fiance

fiancé - lionceau

10.01.2011 | 16:51

Politikverdrossenheit an deutschen Hochschulen

Zwar ist es schon eine Weile her, dass an unserer Uni die Wahlen zu den wichtigsten Gremien der akademischen Vertretung stattfanden, dennoch lässt mich das ernüchternde Ergebnis nicht los.

Mir geht es nicht darum, dass die falschen Leute die falschen Ämter erklommen haben könnten, nichteinmal um die nur geringfügig vorhandene Entscheidungs- und Mitwirkungskompetenz die Stupa, Asta, Fachgruppenvertretung und Andere speziell an unserer Uni haben. Es ist die fehlende Beteiligung an den Wahlen, die mir solche Sorgen bereitet.

Es ist schon erschreckend genug zu sehen, wie gering die Wahlbeteiligung an Kommunal-, Landtags-, und Bundestagswahlen ist, weithin mit abnehmender Tendenz, doch die Zahlen die sich mir nach meiner ersten hochschulpolitischen Wahl präsentierten, übersteigen jegliche Vorstellungskraft. Gerade einmal knapp 30% der Studierenden an unserer Uni haben ihr Recht wahrgenommen ihre studentischen Vertreter zu wählen. Damit sei die Universität im bundesdeutschen Durchschnitt gar auf den vorderen Plätzen zu verorten, und das Ergebnis somit vergleichsweise "zufriedenstellend".

Allerorts hört man beim Thema Wahlbeteiligung bereits bei der 50% Marke die vollkommen berechtigte Frage nach der Legitimationsgrundlage der so gewählten Vertreter. Wo dies jedoch immerhin noch die Hälfte der Wahlberechtigten wäre, liegt sie im hochschulpolitischen Bereich bei nichtmal einem Drittel. Erstaunlich, für eine Schicht, die sich als die intellektuelle "Elite" von morgen versteht, denen bei landes- und bundespolitischen Wahlen eine vergleichsweise hohe Wahlbeteiligung zugerechnet und deren Politik(er)- und Parteienverdrossenheit zwar immer wieder beschworen, doch ebensohäufig widerlegt wird.

Natürlich liegt bei der Beantwortung der Frage nach der Ursache der eklatant geringen Wahlbeteiligung auch der Schluss nahe, das oben angeführte Entscheidungsdefizit anzuführen. Andererseits - Verhandlungen mit einer studentischen Vertretung seitens der Uni-Leitung, die lediglich eine Minderheit der Studenten vertritt, zu führen, mutet zurecht als ein wenig Sinnfrei an. Aus diesem Umkehrschluss heraus lasse ich diesen Aspekt beiseite und will ein paar andere Vermutungen anstellen.

1. Hochschulpolitisches Desinteresse bzw. fehlende Informationskompetenz seitens der Wahlberechtigten

Viele der Studierenden interessieren sich, gerade aufgrund der starken Verschulung vieler bis bei weitem aller neuer Studiengänge, mangels Zeit aber auch mangels Kenntnis über die hochschulpolitischen Strukturen, nicht für die politische Vertretung ihrer (Nicht-)Interessen.

2. Studierende engagieren und interessieren sich eher über inoffizielle AG's, Nicht-Hochschulpolitische-Organisationen und andere Interessensgemeinschaften

Es ist ein enormer Zuwachs an "privaten" Interessensgemeinschaften entstanden, die abseits jeglicher politischer Strukturen ihre Wünsche und Forderungen in die Tat umsetzen. So ist beispielsweise auf vielfache, kreative und unterschiedliche Art und Weise eine der Hauptforderungen unserern Bildungsstreiks, die Bitte um nichtkomerziellen, studentisch organisierten FreiRaum, durch Initiativen umgesetzt worden, die nicht erst den langen Marsch durch die Institutionen abwarten wollten.

3. Die Abneigung oder gefühlte Distanz zu sogenannten "Linken Chaoten", die zum Großteil die studentische Hochschulpolitik betreiben und oft als zu lautstark oder radikal wahrgenommen werden.

So haben viele Studenten mit denen ich gesprochen habe schon bei der Hörsaalbesetzung im Zuge der europaweiten Bildungsstreiks den Eindruck gewonnen, alleine schon durch die Aufmachung der Besetzung (selbstgesprayte Transparente mit markigen Sprüchen, lautes "Wir sind hier.. wir sind laut.. weil man uns die Bildung klaut", VoKüs für die Besetzer und das allgemein schlottrig-punkige Aussehen der meisten besonders engagierten Streikenden) abgeschreckt worden zu sein.

 

Nichtsdestotrotz und alles in allem bleibt dennoch eine riesige Kluft i Hochschul-, Bildungspolitik und darüber hinaus, an den einzelnen Unis, FH's und Schulen und bundesweit, die sich sicher nicht mit Nichtstun überwinden lässt.

Es bleibt die Frage - Wie?

 

 
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