FOW

Blog von FOW

04.01.2010 | 15:50

Ulrich Becks Denkfehler

Stellen wir uns vor: Ein Hauswirt hat sein Mietshaus lange Zeit so sehr vernachlässigt, dass es in einen brandgefährlichen Zustand geraten ist: Elektrizität marode, Gasleitungen undicht und die Heizungsgeräte unsicher – so sehr, dass die Feuerversicherung das Haus für unversicherbar erklärt, weil es kein kalkulierbares Risiko mehr darstellt. Wir, die Mieter oder auch die Baupolizei, würden da doch nicht über die grundsätzliche Unsicherheit lamentieren und unser prinzipielles Unwissen beklagen, ob das. Haus morgen abbrennt, weil es etwa im Krieg bombardiert wird oder sich bei einem Erdbeben entzündet. Wir würden vielmehr gezielte Gefahrenabwehr verlangen, d.h. Reparaturen oder Erneuerung der maroden Systeme und zwar bis zu dem Punkt, an dem die Feuerversicherung wieder ein versicherbares Risiko diagnostizieren kann.

Ulrich Beck macht in einem Kommentar in der ‚Berliner Zeitung’ (vom 2./3.1.2010, S. 30) aber (wieder einmal) genau dies, dass er jenseits des versicherungsmathematischen kalkulierbaren nur noch Unsicherheit, Ungewissheit und Unwissenheit kennt. Kriegsbeteiligung, Pandemiegefahren – warum nicht auch die immer näher heranrückende Gefahr einer Klimakatastrophe oder des neuerlichen Platzens der sich wiederum bildenden Finanzmarktblasen? – werden von ihm in das einfache Entweder-Oder der „Welt des berechenbaren und beherrschbaren Risikos“ bzw. der der „Überraschung“, d.h. der „manufactured uncertainties – Ungewissheiten, die durch alle Versuche, sie zu überwinden, erzeugt werden“. Mit dem Ergebnis, dass die Versuche zur Gefahrenabwehr zur Ursache dafür erklärt werden, dass die „Unruhe, die alles und alle erfasst und durchdrungen hat“ geradezu unaufhaltsam steigt: „wir wissen es einfach nicht, vielleicht können wir es gar nicht wissen“…

Zu unserem Glück beruht diese zutiefst pessimistische Diagnose auf einem relativ schlichten Denkfehler, nämlich einem Missverständnis darüber, was der Inhalt einer wissenschaftlichen Prognose sein kann und was nicht. Das wird an dem von Beck angeführten Keynes-Zitat von 1937 deutlich, in dem dieser der Sache nach zwischen Chance und Risiko beim „Roulette-Spiel“ (als Modell aller versicherungsmathematischen Risikoberechnungen, die grundsätzlich kontingente, als solche zufällige Ereignisse voraussetzen) und dem „Ungewissen“ unterscheidet, wie es für die „Aussicht eines europäischen Krieges oder“ den „Preis für Kupfer und die Zinsrate in 20 Jahren von heute“ gilt. Derartige ‚absolute Prognosen’ sind wissenschaftlich unmöglich: Sie setzen nicht nur eine vollständige und lineare Determination der ablaufenden Prozesse voraus, also die vollständige Unwirksamkeit aller historischen Initiativen und Entscheidungen von Seiten relevanter Handlungsträger, sondern vor allem eine vollständige Kenntnis des gegenwärtigen Zustandes. Beides lässt sich jedenfalls faktisch nicht darstellen, auch nicht auf probabilistischen Umwegen. Daher gilt hier ganz uneingeschränkt, was Keynes mit völligem Recht festgestellt hat: „Es gibt bei solchen Dingen keine wissenschaftliche Grundlage, auf der sich irgendeine kalkulierbare Wahrscheinlichkeit aufbauen ließe. Wir wissen es einfach nicht!“ Die Zukunftsforschung hat es demgemäß auch schon längst aufgegeben, mit derartigen ‚absoluten Prognosen’ aufzuwarten.

Nur von einem Standpunkt aus ist dieses Insistieren auf absoluten Prognosen plausibel: Vom Standpunkt des völlig unbeteiligten und weder handlungsfähigen, noch Handlungsbereiten Beobachter (der sich zumeist auch nicht sonderlich von Sachkenntnissen ‚belasten’ lässt). Ein solcher Beobachter, kann sich auf Alles nur durch Wetten beziehen, also in dem er ein Quantum Geldes einsetzt, um seiner Einschätzung der absoluten Wahrscheinlichkeit von Ereignissen Ausdruck zu verleihen, wie dies auch an den Börsen grundsätzlich geschieht. Jenseits des Kalkulierbaren, auf das zu wetten völlig sinnlos ist, denn das kann die Versicherungsmathematik besser, eröffnet sich ihm ein großer Raum der Ungewissheit, in dem trefflich gewettet werden kann.

Wissenschaftliche Prognosen sind aber grundsätzlich anders gestrickt: Wiederum unabhängig davon, wie weit sie selber probabilistisch formuliert werden, also dem Eintreten der prognostizierten Ereignisse eine bloße Wahrscheinlichkeit zuweisen, beziehen sie sich darauf, was geschehen wird, wenn bestimmte Ausgangsbedingungen gegeben sind. Es sind also relative Prognosen – deren Wert vor allem darin liegt, uns anzuzeigen, welche Ausgangsbedingungen wir verändern sollten, um akute Gefahren abzuwehren. Dass dann immer noch ein Erdbeben kommen oder auch ein Asteroid unser Haus entzünden kann, ist kein Argument dagegen, dass wir ziemlich genau wissen, was zu tun wäre, um eine akute Brandgefahr abzuwehren. Und die Feuerversicherungen wissen ziemlich genau, was von den Hausbesitzern zu verlangen ist, damit ihr Feuerrisiko versicherbar wird.

Die gegenwärtigen Kriegsgefahren, die Gefahr einer Klimakatastrophe und auch etwa die Gefahr des erneuten Platzens einer globalen Finanzblase fallen dementsprechend auch nicht aus der Kategorie der kalkulierbaren Risiken hinaus, weil sie objektiv ungewiss wären und wir über sie nichts wissen würden, sondern weil in ihnen unser eigenes Handeln zur Gefahrenabwehr jedenfalls bisher zu schwach entwickelt ist und doch von ganz entscheidender Bedeutung wäre. Wir wissen gut genug, was zur Gefahrenabwehr zu tun wäre – auch wenn dieses Wissen manche Verbesserungen sehr gut vertragen würde. Und wir müssen gar nicht wissen, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird, um hier und heute auf der Grundlage des uns zur Verfügung stehenden Wissens wirksam handeln zu können.

 

 
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Kommentare
haydnplayer schrieb am 04.01.2010 um 16:42
"Ulrich Beck macht in einem Kommentar in der ‚Berliner Zeitung’ (vom 2./3.1.2010, S. 30)"

Leider liegt mir die BZ vom 2/3. nicht vor und läßt sich auch an der angegebenen Stelle nicht online erreichen. Bitte schalten Sie den Kommentar zur besseren Verständigung hier ein. Danke!
haydnplayer schrieb am 04.01.2010 um 19:22
Vielen Dank nochmals für den Link zu U.Beck!

Ich denke, Sie kennen sich mit den Grenzen wissenschaftlicher Prognostik ebenso gut aus, wie Ulrich Beck, und ich kann zwischen Ihrem Text und Becks Ausführungen zum Nichtwissen hinsichtlicher zukünftiger Ereignisse keine nennenswerten Akzentunterschiede erkennen.

Sie betonen, dass man bei unsicherem Wissen nicht die Hände in den Schoß legen darf. Behauptet das Beck? Er schildert das Dilemma anhand der leidigen Schweinegrippe: nimmt man die Gefahrenprognose ernst und sorgt vor; oder schlägt man sie in den Wind? Reagiert man besser hysterisch oder dickfellig? - Dann gibt es ja auch noch das aktuelle Beispiel mit dem nicht erfolgten großen Vulkanausbruch.

Beck schildert das Problem für verantwortliches Handeln: je sensibler sich wissenschaftliche Prognostik vortastet, desto häufiger werden eben auch falsche Alarme.

Und ohne Beck zu kennen, glaub ich schon, dass er sein Haus in vernünftiger Weise zukunftsfest machen wird.

Deshalb meine laienhafte Frage: was ist nun sein oder mein Denkfehler?
FOW schrieb am 04.01.2010 um 22:37
Ich denke, der Denkfehler - der aus der Perspektive des unbeteiligten Beobachters unsichtbar ist - liegt einfach darin nur zwischen berechenbaren Risiken und Ungewissheit zu unterscheiden - anstatt sich als Handelnder auf die immer relativen (aus wenn-dann-Beziehungen beruhenden) Prognosen der Wissenschaften einzulassen. Das Beispiel der Pandemie-Prognose verdeckt das Problem. Das Klima-Beispiel ist sehr viel sprechender: Es geht nicht um eine Wette, um eine absolute Prognose (die in der tat einfach nicht zu haben ist), sondern um eine Gefahrenabwehr aufgrund einer relativen Prognose: Nachdem das Handeln der Menschheit zu einem erdgeschichtlichen Faktor geworden ist, muss die Menschheit tun, was in ihrer Macht steht, um ihren eigenen Beitrag zum Klimawandel unter Kontrolle zu bringen. Und zwar ganz unabhängig von dem, was sonst noch alles so passieren könnte. Genau dies wird von Ulrich Becks Denkfehler, alles für 'ungewiss' und 'nichtgewusst" zu halten, was nicht versicherungsmathematisch als Risiko berechenbar ist, konsequent verdeckt.
haydnplayer schrieb am 05.01.2010 um 09:17
Ich beziehe mich jetzt nur auf ein Interview, dass U.B. am 7.6.07 im DR Kultur gab – www.dradio.de/dkultur/sendungen/kulturinterview/633312/ -(vielleicht hat er sich an anderer Stelle gegensätzlich geäußert):

In diesem Interview nimmt er ausführlich zum praktischen Handeln angesichts der aktuellen Klimadiskussion Stellung. Von Nichtgewußt und Handlungsindifferenz lese wenigstens ich dort nichts.
FOW schrieb am 05.01.2010 um 10:24
Es geht gar nicht darum, ob Ulrich Beck ein engagierter Mann ist, der auch vieles Richtige fordert. Das habe ich noch nie bestritten. Aber in seinem Buch 'Weltrisikogesellschaft' (wie schon in seinem ersten Bucherfolg 'Risikogesellschaft') vertritt er eine These über das Verhältnis von 'Risiko', 'Gefahr' und 'Unsicherheit', die auf eine Eliminierung der Gefahrenabwehr aus unseren gesellschaftlichen Handlungsperspektiven hinausläuft. Das halte ich immer noch für einen Denkfehler. Das Gravierendste daran ist für mich eine gesellschaftstheoretische Konsequenz: Beck suggeriert, wir hätten es heute nicht mehr mit den Herrschaftsverhältnissen zu tun, gegen die die alten sozialen Bewegungen gekämpft hätten, sondern mit einem diffusen, gleichsam 'klassenlosen' Risiko. Auf diese Weise ist m.E. kein Aspekt der heutigen globalen Krisenkonstellation zu begreifen und wirksam zu bekämpfen. Aber das ist eine sehr viel weiter führende Debatte als die über Becks falsche Dichotomie von Risiko und Unsicherheit...
haydnplayer schrieb am 05.01.2010 um 12:22
Ich danke Ihnen für diese abschließenden Erläuterungen!
Giuseppe Navetta schrieb am 05.01.2010 um 23:44
Beck? Ist das nicht der Autor von "Risikogesellschaft", also das deutsche Pendant zu Giddens?
FOW schrieb am 06.01.2010 um 11:18
Genau der - ich hatte auf seine "Risikogesellschaft" und seine "Weltrisiokogesellschaft" verwiesen. Es geht aber nicht einfach pauschal um seine (kritikwürdige) politische Position, sondern um einen genauer zu diskutierenden Denkfehler (der dann allerlei politische Konsequenzen stützt).
Giuseppe Navetta schrieb am 07.01.2010 um 18:44
Vielen Dank für den Artikel, der sich wohltuend von vielen eher polemisierenden Artikel bzw. Blogbeiträgen abhebt!
FOW
Ich lehre als Honorarprofessor Philosophie an der Freien Universität Berlin, Mitinitiator des Forums Neue Politik der Arbeit und bin organisierter Humanist (u.a. Präsident der Humanistischen Akademie Deutschlands). Festschrift: Philosophieren unter anderen, Münster 2008
Mitglied seit:
3 Jahre 14 Wochen
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DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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