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lieber Frieder-Otto,
schon seit langem lese ich deine Artikel in diversen Publikationen und habe sie immer als Bereicherung empfunden. Daher freue ich mich, dass du auch zu den 'Freitag'-Bloggern gehörst und bin gespannt auf deine Beiträge.
Zu deinem aktuellen Beitrag:
Wenn ich den Inhalt kürzest in Schlagwortform für mich zusammenfasse, so ergibt sich: 1.Thema Zeitlichkeit; 2. Thema: Einheit und Vielfalt. Die Frage wäre, inwiefern vertieft das "neue Thema" der Zeitlichkeit das "alte, linke Thema" von Einheit und Vielfalt? Ich finde darauf folgende Hinweise in deinem Beitrag: "Was wir tun wollen und tun sollen, (...)– wir müssen es selber herausfinden: Alle zusammen und jeder für sich. " und "hier und jetzt beginnen (...) aufzubauen". Kurz: der Begriff, der sich nicht in deinem Text findet, aber auf den die Verbindung von Thema 1 und Thema 2 für mich hinauszulaufen scheint, ist "Prozess/haftigkeit". Insofern ließe sich ein Schritt in Richtung Konkretisierung des alten Problems von Einheit und Vielfalt machen: eine Schlüsselfähigkeit beim Aufbau einer "gemeinsamen und koordinierten Handlungsfähigeit" ist es, dem Porzesscharakter des "Übersetzens" von "Zusammen" und Jeder-für-sich"zu erlernen und nicht zu reduzieren. Kein Ziel, keine gemeinsame Utopie, keine gemeinsame Projektionsfläche erspart "uns"/"mir", je aktuell , immer wieder das "Gemeinsame" als "in-the-making", als ständig im Entstehen, im Werden zu begreifen und als solches handzuhaben. Diese Fähigkeit des im Prozess-Bleibens ist eng verbunden mit der Fähigkeit zu kommunizieren, des Dialog-Führens, etc. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen wir nicht von einer gemeinsamen Utopie ausgehen können, scheint mir der aktuelle Begriff von Dialektik der des "Übersetzens" zu sein. Gerade an dieser Fähigkeit mangelt es nach meiner Erfahrung. Streit und Polemik ohne Verbindung zu Argumenten, geschlossene Ohren und unmittelbare Betroffenheit, die nicht über sich hinauszugehen vermag, bestimmen meine Zusammenhänge. Und ich selbst bin oft Teil des Problems. Vielleicht hilf ein Begriff von Gegenwart, in die jederzeit der Messias eintreten könnte weiter, um nicht aufzugeben: "Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?" lg jkob |
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Danke - ich fühle mich durchaus gut verstanden und auch belehrt: Prozesshaftigkeit und Dialogfähigkeit sind in der Tat ein Schlüssel. Mit Benjamin müssen wir allerdings wohl auch noch besser begreifen, worin die 'spezifische Materialität' beider besteht!
lg FOW |
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Leider funktioniert bei mir die Funktion 'Kommentar kommentieren" nicht, deshlab anworte ich mit einem neuerlichen Kommentar.
Vielleicht kann man Benjamins Thesen als Anknüpfung und Reformulierung der 11.Feuerbachthese auffassen. Benjamin versucht gerade den Zusammenhang von Interpretieren und Verändern zu begreifen. Was auch immer die "Philosophen" machen mögen – das menschliche Wesen ist bei seiner Tätigkeit des Veränderns und Selbstveränderns in Klassen- und Bedeutungskämpfe verstrickt. Das menschliche Wesen lebt in gesellschaftlich-geschichtlichen Verhältnissen, die zugleich – (klassen)konflikthaft – erzählt und "bebildert" sind. Beim Wiederlesen ist mir aufgefallen, wie prominent das Thema der Gefühle/Emotionen in den 'Geschichtsthesen' ist: Neid, Glück, Zuversicht, Mut, Humor, Unentwegtheit, Hoffnung, Trägheit des Herzens, Traurigkeit, Grauen, Hass. Vielleicht ist das eine wichtige Lehre aus Benjamins Thesen: die Materialiät unserer gelebten Erfahrung und die unserer Kommunikationsprozesse besteht in der Verknüpfung von Bedeutungen und Affekten. Und vielleicht vergessen wir manchmal, allein vor unseren Büchern und Computern, dass unsere Analysen, unsere Darstellungen, Argumente und Historisierungen zugleich Gefühlsstrukturen sind, oder eng mit solchen Zusammenhängen. Daraus ergäbe sich auch die schwierige Aufgabe der Prozess-/Dialoggestaltung: mit den Denkmitteln, mit der Art und dem Inhalt unserer Narrationen zugleich unsere Gefühle zu modulieren/zuverändern. |
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Auch dies eine Art von Antwort auf jkobs letzten Kommentar, den ich wiederum mit Gewinn gelesen habe! Völlige Zustimmung - Ich denke nur noch, dass es wichtig wäre, die Konsequenzen von Marx' materialistischer Wendung zu denken, wie sie sich daraus ergeben, dass er Praxis als 'gegenständliche Tätigkeit', als 'Arbeit' zu denken begonnen hat. Das sollte uns weder dazu führen, Arbeit auf Erwerbsarbeit oder Industriearbeit reduziert zu denken (im Sinne etwa von Hannah Arendts schrecklich reduziertem 'Arbeitsbegriff'), noch auch dazu verleiten, dieses Moment der stofflichen Rückgebundenheit und materiellen Wirkungsmächtigkeit auch der verfeinertsten, dem unkritischen Betrachter als 'immateriell' oder gar offen spiritualistisch als 'geistig' erscheinenden Formen der Praxis wieder zu vergessen. Das würde bedeuten, den 'Gegensatz' zu verlieren, den Marx zwischen seiner und der hegelschen Dialektik sieht - und damit die entscheidende Differenz zwischen der vielfach gebrochenen 'Tradition der Unterdrückten' (Benjamin) und der immer wieder emsig neu etablierten Tradition der Herrschenden.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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