Eric Chauvistre

Keine bes. Vorkommnisse

29.03.2009 | 10:48

Einsatzgebiet außer Kontrolle

Bekanntlich ist das Einsatzgebiet der Bundeswehr im Norden Afghanistans eine Region, in dem zwar mal Krieg geführt worden sein soll, in der aber derzeit nur noch fleißig aufgebaut wird. Weil die Deutschen alles viel besser machen als ihre NATO-Verbündeten ist es dort nämlich ganz friedlich. Die Bundeswehr kämpft nicht, sie kümmert sich. So weit zumindest das Bild, das Berliner Wehrpolitiker gerne von der Lage dort zeichnen. Nicht ganz ins Bild passten da die Meldungen vom vergangenen Sonntag. Von "Toten bei Kämpfen in der Provinz Kundus" und Gefechten "US-geführter Koalitionstruppen" war in den Meldungen der Nachrichtenagenturen die Rede. Öffentliche Reaktionen blieben weitgehend aus. Dabei bieten die Meldungen doch Stoff für so einige Fragen: Hat die Bundeswehr von der Aktion der US-Streitkräfte gewusst? War die Bundeswehr gar indirekt an dem Einsatz, etwa durch sogenannte Rückraumsicherung, beteiligt? Oder operieren die US-Streitkräfte tatsächlich im deutschen Verantwortungsbereich der ISAF, ohne die Bundeswehr darüber in Kenntnis zu setzen? Die FAZ will nun erfahren haben, vermutlich aus dem Verteidigungsministerium, dass die Aktion ohne das Wissen des von der Bundeswehr geführte ISAF-Regionalkommandos Nord geschah. Die Bundesregierung versucht offenkundig den Verdacht von sich weisen, sie habe die Aktion der US-Kräfte stillschweigend geduldet. Doch die Konsequenz ist nicht weniger bedenklich: Damit wird eingeräumt, dass die Bundeswehr ihr ISAF-Einsatzgebiet im Norden des Landes nicht unter Kontrolle hat. Aber vielleicht wollen die Wehrpolitiker in Regierung und Parlament das auch auch gar nicht. Solange man offiziell nichts von den Aktionen weiß, kann man weiter träumen: vom friedlichen Wiederaufbauparadies Nordafghanistan.

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Die häufige Anforderung von Luftnahunterstützung durch deutsche Bodentruppen in Afghanistan, an dieser Stelle zuerst öffentlich gemacht, sorgte letzte Woche, dem Vernehmen nach, für Aufregung im Verteidigungsausschuss. Einige Abgeordnete wollten detailliertere Informationen. Und das Vertedigungsministerium ließ Journalisten wissen, zumindest bei den Einsätzen im Jahr 2008 habe es sich nur um "Show of Force"-Operationen gehandelt: Nur eine Machtdemonstration, Kampfmittel seien nicht eingesetzt worden. Nachprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Aber wir haben wieder einmal etwas gelernt: Der Einsatz einer Waffe beginnt für die Bundesregierung erst, wenn auch tatsächlich abgedrückt wird.

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Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des konservativen Monatsmagazin Cicero ergab eine deutliche Mehrheit gegen den Verbleib der Bundeswehr in Afghanistan. Mit 58 Prozent für einen Abzug und nur 36 Prozent für einen Verbleib ist das Ergebnis deutlich. Wenig überraschend ist, dass es bei Linkspartei (76 Prozent) und SPD (62 Prozent) absolute Mehrheiten gegen den Bundeswehr-Einsatz gibt. Erstaunlich ist dann eher schon das Meinungsbild unter den Wählern der FDP (50 Prozent für einen Abzug) und der Unionsparteien (48 Prozent für einen Abzug). Aber so richtig interessant wird es bei der Partei, die es ohne die Friedensbewegung der 1980er Jahre nicht gäbe. Deren Wähler sind die einzigen, die der Umfrage zufolge mehrheitlich zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan stehen: 50 Prozent wollen, dass die deutsche Soldaten bleiben. Nur 44 Prozent plädieren für einen Abzug. Wie viele aus dieser kampfeslustigen grünen Wählertruppe selbst bei der Bundeswehr waren, geht aus den Zahlen leider nicht hervor.

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Die große Mehrheit der Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan verlassen zwar ihre geschützten Camps während ihrer viermonatigen Stationierungszeit nicht. Doch auch dort haben sie so einige Prüfungen zu bestehen. Erst neulich mussten die Soldaten wieder einmal ihren vom "herrlichen Afghanistan" schwärmenden obersten Dienstherrn ertragen, der meinte, dass die Dinge dort "gut vorangehen." Nun kommt es noch härter. Ex-Big-Brother Jürgen drohte via "Bild" seinen Besuch an: "Ich möchte, das die Jungs ein bißchen Spaß in der grauen Einöde haben." Da bleiben ein paar Fragen: Sind Kundus, Masar-i-Sharif oder Faisabad tatsächlich öder als Köln-Hürth? Wie schneiden Bundeswehr- und RTL2-Container im direkten Komfortvergleich ab? Vor allem aber: Kann man sich auch aus Afghanistan rauswählen lasen?

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Eine frische Ausgabe von "keine besonderen vorkommnisse" gibt es jeden Sonntag auf freitag.de. Vom Autor ist soeben das Buch Wir Gutkrieger. Warum die Bundeswehr im Ausland scheitern im Campus Verlag erschienen.
 
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Kommentare
treugreifer schrieb am 31.03.2009 um 19:52
Vielen Dank für den Hinweis auf die Kampfhandlungen in Kundus. Wenn das keine Titelschlagzeile ist...?
Schon bedenklich, wie wenig wir durch die Mainstreammedien informiert werden.
Eric Chauvistre
Eric Chauvistré, geboren 1965, promovierte nach dem Studium der Politologie und der Internationalen Beziehungen in Berlin und Canberra über Nuklearrüstung und militärische Interventionen. Er arbeitete als Korrespondent und Redakteur unter anderem für Reuters, die taz sowie das ZDF.
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Logbuch
20:29
fahrwax hat gerade einen Kommentar geschrieben.
20:28
thinktankgirl hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Aqua-Jedi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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chrislow hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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