Erik Stein

Donnerstag Blog | Kunst & danach

05.10.2011 | 19:25

Wie das Theater die Kunst rettet

An der Wand lehnt eines von diesen Casio-Spielzeug-Keyboards aus den späten Achtzigern, denen auf Ebay selten der Hinweis auf ihren heutigen Kultstatus fehlt. Einige Tasten wurden herausgebrochen, statt derer führen jetzt Drähte ins Innere des Instruments. Über ein kleines Holzschränkchen schlängelt sich ein Gartenschlauch durch eine elektrische Platine und mündet in einem Metalleimer. Zwei kleine weißlackierte Beistelltische mit vornehm geschwungenen Beinen halten zwei hochwertig verkleidete Lautsprecher. Einer von ihnen liegt als wäre er gestürzt – zwischen Box und Tisch klemmt eine LED-Anzeige, auf der die Zeit abläuft. Ein dritter, auf den Rücken gedrehter Lautsprecher mit dunklem Holzgehäuse hält eine handvoll britische Pfundstücke auf seiner Membran. Geschmackvolle Gegenstände mit leicht historischem Charakter – ihr Arrangement würde reichlich nostalgisch wirken, hätte Haron Mirza es dabei belassen. Der 34-jährige Brite aber verbittet seinen Gegenständen die museale Einbalsamierung: Sie sind Darsteller, keine Ansammlung sich selbst repräsentierender Objekte.

Haroon Mirza: „A Sleek Dry Yell“, 2008-2011 (Courtesy KvHBf)

A Sleek Dry Yell“, so der Titel der Installation, ist derzeit im Kunstverein Harburger Bahnhof errichtet und dort im September mit einer Performance des Londoner Autors und Musikers Richard „Kid“ Strange (dessen Kultstatus den des Casio-Keyboards noch übertreffen dürfte) eröffnet worden. „Is this where it ends?“ murmelte er düster in ein blau leuchtendes Megaphon während er den Ausstellungsraum abschritt. Seine Performance wird für die Dauer der Ausstellung von einem quadratischen Videomonitor ersetzt, auf dem „Kid“ Strange in Großaufnahme die von ihm selbst verfassten Zeilen rezitiert. Der Monitor ist wie die anderen Gegenstände mit einer Programmiereinheit gekoppelt, die der Installation ihre akustische Dramaturgie zuspielt: Zunächst lässt sie die Münzen auf dem Lautsprecher brummen, gefolgt von dem dicht getakteten Störgeräusch einer ungeerdeten Anlage. Das Geräusch einer tickenden Uhr korrespondiert anschließend mit blau leuchtenden LED-Lichtern im Inneren des Holzschrank. Ein simpler Akkord vom Casio ist danach Startsignal für das Wasser, das über die Platine in den Eimer rinnt. Schließlich wieder bedrohlich brummende Münzen und der schwer zu verstehende Monolog von „Kid“ Strange: eine düster packende Modelleisenbahnversion vom Ende der Welt.

Zu den Niederungen des Katalogsprech gehört ja die Formel vom Künstler, der mit X „spielt“, wobei X wahlweise durch „kulturelle Stereotype“, „Sehgewohnheiten der Betrachter“, „Formvokabular der Moderne“ oder „Bedingungen des Raums“ zu ersetzen ist. Auch Mirza spielt bzw. lässt spielen, aber tatsächlich und unmittelbar erfahrbar als das Schauspiel seiner Objekte. Dass der Begleittext trotzdem davon spricht, Mirza lote die „Grenzen zwischen Geräusch, Sound und Musik“ aus oder untersuche das Möglichkeitsspektrum, Visualität und akustischen Klang miteinander zu verschmelzen, zeigt nur, wie wenig man von Seiten professioneller Rezipienten auf den anstehenden Paradigmenwechsel vorbereitet ist, auf den Mirza in Harburg einen Vorgeschmack gibt. Das Beispiel des gruselig musealen Deutschen Pavillons für Christoph Schlingensief wäre ein weiteres dafür, wie unterwickelt der Umgang mit dem Theatralen im Betrieb der Bildenden Kunst noch ist. Denn um nichts anderes geht es, als die Wiederbelebung der Objekte mit dem Notarztkoffer des Theaters.

Eine Kirche der Angst vor dem Theater: Deutscher Pavillon, Venedig 2011

Nun wollte es der Zufall, dass Mirza in diesem Jahr den Silbernen Bären aus Venedig mit nach Hause nehmen konnte und Schlingensief den Goldenen ins Grab. Er hatte ihn weiß Gott verdient, nur leider mehr für sein unverwirklicht gebliebenes Konzept, weniger für das kirchliche Kino in recycelter Kulisse. Das kommende und von Mirza aufgeführte „Neue Theater“ in der Kunst besteht eben nicht aus abgestellten Bühnenbildern, sondern in einer tiefgreifenden Revitalisierung der Installation als Erfahrungsraum. Denn so sehr sich die Installation heute als Kunstform durchgesetzt hat, sie verharrt allzu oft in der selbstreferenziellen Esoterik von Konzeptkunst und später Moderne: Bis heute bestimmen weitgehend solche Installationen die Ausstellungsflächen, denen an ihrer eigenen künstlerischen Aura mehr gelegen ist, als an der Erfahrungsqualität ihrer Betrachtung. Die Arbeiten des allgegenwärtigen Postkonzeptualismus sprechen für sich – nicht für den Betrachter.

Dabei genügte schon ein kurzer Gedankengang ins Ahnenreich. Denn wodurch unterschied sich beispielsweise gute und bleibende Kirchenkunst von jener, die bloß noch Beleg ist und nicht Zeugnis ihrer Zeit. Die Eine spiegelte stumm die Andachtssymbolik ihrer Auftraggeber, die andere entwickelte Charakteristik, entzündete dichte und zugleich unvollendete Erzählungen – Kunst eben, die in der Lage war mit der oktroyierten Symbolik zu „spielen“ (im oben erwähnten Sinne). Der Punkt ist: sie brachte etwas zur Aufführung und mit ihr die ästhetische Erfahrung, diejenige „Vorstellung der Einbildungskraft (ist), die viel zu denken veranlasst“. Nichts Andächtiges, sondern Beeindruckendes und Denkwürdiges. Eben das fordert ein Mindestmaß an Komplexität von Gestaltung und Sinnzusammenhängen. Und deshalb ist die angesprochene theatrale Wiederbelebung auch nicht zu verwechseln mit den überdimensionierten Lavalampen eines James Turrell oder Marina Abramovićs pseudospirituellem Beharren auf der Reinheit der Präsenz. Ganz zu schweigen von pseudokomplexen Großinstallationen à la Meese oder Bock, denen schließlich jeder Zusammenhang abgeht.

Mirzas Werk schafft eine starke Präsenz, das sich aber nicht darin genügt. Er beginnt eine starke Erzählung, die Raum lässt, ohne sich selbst zu verlieren oder zu banalisieren: Nicht allein das bedrohliche Rasseln der Münzen als angekündigtes Weltenende der Kapitalanarchie. Nicht allein das regulierte und zur Kühlflüssigkeit degradierte Wasser – „Wir fordern die Natur nicht, wir fordern sie an“ (Jelinek). Nicht allein das verkabelte Holzmobiliar, das verdrahtete Biedermeiernest. Nicht allein Kinderkeyboard, apokalyptische Punklyrik und Noisesonate, sondern all das zusammen. In einer Inszenierung. Dazu der hier bislang unterschlagene installative Gegenspieler von Sunah Choi am anderen Ende des Raumes: Ein bis zur hohen Raumdecke reichender weißer Vorhang der sich in einem ebenfalls vorprogrammierten Rhythmus faltenreich zusammenzieht oder zum kreisrunden Ganzen ausfährt. Im feierlichen und holzvertäfelten Bahnhofssaal verleiht das der düsteren Verkündigung von „Kid“ Strange das zusätzliche Pathosmoment eines sich von Götterhand öffnenden und schließenden Bühnenvorhangs.

Sunah Choi: „Züge“, 2011 (Courtesy KvHBf)

Dass Mirza seinen ersten Auftritt in einer deutschen Kunstinstitution ausgerechnet in Hamburg feiert, passt ganz gut ins Bild. Im subkulturellen Umfeld der Hochschule für bildende Künste scheinen Künstler wie Balz Isler, Steffen Zillig oder Oliver Bulas (siehe Artikel von Rohrheimer) seit geraumer Zeit schon mit unterschiedlichen theatralen Strategien gegen den postkonzeptuellen Scheintod der ästhetischen Erfahrung anzutreten. Die neuen Leiterinnen des Kunstvereins Harburger Bahnhof, Franziska Sollte und Isabelle Busch, haben mit ihrer ersten Ausstellung ein bemerkenswertes Gespür dafür bewiesen. Für Hamburg gehört ihre Premiere zweifellos zu den wichtigsten Ausstellungen in diesem Jahr. Wie weit darüber hinaus, könnte sich als eine Angelegenheit nicht unerheblicher Tragweite erweisen.

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Kommentare
Ullrich Läntzsch schrieb am 07.10.2011 um 14:33
Einspruch lieber Erik Stein,

Denn um nichts anderes geht es, als die Wiederbelebung der Objekte mit dem Notarztkoffer des Theaters.

Ein Notarztkoffer, woher auch immer wirds nicht tun.

Die bildende Kunst ist selbst schon stark genug, es suchen nur meist die falschen Leute, und dies auch noch an den denkbar ungeeignetsten Stellen.

Mit einem Notarztköfferchen, da kann man manches reanimieren, doch wirklich Neues schaffen keine Herrn Doktoren.

So wie das Theater einen Jerzy Grotowski brauchte, so einer täte auch der bildenden Kunst gut.

Seit ich schon vor vielen Jahren die Bilder eines jungen Mannes sah, aufgrund derer er nicht studieren durfte, ist mir klar in welch triste, trübe Suppe an unseren Akademien angerührt werden.

Allerbeste
Ullrich Läntzsch

ps: Nicht daß Sie etwa glauben, ich spreche hier von meinen Bilder. 1. male ich nicht und zweitens heißt der Mann, von dem ich spreche Thomas Schuster.
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