EtienneRheindahlen

Problem-Baer hebt Augenbraue

09.02.2009 | 14:10

Kann Englisch: Ein Freiherr als neuer Chef-Ökonom der Krisenrepublik

Und "zooooommm...!!!" - schon ist er da, unser neuer bundesdeutscher Polit-Superstar: Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg. Glatte zehn Jahre jünger noch als Obama und wie jener mit Asteroiden-Geschwindigkeit aus dem dunklen Polit-Universum mitten in das uns überspannende Firmament der Macht geflasht. Und nun funkelt und blitzt dieser neue Strahlemann aus Seehofers "Einsatzreserve" nach seinem kurzen Intermezzo als CSU-Generalsekretär - und niemand könnte jetzt detailliert begründen, was den "Summa cum laude"-Juristen denn nun konkret zum Wirtschaftsminister qualifiziert.

SPIEGELonline weiß zu berichten, dass Seehofer auf einer Pressekonferenz von der Eloquenz des Auftretens des von Guttenberg auf der "Sicherheitskonferenz" vom vergangenen Wochenende nachhaltig schwärmte ("beneidenswertes Auftreten"). Besonders soll der eher bodenständig artikulierende Ober-Bayer dabei die Fremdsprachenkenntnisse von Guttenbergs hervorge- hoben haben. Es stimmt schon, dass verhandlungssicheres Be- herrschen der englischen Sprache eine der grundlegende Ein- stellungs-Voraussetzungen für Spitzenpersonal in der globalisierten Wirtschaft ist (auch wenn über die Fremdsprachenkenntnisse von so manchem bisherigen Bundesminister wohl eher der Schleier des Vergessens gelegt sein mag). Aber - sorry: das bietet heute jeder Student z.B. der natur-wissenschaftlichen Fakultäten, der Informatik oder der BWL. Einfach nur Standard...eigentlich.

Über die wirtschaftlichen Qualifikationen des Glos-Nachfolgers ist allenthalben bislang nur bekannt, dass er bereits kurz nach dem Abitur als geschäftsführender Gesellschafter der familieneigenen "Guttenberg GmbH" (Baustoff-Handel und offenbar diverse "Burgschänken") wirken durfte. Allerdings gehörte der designierte Bundeswirtschaftsminister zwischen 1996 und 2002 (seinem Einzug in den Bundestag) dem Aufsichtsrat der "Rhön-Klinikum AG" an, die (Stand 2/2009) 47 Kliniken an 36 Standorten in neun Bundesländern betreibt. Letzteres klingt beeindruckend, weist aber auch nicht unbedingt auf bestechende Kernkompetenzen als Ökonom hin.

Das Zentrum seiner politischen Interessen war und ist eindeutig die Aussenpolitik: so ist von Guttenberg Unions-Obmann im Auswärtigen Ausschuss und Vorsitzender der Deutsch-Britischen Parlamentariergruppe. Aber gut: Aussenpolitik ist ja nun mal (inzwischen) vor allem an wirtschaftlichen Interessen und deren strategischer Expansion und Absicherung orientiert - das wäre freilich ein Kontext, in dem der neue Wirtschaftsminister ins Raster der Ressortkompetenzen passen k ö n n t e. 

Allerdings: streift man durch die auf der von Guttenberg'schen Homepage (www.zuguttenberg.de) abgelegten Veröffentlichungen, so finden sich nur wenige Gedanken oder Ansätze, die - Gutten- bergs politische Grundausrichtung mal außen vor gelassen  - wirk- lich Visionäres oder anderweitig Bemerkenswertes offenbaren.

Glatt und im geschliffensten Polit-Wording formuliert - aber im Kern bieder, belanglos und unspektakulär. Globalisierung wird von ihm gestreift - aber immer nur unter Hervorhebung der Chancen, sich in der multipolaren "neuen Machtordnung" nachhaltig zu positionieren. Über die - inzwischen selbst Mittelstufenschülern sowohl abstrakt wie auch höchst persönlich nachvollziehbaren - wirtschaftlichen Risiken der Globalisierung...kein Wort. Über die eher Konflikt- denn Konsenz-Potential beinhaltende Verbreiterung des Hegemonial-Strebens unter der (schon längst widerlegten) Prämisse "Anything goes" und "The World is a Market"...kein Wort. Obwohl von Guttenberg zuletzt sowohl in "Financial Times" oder auch der "Welt" abgedruckt wurde - kein Wort über die Banken- und Finanzkrise. Kein Wort = kein Gedanke, keine Ideen...?

Also: wer wie Seehofer allen Ernstes den hinsichtlich seiner Wirt- schafts-Kompetenz blitzblanken Wunderknaben aus oberfränki- schem Adelsgeschlecht als Ideal-Besetzung (kann Englisch, kann Konversation, kann fesche Performance) in den Zeiten der drama- tischsten Wirtschaftskrise seit Beginn der Industrialisierung per Amtsanspruch in diese existentielle Schlüsselrolle befördert - ent- puppt sich als politischer Geisterfahrer. Einer, der blind und in der Annahme, bei seinem Navi handele es sich um einen Autopiloten, in der Rush-Hour mit Tempo 210 auf die A1 bei Köln auffährt.

Und im Fond sitzt offenbar schweigend die Dame im pastell- farbenen Kostüm, sms'end sich bei Mme. Sarkozy Modetips einholend und gelegentlich nach vorne fragend: "Sind wir bald dahaaa...?"

Haben eigentlich weder Parteien noch unsere Mainstream-Medien begriffen, dass ein von sowohl Wirtschaftskrise, indus- triellen und wirtschaftlichen Struktur-Revolutionen und immer massiver zu Tage tretenden sozialen Brüchen bedrohtes Land es sich überhaupt nicht leisten kann, per Schnelldekret einen slick-smarten Von-und-zu auf einen der kritischsten Entscheider-Sessel zu katapultieren ?

Nichts gegen junge Köpfe und unverbrauchte Talente (au contraire !) - aber es wäre eine Frage der Staatsräson gewesen darauf zu achten, dass diese jungen Köpfe mit frischen und unkonventionellen Ideen und Konzep- ten bestechen. Oder durch maßgebliche Beiträge in einem im aktiven Diskurs stehendes Netzwerk überparteilich und interdisziplinär engagierter Profis und Wissenschaftler. Und weniger mit englischem Sakko-Schnitt, blendend gefletschten Zahnreihen und smartem Parkett-Geplauder.

Ich wünsche dem neuen Wirtschaftsminister Glück (!!) - weniger aus politischem Grundkonsens, sondern weil mir um unser aller wirtschaftliche und soziale Nahperspektiven Angst und Bange wird.            
 
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Kommentare
digitus schrieb am 09.02.2009 um 14:36
Sehr gut! Du hast die Analyse (über die von mir gebloggte Frage nach der Qualifikation hinaus) sehr gut ausgeführt. Chapeau! Irgendwie scheint das ein Schlaglicht auf die Regierungsmannschaft nach der Bundestagswahl zu sein und da passt zu Guttenberg gut zu einem Außenminister und Vizekanzler Westerwelle ...

*börcks* ich geh jetzt erstmal ko**en ...
EtienneRheindahlen
Ex-DJS-Absolvent.Ex-Chefreporter.Jetzt-CorporateCommunication-Spezialist. Die interessantesten Beschreibungen sind immer nur so gut und wirklich interessant, wie sie das Gedachte, Gesagte, Geschriebene, Getane reflektierend bestätigen.
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