Floppius

Neues von den Unsichtbaren

20.03.2010 | 22:14

Zeitarbeitsmessen - Sklavenhandel der Neuzeit

Am 18. März 2010 fand in der Historischen Stadthalle die 4. Wuppertaler Zeitarbeitsmesse statt. Es gibt Menschen, die finden so etwas normal.

Martin Klebe, Chef der Wuppertaler ARGE, hatte schon im Vorfeld erklärt: "Wer heute auf Jobsuche geht, kommt an der Zeitarbeit nicht vorbei," und so hatten Bundesagentur für Arbeit und ARGE Wuppertal bekannte und weniger bekannte Leihfirmen zusammengerufen, um Arbeitslose in unsichere und schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse abzuschieben. Es zeigte sich einmal mehr, wie eng die ARGEn und die Bundesagentur mit der Zeitarbeitsbranche zusammenarbeiten.

Im Vorfeld hatte die ARGE mit einem Anschreiben ihre "KundInnen" eingeladen - und kein Berufsfeld war in der zur Verfügung stehenden Stellenbörse ausgeklammert:
Von A wie Altenpfleger über I wie Industriekaufleute bis zu T wie Technischer Zeichner oder Tele-Sales-Agent. Vermittlung in feste Jobs mit Perspektive, das war gestern. Die zwölf Seiten lange Liste für die Leiharbeit, mit teilweise hochqualifizierten Berufen, erzählt etwas anderes.

Die Messe öffnet um 10.00 Uhr ihre Tore. Schon eine halbe Stunde vorher finden sich die ersten BesucherInnen und die Aktiven einer Düsseldorfer AntiLeiharbeits-Initiative plus Sympathisanten ein.

Die Stimmung ist wenig euphorisch. "Leiharbeit ist schlecht, aber was willst Du machen, andere Möglichkeiten gibt es nicht", sagt einer, zwei Männer applaudieren vor dem Transparent der Initiative mit dem Slogan: "Gleiche Arbeit - gleiches Geld", Hoffnung auf die Angebote der Messe haben nur wenige.

Im Innern versuchen ARGE und Zeitarbeitsfirmen einen Zustand vorzugaukeln, der dem Inhalt der Veranstaltung nicht entspricht: Sie wollen den Eindruck einer völlig normalen Messe vermitteln - Alltagsgeschäft eben.

Doch genau das ist eine Leiharbeitsmesse nicht. Sie ist vielmehr Ausdruck eines Prozesses gesellschaftlicher Verrohung. Mit dem Ziel: "Harte und qualifizierte Arbeit für ganz kleines Geld" soll Arbeit auf Teufel komm raus billig werden, auf Kosten des Einzelnen und der Allgemeinheit.

Leiharbeitsmessen gibt es überall

Die Zeitarbeitsmesse Wuppertal ist kein Einzelfall. Allein im Zeitraum März und April 2010 finden achtzehn Veranstaltungen dieser Art in Deutschland statt. Sie sind der Hebel, Leiharbeit gesellschaftsfähig zu machen.
Das Kalkül: Sind derartige Messen erst einmal etabliert und unumstritten, dann gilt das auch für die Leiharbeit selbst.

Die Jungs von der Antileiharbeitsinitiative :
" Zeitarbeitsmessen gehören skandalisiert. Jobs , von denen du leben kannst -mit Leiharbeit kannst du das oft vergessen. Du bist Manövriermasse. Es hilft nur ordentlich gegenhalten."
Ihrem Protest wollen einige Sympathisanten mit Stinkbomben Ausdruck verleihen, die sie in der Messehalle zu entsorgen gedenken. Ansonsten verteilen sie Flugblätter "Leiharbeitsmessen - Sklavenmärkte der Neuzeit".

Dass die IG-Metall einen Stand auf der Messe hat, empört sie. "Leider ist der DGB, was die Zeitarbeit angeht, noch nicht bei der realen Ausprägung dieses Ausbeutungsmodells angekommen. Zu oft sehen die Kollegen und Kolleginnen vom DGB Leiharbeit als Lösung und nicht als Teil des Problems."

Die jungen Leute hinter dem IG Metallsstand heben sich wohltuend von den aufgebrezelten Disponenten der Zeitarbeitsbranche ab.
Sie verweisen auf die Forderungen ihrer Gewerkschaft und drücken mir einen Flyer in die Hand: "Begrenzung der Verleihzeit, Einführung eines Mindestlohns und Gleichstellung mit der Stammbelegschaft, kein Heuern und Feuern" steht da. Hört sich nicht schlecht an.

Auch sagte Christian Iwanowski von der IG Metall Bezirksleitung auf der Zeitarbeitsmesse in Bielefeld am 3. März, es gäbe nur zwei Möglichkeiten: das Phänomen Leiharbeit zu ignorieren oder es fair zu gestalten, also müsse man gestalten.

Aber wie immer man faire Bedingungen auch definieren mag, eines ist klar: solange im Rahmen der Deregulierung des Arbeitnehmer-Überlassungsgesetzes Leiharbeitskräfte unbefristet verliehen werden können, verbietet sich eine Diskussion über Fairness. Das Resultat sind gespaltene Belegschaften, wobei Stammbelegschaft und LeiharbeiterInnen wechselseitig Druck aufeinander ausüben.

Auch gibt es bei gleicher Arbeit kein gleiches Geld. Zwar gilt eigentlich "equal payment" und "equal treatment", also Recht auf gleiche Bezahlung und gleiche Behandlung, nur da hat die Politik einen Riegel vorgeschoben und der heisst "Tariföffnungsklausel": man macht einfach einen neuen Tarifvertrag, dann kann die Arbeit noch so gleich sein, Behandlung und Bezahlung sind es nicht.
Genau das ist passiert. Zu diesem Zweck sind die sogenannten Christlichen Gewerkschaften gegründet worden und die haben Niedriglohn - Tarife ausgehandelt und Gewerkschaften - und das ist sehr fragwürdig -  haben mit nur wenig besseren Verträgen nachgelegt. "Denen ging es dabei nur um die eigene Klientel und den eigenen Einfluss", sagen die Jungs von der Antileiharbeitsinitiative.

Wenn es stimmt, helfen nur noch Stinkbomben.

Aber auch wenn es so nicht stimmt, bleibt die Frage, ob IG Metall und Kollegen nicht eine andere Gangart einlegen müssen. Zwar gibt es das Portal Gleiche Arbeit - gleiches Geld" mit vielen properen Vorschlägen und es gibt das IG Metall - Forum  Zoom (ZeitarbeiterInnen ohne Organisation machtlos). Aber eine Strategie, wie den vielen Unsichtbaren in der Leiharbeit Zukunft gegeben werden kann, ist nicht recht erkennbar.

Und so bleiben die freundlichen KollegInnen vom IG Metall Stand auf der Wuppertaler Zeitarbeitsmesse bis auf weiteres Bestandteil einer Veranstaltung, auf die sie wohl eher nicht gehören.

weitere Links
www.alaid.de
netkey40.igmetall.de/homepages/bielefeld/tarifpolitik/newstarifpolitik/zeitarbeitsboersebericht.html#LayoutElement_19156_230122300

 

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 21.03.2010 um 06:25
Warum ist die Leiharbeit in Deutschland so schlecht geregelt? In Oesterreich sagte man mir, dass Arbeitnehmer in Zeitarbeitsfirmen nicht weniger verdienen als die Kollegen in den Betrieben, oft so, dass ein Angebot auf Uebernahme nicht einmal attraktiv sei.
merdeister schrieb am 21.03.2010 um 10:51
Ich habe das Gefühl, Österreich hängt Deutschland bei solchen Entwicklungen 10 Jahre hinterher. Im Moment wird hier gerade darüber diskutiert eine Grundversorgung einzuführen. Etwas anderes als "Hartz IV" scheint mir das jedoch nicht zu sein. Die Frage ist also, wie lange Leiharbeit in Österreich noch so aussieht wie im Moment. Wenn man erst mal genug Druckmittel hat, lässt sich auch der Lohn drücken.
Alien59 schrieb am 21.03.2010 um 11:20
Ich bin da ein bisschen optimistischer. Ein frueherer Bundeskanzler meinte mal, man muesse den Deutschen ja nicht jeden Unsinn nachmachen.

Die derzeitige Debatte ueber die Grundversorgung habe ich nicht ausreichend verfolgt - es schien mir aber durchaus einige Luecken zu geben, die geschlossen werden sollten. Ob sich die Vorschlaege eignen, weiss ich freilich nicht.
Floppius schrieb am 21.03.2010 um 14:01
@alien59 @merdmeister

Ich glaube nicht, dass es bestimmte Gesetzmässigkeiten beim Phänomen Zeitarbeit gibt, etwa: heute Deutschland, morgen Frankreich, übermorgen Österreich.
Leiharbeit oder Zeitarbeit, wie die Befürworter sagen, ist in seiner aktuellen Form ein Resultat konsequenter Niedriglohnpolitik.

Ständiges Unterbieten beim Lohn hat Deutschland zum Exportweltmeister und viele Menschen in Deutschland arm oder - wie ich es immer nenne - unsichtbar gemacht.
Das ist aber ein Resultat typisch deutscher Politik, für die sich Gerhard Schröder auf dem World Economic Forum in Davos selbst gelobt hat.
Die Resultate dieser kann man bei solchen Leiharbeitsmessen beobachten. Ich habe viele Gespräche mit „unsichtbaren Menschen" geführt, Gespräche über schleichenden sozialen Abstieg, verdrängte Träume - einer erzählte von Kinderwünschen, die er nicht finanzieren könne -und (Versagens)ängsten; Bereitschaft zum Widerstand konnte ich nicht feststellen, ausser bei den Sympathisanten besagter Antileiharbeitsinitiative.
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Schröder in Davos www.gewerkschaft-von-unten.de/Rede_Davos.pdf
weltzeituhr schrieb am 21.03.2010 um 15:42
Bereits ein Betreuer beim Arbeitsamt sagte mir vor Jahren, nur nicht bei einer Zeitarbeitsfirma bewerben. Das ist das Allerletzte...es ist Ausbeutung durch den Menschen.
Alien59 schrieb am 21.03.2010 um 16:09
Keine Bereitschaft zum Widerstand - habe ich heute irgendwo zu einem anderen Thema bereits geschrieben. Das ist irgendwie beängstigend.
Bernd Marnet schrieb am 26.03.2010 um 16:03
Den Ausdruck "Unsichtbare" finde ich missglückt. Unsichtbar ist man nicht, unsichtbar macht man sich. Arm zu sein, das dagegen ist man.

Die christlichen Gewerkschaften sind wesentlich älter als die Leiharbeit: sie wurden als Gegenstück zu den Arbeiterorganisationen gegründet, teilweise noch im 19. Jahrhundert. Was floppius wohl meint, sind die arbeitgeberfinanzierten Pseudogewerkschaften wie GNBZ(private Postdienste: man erinnert sich bestimmt an die PIN-Group). Allerdings waren es die christlichen Gewerkschaften, die den ersten skandalösen Tarifvertrag mit der Leihbranche abgeschlossen haben.

Was die IG Metall betrifft, so ist -abgesehen von den üblichen Platitüden der Spitze- die heutige DGB-Gewerkschaft vor allem die Lobbyistin der Stammbelegschaften.

Der Hinweis auf die Exportindustrie erklärt, glaube ich, warum Leiharbeit in Deutschland anders aussieht als in Österreich oder Frankreich.

Ob Stinkbomben gegen Ausbeuter zielführend sind, bezweifle ich. Was zielführend ist, weiß ich aber auch nicht.
Margareth Gorges schrieb am 21.03.2010 um 18:00
Die BA kooperiert doch auch mit der Bundeswehr

siehe: ==> Einladung Arbeitsloser in den Krieg
Bundeswehr und Bundesagentur für Arbeit schlossen Kooperationsabkommen

Die Bundeswehr leidet unter einem Mangel an Personal. Der Arbeitsmarkt »leidet« unter einem Überschuss von Arbeitskräften. Was läge für die Werber des Militärs näher, als aus den Nöten eine Tugend zu machen – Nachschub für die Militärmacht Deutschland?
Wie jetzt bekannt wurde, unterzeichneten der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, und Generalmajor Wolfgang Born, Stellvertreter des Personalzentrums im Bundesverteidigungsministerium und Beauftragter der Bundeswehr für die militärische Personalgewinnung, kürzlich in Bonn eine Kooperationsvereinbarung.

weiterlesen : www.nachdenkseiten.de/?p=4572#h11

Anmerkung M.G.

von daher ist doch Zeitarbeit halb so schlimm (Ironie mod off )

Die rot-grünen “Reformen” in Sachen Leiharbeit wurden auch von der damaligen schwarz-gelben Opposition freundlich abgenickt. Die nun vom selbsternannten “Arbeiterführer” Rüttgers oder von der Sprechblasenproduzentin von der Leyen herausposaunte “Kritik” an Schlecker ist daher heuchlerisch und wohl vor allem dem nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf geschuldet.

Denn es ist keinesfalls eine neue Erkenntnis, daß Leiharbeitnehmern je nach Beruf nur 49 bis 73% des Lohns der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in dem selben Beruf gezahlt wird - UND 12,6 % aller Leiharbeiter zusätzlich noch HartzIV beantragen müssen zum überleben !

Zudem übt der zunehmende Einsatz von Leiharbeitern im wachsenden Maße Druck auch auf die Löhne und Gehälter der festangestellten Arbeitnehmer aus!

Zitat Schlecker: “Es sei befremdlich, dass Politiker, deren Parteien seit langem stets die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse gefordert und gesetzlich gefördert haben, nun hier - offenkundig aus populistischen Motiven - mit einzustimmen scheinen”.

Warum sollte ich als Arbeitgeber marktgerechte Löhne zahlen, wenn ich mit politischer Protektion auch Hungerlöhne zahlen kann?

DAS IST SYSTEM! DAS MOTTO DIESER AUSBEUTER : SOZIAL IST WAS ARBEIT SCHAFFT
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.03.2010 um 18:10
Aha!
Bernd Marnet schrieb am 26.03.2010 um 16:11
"Sozial ist was Arbeit schafft"

Würde das Motto stimmen, dann wären die von Arbeitssklaven gebauten V2-Raketen im Krieg Zeichen eines funktionierenden Sozialstaats gewesen.
Floppius
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