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Blog von FOW

14.02.2009 | 22:17

Fragen der Zeit

In einem Bändchen, das der mexikanische Kollege Stefan Gandler verfasst hat, um herauszuarbeiten, wie Walter Benjamins Text „Über den Begriff der Geschichte“ heute „als materialistischer Text begriffen“ werden kann, fand ich eine Überlegung über die Kategorie der Zeit, die mich beunruhigt. Gandler hebt Benjamins Kritik „an der Vorstellung“ von der Geschichte als „eine homogene und leere Zeit durchlaufenden Fortgangs“ als Höhepunkt der Radikalität von dessen Thesen hervor. Der diese Radikalität nicht aufbringende heute „zeitgenössischen Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie“ hält Gandler vor, ihr sei es „niemals gelungen, das von der Relativitätstheorie Einsteins Vorgelegte zu erreichen“. Benjamin dagegen habe nach einem „strikt materialistischen Zeitbegriff“ gesucht – d.h. nach einem, „der nicht in den Fehler verfällt, eine spezifisches Erfordernis der kapitalistischen Reproduktionsweise zur suprahistorisch, ‚objektiv’ gegebenen Tatsache zu deklarieren“. Und dieser soll Einsteins „Vorlage“ entsprechen.   Das beunruhigt mich – und zwar aus zwei Gründen: Erstens, weil es mir dem Missverständnis ausgesetzt zu sein scheint, es ginge in „Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie“ darum, einfach die Entdeckungen der Naturphilosophie ‚irgendwie umzusetzen’. Dass das ganz elementar falsch wäre, lässt sich im Darwinjahr passend am Sozialdarwinismus exemplifizieren: Dessen Übertragung des ‚Evolutionsgedankens’ auf historische Prozesse hat sich längst als eine unzulässige Analogisierung heraus gestellt, genau genommen als ein ‚Kategorienfehler’, die naive und unzulässige Übertragung einer Kategorie auf ein Gegenstandsfeld, in dem sie nicht anwendbar ist, ohne zu paradoxen Ergebnissen zu führen. Zweitens, weil das zur Schlussfolgerung führen könnte, dass der Moment der Revolution, des Unterbrechens der Koninutität der bisherigen Geschichte der Herrschaft in einer anderen Zeit liegt, nicht in unserer. Gandler selber verfällt weder in den ersten noch in den zweiten Fehler. Er bleibt aber in beiden Hinsichten präzisierungsbedürftig, insbesondere um weder szientisch noch postmodernistisch fehlinterpretiert zu werden.   1. Ich beginne mit meiner philosophischen Beunruhigung: Was war Einsteins Entdeckung und was bedeutet sie für die Wissenschaften von Geschichte und Gesellschaft? Der bahnbrechende Grundgedanke Einsteins – den wir in der Tat als materialistisch interpretieren sollten – war ganz einfach: die Zeitmessung (Gleichzeitigkeit und Dauer) braucht selber Zeit und ist daher Gleichzeitigkeit nur für begrenzte Bezugssysteme bestimmt, wobei die Lichtgeschwindigkeit als Maximalgeschwindigkeit der Signalübertragung die Grenzgeschwindigkeit bildet. Kann das für die historischen Sozialwissenschaften etwas bedeuten? Das ist deswegen erst einmal problematisch, weil menschliche Verhältnisse und menschliches Handeln sich ‚in Zeiten’ abspielen, in denen durchaus noch nicht-einsteinsche Zeitbestimmungen funktionieren – also etwa die Zeitmessung durch die Stoppuhr des Zeitnehmers, die Koordination durch die Fabrikuhr oder die Synchronisierung der weltweit, in verschiedenen ‚Zeitzonen’ funktionierenden Uhren. Einsteins Entdeckung der physikalischen Relativität in kosmischen Größenordnungen hat daran nichts geändert. Sich in dieser Hinsicht innerhalb der historischen Sozialwissenschaften auf Einsteins Relativitätstheorie zu berufen, könnte davon ablenken, sich auf die eigenen Probleme dieser Wissenschaften wirklich einzulassen.  Dennoch lässt sich aus Einsteins Entdeckung der spezifischen Materialität der Zeit in der materiellen, selbst an die physikalischen Gegebenheiten gebundenen und damit immer in ein gebenes Bezugssystem eingebetteten Operationen der Zeitmessung etwas für die historischen Sozialwissenschaften gewinnen: Die ‚eigenen Zeiten’ bestimmter historischer Praxiszusammenhänge sind nicht immer schon vorab als ‚Abweichungen’ von einer ‚Normalzeit’ abzubilden. Sie sind vielmehr erst einmal als solche wahrzunehmen und in ihrer Eigenart zu begreifen. Wie aus diesen sehr unterschiedlichen ‚Zeiten’ ein historisches Geschehen zusammenkommen kann, in dem sich eine gemeinsame Zeit – und damit erst Verhältnisse von Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit – muss immer erst untersucht werden – und das ist immer erst retrospektiv möglich. Hier liegt vielleicht der Kernpunkt meines philosophischen Unbehagens: Für die physikalische Zeit, auch die Einsteinsche, spielt die existenzielle Differenz zwischen Vergangenheit und Zukunft keine Rolle (deswegen weil ganz selbstverständlich immer nur von der Vergangenheit die Rede ist). In der historischen Zeit ist diese Differenz dagegen konstitutiv für unsere Handlungsfähigkeit – aus unserer Sicht der Vergangenheit und unserer Analyse der Gegenwart gewinnen wir die Grundlagen für unser Handeln zu Gestaltung einer Zukunft, die nicht vorab schon existiert. Benjamin (und auch Gandler) arbeiten daran, auch diese Zusammenhänge materialistisch zu fassen, anstatt sie existenzialistisch aus den historischen Prozessen herauszulösen – wofür aber von Einstein nichts Bestimmtes zu lernen ist. Die Frage, was die richtige Erklärung vergangener Prozesse und die triftige Beschreibung der gegenwärtigen Lage für unser Handeln als Menschen bedeuten kann, ist jedenfalls nicht im Rückgriff auf allgemeine Theorien der Zeit zu beantworten. Was es bedeutet, Traditionen ‚fortzusetzen’ oder mit ihnen zu ‚brechen’, gegebene Tendenzen zu verstärken oder sich ihnen zu widersetzen, können die historischen Sozialwissenschaften retrospektiv gut beantworten. Aber wie weit sie hier und heute unser Handeln bestimmen bzw. ob und wie weit wir dazu in der Lage sind, ganz neuartige Initiativen zu ergreifen, ist grundsätzlich eine Frage unserer Praxis – und nur im Hinblick auf Voraussetzungen und Bedingungen wissenschaftlich zu untersuchen. Was wir tun wollen und tun sollen, kann uns keine Wissenschaft sagen – wir müssen es selber herausfinden: Alle zusammen und jeder für sich.   2. Damit sind wir schon bei meinem politischen Unbehagen: Auch wenn weder Benjamin noch auch Gandler diese Konsequenz gezogen haben, wird doch immer wieder aus der ganz berechtigten Kritik am umfassenden und einheitlichen ‚Geschichtsprozess’, der ‚es schon richten’ werde, die Schlussfolgerung begründet, jeder Versuch zu einer umfassenden Befreiung sei gänzlich unmöglich – und dieser Kern des Gedankens der Revolution daher zugunsten der Thematisierung spezifischer Befreiungsprozesse müsse daher preisgegeben werden. Diese Schlussfolgerung ergibt sich aber keineswegs. Zweifellos gilt, wie Gandler durchaus überzeugend Benjamin zusammenfasst, dass „das, was wir im besten aller Fälle erreichen können, eine klassenlose Gesellschaft, … keine gloriose und definitive Lösung allen Leidens und keine Garantie für alle zukünftigen Generationen auf eine besseres Leben ist“. Aber die Aufgabe einer Artikulation unterschiedlicher spezifischer Befreiungskämpfe zu einem umfassenderen, sich wechselseitig verstärkenden Kampf gegen alle Gestalten der Herrschaft von Menschen über Menschen wird dadurch keineswegs unmöglich oder weniger wichtig gemacht. Im Gegenteil: Nur so wird überhaupt das Ziel einer ‚klassenlosen Gesellschaft’ in einem vollen Sinne definierbar und damit überhaupt erst erreichbar. Das macht die Aufgabe der ‚Übersetzung’ zwischen den vielfältigen ‚eigenen Zeiten’ wichtig, wie sie in historischen Prozessen zusammenkommen und gerade in Krisenzeiten geradezu von den gewaltsamen Zwängen der Krisenprozesse ‚zusammengezwungen’ werden. Es geht heute – gerade angesichts der global ausgebrochenen ökonomischen und ökologischen Krisen, angesichts der Krisenprozesse in der ‚Reproduktion’ einer noch gar nicht als solcher konstituierten Menschheit – entscheidend darum, gemeinsame Fähigkeiten zum Handeln auch im globalen Maßstab zu gewinnen. Und zwar ‚rechtzeitig’, bevor die begrenzten Zeithorizonte etwa der ökologischen Krisen der Menschheit die Lebensgrundlagen zu entziehen beginnen. Die Zukunft hat keine Zeit mehr. Die Dringlichkeit der gegenwärtigen Krisen liefert ganz neue Gründe dafür, den Geschichtsoptimismus der Positivisten abzulegen, wie er den Mainstream der Linken bis heute geprägt hat. Aber wir können auch nicht mehr einfach in der Vielfalt der eigenen Zeiten der ganz unterschiedlichen der Unterdrückten und Kämpfenden unser Heil suchen. Wir brauchen eine Handlungsfähigkeit, die hier und jetzt beginnt – und in der sich die Vielfalt der Widerstände und eigenen Initiativen zu einer wirksamen Gestaltungsmacht zusammenfinden können. Das geht nicht ohne deren Vielfalt – aber es schließt die dringliche Aufgabe mit ein, eine gemeinsame und koordinierte Handlungsfähigkeit aufzubauen, die dazu in der Lage ist, hier und jetzt schon damit anzufangen, auch das Handeln der ‚herrschenden Eliten’ ebenso zu behindern wie zu verändern. Dafür sollten wir nicht wieder vergessen, was Gandler im Rückgriff auf Benjamin deutlich gemacht hat. Aber wir können auch nicht dabei stehen bleiben. Und das ist wirklich Grund zur Unruhe!
  Stefan Gandler: Materialismus und Messianismus. Zu Walter Benjamins Thesen Über den Begriff der Geschichte, Bielefeld: Aisthesis Verlag, 2008  
 
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Kommentare
jkob schrieb am 15.02.2009 um 14:27
lieber Frieder-Otto, schon seit langem lese ich deine Artikel in diversen Publikationen und habe sie immer als Bereicherung empfunden. Daher freue ich mich, dass du auch zu den 'Freitag'-Bloggern gehörst und bin gespannt auf deine Beiträge. Zu deinem aktuellen Beitrag:
Wenn ich den Inhalt kürzest in Schlagwortform für mich zusammenfasse, so ergibt sich: 1.Thema Zeitlichkeit; 2. Thema: Einheit und Vielfalt. Die Frage wäre, inwiefern vertieft das "neue Thema" der Zeitlichkeit das "alte, linke Thema" von Einheit und Vielfalt? Ich finde darauf folgende Hinweise in deinem Beitrag: "Was wir tun wollen und tun sollen, (...)– wir müssen es selber herausfinden: Alle zusammen und jeder für sich. " und "hier und jetzt beginnen (...) aufzubauen". Kurz: der Begriff, der sich nicht in deinem Text findet, aber auf den die Verbindung von Thema 1 und Thema 2 für mich hinauszulaufen scheint, ist "Prozess/haftigkeit". Insofern ließe sich ein Schritt in Richtung Konkretisierung des alten Problems von Einheit und Vielfalt machen: eine Schlüsselfähigkeit beim Aufbau einer "gemeinsamen und koordinierten Handlungsfähigeit" ist es, dem Porzesscharakter des "Übersetzens" von "Zusammen" und Jeder-für-sich"zu erlernen und nicht zu reduzieren. Kein Ziel, keine gemeinsame Utopie, keine gemeinsame Projektionsfläche erspart "uns"/"mir", je aktuell , immer wieder das "Gemeinsame" als "in-the-making", als ständig im Entstehen, im Werden zu begreifen und als solches handzuhaben. Diese Fähigkeit des im Prozess-Bleibens ist eng verbunden mit der Fähigkeit zu kommunizieren, des Dialog-Führens, etc. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen wir nicht von einer gemeinsamen Utopie ausgehen können, scheint mir der aktuelle Begriff von Dialektik der des "Übersetzens" zu sein. Gerade an dieser Fähigkeit mangelt es nach meiner Erfahrung. Streit und Polemik ohne Verbindung zu Argumenten, geschlossene Ohren und unmittelbare Betroffenheit, die nicht über sich hinauszugehen vermag, bestimmen meine Zusammenhänge. Und ich selbst bin oft Teil des Problems.
Vielleicht hilf ein Begriff von Gegenwart, in die jederzeit der Messias eintreten könnte weiter, um nicht aufzugeben: "Wann, wenn nicht jetzt? Wer, wenn nicht wir?"

lg jkob
FOW schrieb am 15.02.2009 um 18:55
Danke - ich fühle mich durchaus gut verstanden und auch belehrt: Prozesshaftigkeit und Dialogfähigkeit sind in der Tat ein Schlüssel. Mit Benjamin müssen wir allerdings wohl auch noch besser begreifen, worin die 'spezifische Materialität' beider besteht!
lg FOW
jkob schrieb am 16.02.2009 um 10:52
Leider funktioniert bei mir die Funktion 'Kommentar kommentieren" nicht, deshlab anworte ich mit einem neuerlichen Kommentar.

Vielleicht kann man Benjamins Thesen als Anknüpfung und Reformulierung der 11.Feuerbachthese auffassen. Benjamin versucht gerade den Zusammenhang von Interpretieren und Verändern zu begreifen. Was auch immer die "Philosophen" machen mögen – das menschliche Wesen ist bei seiner Tätigkeit des Veränderns und Selbstveränderns in Klassen- und Bedeutungskämpfe verstrickt. Das menschliche Wesen lebt in gesellschaftlich-geschichtlichen Verhältnissen, die zugleich – (klassen)konflikthaft – erzählt und "bebildert" sind. Beim Wiederlesen ist mir aufgefallen, wie prominent das Thema der Gefühle/Emotionen in den 'Geschichtsthesen' ist: Neid, Glück, Zuversicht, Mut, Humor, Unentwegtheit, Hoffnung, Trägheit des Herzens, Traurigkeit, Grauen, Hass. Vielleicht ist das eine wichtige Lehre aus Benjamins Thesen: die Materialiät unserer gelebten Erfahrung und die unserer Kommunikationsprozesse besteht in der Verknüpfung von Bedeutungen und Affekten. Und vielleicht vergessen wir manchmal, allein vor unseren Büchern und Computern, dass unsere Analysen, unsere Darstellungen, Argumente und Historisierungen zugleich Gefühlsstrukturen sind, oder eng mit solchen Zusammenhängen. Daraus ergäbe sich auch die schwierige Aufgabe der Prozess-/Dialoggestaltung: mit den Denkmitteln, mit der Art und dem Inhalt unserer Narrationen zugleich unsere Gefühle zu modulieren/zuverändern.
FOW schrieb am 19.02.2009 um 09:08
Auch dies eine Art von Antwort auf jkobs letzten Kommentar, den ich wiederum mit Gewinn gelesen habe! Völlige Zustimmung - Ich denke nur noch, dass es wichtig wäre, die Konsequenzen von Marx' materialistischer Wendung zu denken, wie sie sich daraus ergeben, dass er Praxis als 'gegenständliche Tätigkeit', als 'Arbeit' zu denken begonnen hat. Das sollte uns weder dazu führen, Arbeit auf Erwerbsarbeit oder Industriearbeit reduziert zu denken (im Sinne etwa von Hannah Arendts schrecklich reduziertem 'Arbeitsbegriff'), noch auch dazu verleiten, dieses Moment der stofflichen Rückgebundenheit und materiellen Wirkungsmächtigkeit auch der verfeinertsten, dem unkritischen Betrachter als 'immateriell' oder gar offen spiritualistisch als 'geistig' erscheinenden Formen der Praxis wieder zu vergessen. Das würde bedeuten, den 'Gegensatz' zu verlieren, den Marx zwischen seiner und der hegelschen Dialektik sieht - und damit die entscheidende Differenz zwischen der vielfach gebrochenen 'Tradition der Unterdrückten' (Benjamin) und der immer wieder emsig neu etablierten Tradition der Herrschenden.
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Ich lehre als Honorarprofessor Philosophie an der Freien Universität Berlin, Mitinitiator des Forums Neue Politik der Arbeit und bin organisierter Humanist (u.a. Präsident der Humanistischen Akademie Deutschlands). Festschrift: Philosophieren unter anderen, Münster 2008
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DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Michael Angele hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Calvin hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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