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Blog von FOW

20.12.2009 | 12:58

Nach Kopenhagen muss es anders weitergehen!

 

In Kopenhagen haben etwa 40,000 Menschen an den offiziellen Tagungen der UNO teilgenommen, vor allem der COP15 – und noch sehr viel mehr haben an den begleitenden Treffen und an den großen Demonstrationen teilgenommen, die in Dänemark Demo-Geschichte gemacht haben. 193 Länderdelegationen haben an den Verhandlungen teilgenommen und 130 Staats- und Regierungschefs sind zur Abschlussrunde erschienen, auch von allen wichtigen Staaten.

Dennoch ist das Ergebnis ein niederschmetternder Fehlschlag.

Das liegt gewiss in letzter Instanz daran, dass wir in Gesellschaften leben, in der die Kapitalakkumulation wichtiger ist als das Überleben der Kultur der Menschheit. Und daran, dass die größten Klimasünder nicht die am unmittelbarsten von den absehbar katastrophalen Entwicklungen betroffenen Länder oder auch sozialen Schichten sind. Aber das ist eine Einsicht, die heute noch sehr schwer in alltägliche politische Praxis zu übersetzen ist.

Schauen wir uns deswegen einmal nüchtern und neugierig genauer an, woran es in Kopenhagen ganz konkret ‚gehakt’ hat:

-        Für die allermeisten Delegationen gab es keinen offensichtlichen Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und dem eigenen ökologischen Fußabdruck: Sie haben so getan, als ob es um ein eigenes Wohlverhalten ginge, das sie davon abhängig machen könnten, dass auch andere sich wohlverhalten – anstatt einzusehen, dass es um ein gemeinsames Problem geht, zu dessen Lösung jeder so viel beitragen kann, wie er eben kann. Wenn andere zu wenig tun, müssten sie eben deswegen doch mehr tun, anstatt zu sagen, dann tun wir eben auch zu wenig. Es geht doch nicht darum, wer schuld ist – sondern darum, das Problem zu lösen, das alle bedroht.

-        Wenn die Verhandlungsführer sich wirklich über den Ernst der Lage klar wären, dann hätten sie nach Kopenhagen mit der Einstellung kommen müssen, dass sie jeweils selber alles tun würden, um die anderen davon zu überzeugen, zu einer wirksamen und hinreichenden Einigung zu kommen, anstatt zu warten, das jemand anderes die entscheidende Initiative ergreift.

-        Dass überhaupt in Kopenhagen das Modell internationaler Verhandlungen maßgeblich war, ist sicherlich aufgrund der – trotz der Existenz der Vereinten Nationen - immer noch herrschenden Modells der souveränen Nationalstaaten letztlich unvermeidlich. Es geht aber nicht, wie sonst üblich darum, irgend etwas ‚aufzuteilen’ – sondern es geht darum, was jeder Beteiligte dazu beitragen kann, ein dringliches gemeinsames Problem zu lösen. Dementsprechend wäre es etwa vorstellbar und dringend nötig, dass hier auch wichtige Staaten wie die USA oder China, Indien und Brasilien, einfach vorangingen, ohne auf andere zu warten, oder auch Staatenverbünde wie die EU in die Initiative gingen. Sie würden dann schon andere mitziehen können. Und jeder Mensch und jeder kollektive Handlungsträger könnte schon bei sich selber damit anfangen... 

-        In Kopenhagen ist jetzt die Absichtserklärung der G20 noch einmal bekräftigt worden, die Temperatursteigerung im Durchschnitt unter 2° Celsius zu halten. Offenbar hat sich aber niemand wirklich klar gemacht, dass das rein geophysikalisch bedeutet, ab 2050 die Emissionen auf –80% gegenüber 1990 zu reduzieren – u.d.h. faktisch in der rein rechnerischen Konsequenz auf fossile Energieträger ganz und gar zu verzichten. Dann erübrigt sich aber der heutige Streit um die Emissionsrechte: Sich um Anteile an einer Null-Emission zu streiten macht rein logisch einfach keinen Sinn.

Insgesamt  ist festzuhalten, dass offenbar die Regierungen nicht für die langfristigen Interessen ihrer Völker eingetreten sind – denn es gibt kein Volk, das dauerhaft vom Klimawandel profitieren und von der kommenden Ressourcenverknappung verschont bleiben wird – selbst die Russen oder die Finnen nicht. Es läge dabei wirklich im Interesse aller Menschen, wenn die Regierungen in einen Wettlauf darum eintreten, wer sich am entschiedensten auf diese Zukunft vorbereitet – anstatt darum zu feilschen, wer im Übergang in diese Zukunft wen anderen noch ein bisschen ‚ausnehmen’ kann. Es liegt wirklich im wohlverstandenen Eigeninteresse praktisch aller Länder, von sich aus sehr viel ehrgeizigere Ziele zu verfolgen als sie in Kopenhagen vorgeschlagen worden sind und dabei mit allen anderen zu kooperieren, die jetzt schon mittun wollen – anstatt auf die anderen zu warten.

Dass dies von den versammelten Regierungen offenbar so gar nicht eingesehen wird, ist Grund zu wirklicher Furcht vor der Zukunft. Und dass sie – mit der dänischen Regierung vorneweg – jetzt offenbar ihre Kritiker anzugreifen begonnen und zu glauben begonnen haben, repressive Polizeigewalt könne die Probleme noch einmal verdrängen helfen, ist Grund für einen nüchternen Pessimismus: Es wird sich erst etwas ändern, wenn wir zumindest in einigen Ländern ganz andere Regierungen haben. Und das wird angesichts des dringlichen Zeitdrucks zumindest sehr spät sein.

 

 
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Kommentare
gweberbv schrieb am 20.12.2009 um 19:36
Die Verhandlungen von Kopenhagen scheiterten nicht am Unwillen oder der Unfähigkeit der politischen Entscheidungsträgern sondern an mir!

Ich fahre täglich 40 km (one-way) zur Arbeit. Dank hervorragender Autobahnverbindung in durchaus akzeptablen 30-35 Minuten. Zu Konferenzen oder in den (selteneren) Urlaub geht es in der Regel mit dem Flieger. Ich bewohne ein freistehendes Haus (wenn auch eines mit modernen Energiestandards). Ich verfüge über unzählige elektronische Geräte in meinem Haushalt und demnächst kommt vielleicht noch ein Dampfbad dazu. Ich kaufe Nahrungsmittel aus aller Herren Länder, fast täglich Fleisch oder Fisch. Ich gehöre - sehr verallgemeinert - der oberen Mittelklasse der westlichen Industriestaaten an. Das sind die Leute, nach deren Wünschen/Bedürfnissen sich der Rest der Welt weitgehend zu richten hat. Und, wie schon angesprochen, auch die, für die der Klimawandel zunächst einmal am wenigstens schmerzhaft sein wird.

Und ich bin in meinem ganzen Sein und Wollen so überhaupt gar nicht "80%-weniger-CO2"-kompatibel.
Eselsmöhre schrieb am 20.12.2009 um 20:46
Guten Abend, GWeberBV,

das Scheitern des Kopenhagen-Gipfels für sich zu reklamieren, scheint mir mit Verlaub doch nun ein wenig größenwahnsinnig.

Ich widerspreche Ihnen entschieden - ich sehe keinen Grund, Entscheidungsträger vom Verdacht der Unfähigkeit loszusprechen. In meinen Augen handelt jemand unverantwortlich, ist also als Repräsentant eines Landes unfähig, der Interessen wie die von Ihnen geschilderten zur Maxime seines Handelns macht. Das würde bedeuten, sie/er würde lediglich kurzfristig, etwa in Wahlperioden, denken. Es würde bedeuten, daß die Interessen einer Minderheit die Interessen der Mehrheit überwögen. Es würde auch bedeuten, den Status quo in dem Wissen zu erkaufen, daß die Kosten, die die Volkswirtschaften aufzubringen haben, um das Leben in Gang zu halten, überproportional steigen je später Maßnahmen zur Begrenzung schädlichen Verhaltens getroffen werden.

Nicht, daß das nicht eine zynische Beschreibung der Ist-Situation wäre, aber das schließt die Wertung "Unfähigkeit" nicht aus, nicht wahr?

Ihre privaten Werthaltungen, die Sie geschildert haben, sollen nicht kommentiert werden - das hieße, ihnen zu viel Bedeutung zuzumessen.

Mit freundlichen Grüßen
Eselsmöhre
Eselsmöhre schrieb am 20.12.2009 um 20:58
Guten Abend, FOW,

danke für Ihren Artikel, der mir als bekennendem Gutmenschen aus der Seele sprach.

Bei der Lektüre habe ich mich jedoch gefragt, ob die aufscheinende Sicht auf die Dinge nicht ein wenig an der Häßlichkeit der Politik vorbeigeht.

Ein Beispiel sei herausgegriffen:
"Wenn die Verhandlungsführer sich wirklich über den Ernst der Lage klar wären, dann hätten sie nach Kopenhagen mit der Einstellung kommen müssen, dass sie jeweils selber alles tun würden, um die anderen davon zu überzeugen, zu einer wirksamen und hinreichenden Einigung zu kommen, anstatt zu warten, das jemand anderes die entscheidende Initiative ergreift."

So sehr ich diesen Satz unterstützen würde, wenn es um (gutmeinende) Individuen gehen würde, so habe ich mich gefragt, ob Sie sich vorstellen könnten, daß die Funktionsträger sehr wohl sich über den Ernst der Lage im klaren sein könnten, aufgrund der von ihnen zu bedienenden Interessen aber eben nicht ihrer Vernunft folgen. Was meinen Sie?

Nicht, daß das etwas am tieftraurigen Ergebnis änderte.

Mit freundlichen Grüßen
Eselsmöhre
FOW schrieb am 20.12.2009 um 22:59
Ich möchte zu beiden Kommentaren etwas klar stellen: Selbstverständlich liegt es an uns - wir können nicht nur bei uns selbst anfangen, uns weniger klimaschädlich zu verhalten, sondern wir haben auch - letztlich jedenfalls - die Regierungen die wir verdienen. Sich selber zu ändern und seine Regierungen zu verändern sind zwei Seiten deselben Prozesses. Nach Jahrzehnten der Niederlage fällt es vielleich schwer, sich so etwas überhaupt noch vorzustellen - aber die historische Erfahrung lehrt uns doch - auch ganz nüchtern betrachtet: Es geht!
FOW
Ich lehre als Honorarprofessor Philosophie an der Freien Universität Berlin, Mitinitiator des Forums Neue Politik der Arbeit und bin organisierter Humanist (u.a. Präsident der Humanistischen Akademie Deutschlands). Festschrift: Philosophieren unter anderen, Münster 2008
Mitglied seit:
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DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Michael Angele hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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