containerform hin und her fahren. Globalisierung absolut. Abwrackquader aus Europa werden nach Indien gefahren, während die ihre Quader nach Afrika schicken. Geraume Zeit später ist alles gut durchgemischt oder stellenweise geordnet. Von der Raumstation betrachtet sieht es aus wie ein gigantisches Spiel. Der Quader nach links, der nach unten, dort ist noch Platz, jetzt den wieder nach rechts.

Eine Art Tetris. So hat die Menschheit doch noch ihre Bestimmung gefunden.
engl schrieb am 29.03.2009 um 16:31
wir sind auf dem besten weg, alles ist längst vorbereitet, ich bin sicher. oder wie werden heute die ganzen discounterplastikflaschen transortiert, um im fernen osten zu fleecestoff, thermoklamotten oder gar straßenbelag (?) weiterverarbeitet zu werden?
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Susanne Englmayer - Autorin, Übersetzerin, Journalistin
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