Faber

Blog von Faber

19.01.2011 | 17:07

"Restrisiko" – Supergau, oder Wurstbrot mit Himbeermarmelade

Das hätte wohl kaum jemand Sat.1 zugetraut: Ein aktuelles politisches Thema zur Primetime im Privatfernsehen. Mit „Restrisiko“, einem Spielfilm zur Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke, wagte der Sender dieses Experiment.

Doch dann verließ die Programmverantwortlichen der Mut. Schon das Etikett „Event-Film“ zeigt, zu weit wollte man sich nicht von der eingeübten Seichtigkeit der Eigenproduktionen entfernen.

Der Film beginnt nach dem Gau des fiktiven Kernkraftwerks Oldenbüttel im Sommer 2011. Hamburg ist zu einer Geisterstadt geworden. Katja Warnecke (Ulrike Volkerts) war als Sicherheitschefin an dem Katastrophenmeiler beschäftigt. Nun versucht sie, die Wahrheit über die Kernschmelze herauszufinden. Gleichzeitig wird in Rückblenden erzählt, wie es zu der Katastrophe kam.

Das Drama wirkt über weite Strecken, als sei es aus dem Klischee-Fundus des 70er-Jahre Katastrophenfilms zusammengebaut: Der Held, diesmal eine Heldin, ist zunächst in Krisen verstrickt, wächst aber angesichts der Katastrophe über sich hinaus. Es gibt den Bösewicht, gespielt von Kai Wiesinger, den frühen Mahner (Gerd Garbers) und den Opportunisten, der sich zum Helden wandelt und folglich sterben muss, verkörpert von Matthias Koeberlin. Das übliche Personal ist so vollständig vertreten, dass man fast Charlton Heston unter den Darstellern sucht.

In der routinierten Katastrophen-Dramaturgie geht der politische Aspekt des Themas weitgehend unter. Es wird fast zur Nebensächlichkeit, dass diesmal ein Atomkraftwerk havariert, und kein Schiff oder Flugzeug. Die Schuld wird bei Einzelnen gesucht, was von der eigentlichen Dimension des Problems ablenkt.

Zum Schluss gibt es ein Wohlfühlfinale, das wie Himbeermarmelade auf Wurstbrot zu dem Gau-Szenario passt. Zuerst erreicht Katja Warnecke mit ihrer Aussage vor einem Untersuchungsausschuss, dass zwei ältere Baureihen von Atomkraftwerken vom Netz genommen werden. Privat scheint plötzlich auch alles im Lot. Dann folgen noch stimmungsvolle Herbstbilder der großen Anti-Atomkraft Demo 2010 in Berlin.

Damit ist der Film angekommen, wo er hätte beginnen sollen: In der Hauptstadt. Die eigentlich spannende Vorgeschichte hat sich nicht in der norddeutschen Provinz, sondern hier abgespielt. Sie handelt davon, wie es überhaupt zur Laufzeitverlängerung durch die schwarz-gelbe Bundesregierung kommen konnte, sie handelt vom Einfluss der Lobbyisten, von geheimen Absprachen mit den Stromkonzernen und von einer Politik gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung.

Aber vielleicht ist es zuviel von Sat.1 verlangt, eine solche Geschichte zu erzählen. Denn sie wäre wirklich nah dran am aktuellen Geschehen. Und auf eines müsste man vorerst verzichten – auf ein Happy End.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 19.01.2011 um 22:02
Danke für die Rezension. Ich habe mir das nicht angetan, weil ich ahnte, wohin die Reise geht.
Das sind Filme, die irgendwie den Leuten vorgaukeln, man greife drängende Probleme auf. Dabei sind es nur Placebos.
ForenBoy schrieb am 19.01.2011 um 22:09
das halte ich allerdings für eine völlige Fehleinschätzung.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.01.2011 um 00:09
Danke für den Tip, nu hab ich Unterhaltung, hier is eh nix los
Ehemaliger Nutzer schrieb am 20.01.2011 um 01:38
uhii, das is ja nur 'ne Katastrophen Operette son tuettelkram
Faber
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21:31
NonOpportunist hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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