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Ausgerechnet die 'Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft' hat sich jetzt an die Spitze der deutschen 'Glücksforschung' gesetzt: Gestützt auf "Umfrageergebnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)" (Zitate aus der Zeitungsbericherstattung über die einschlägige Presekonferenz) haben die Herren - ein paar Damen sind sicherlich auch dabei gewesen - ein "erstes deutsches Bruttoinlandsprodukt für das Glück" errechnet. Es wird niemanden ernsthaft überraschen, dass aus diesem "neuen Ansatz keine allzu neuen Schlussfolgerungen hervorgehen" - denn ihm liegt bei nüchterner Betrachtung genau das zu Grunde, was die Härteren unter den analytischen Philosophen völlig zu Recht als einen 'Kategorienfehler' kritisiert haben - der raffinierterweise gleich gedoppelt eingesetzt wird.
Einerseits wird nämlich so getan, als ob Glück etwas sei, das mensch besitzen, 'haben', kann - gemäß dem Grundgedanken des possessiven Individualismus dessen Vorherrschaft sich von der frühen Neuzeit bis zum gegenwärtigen Neoliberalismus reicht. Der Gedanke, dass 'Glück' die Qualität einer Lebenspraxis ist - also etwas bemüht philosophisch gesagt, eine gelungene Art und Weise zur 'sein', wird zugunsten einer dem mit gutem Recht in seiner Aussagekraft umstrittenen BIP an die Seite gestellten Indikatorenkonstruktion beiseite geschoben - aber nur um dann den Armen, den Ausgegrenzten, den Ausgebeuteten und Behrrschten anschließend zu erklären, sie sollten sich nicht so auf die Besitz- und Verteilungsfragen kaprizieren, denn Glück sei doch schließlich eine Lebenspraxis.
Diesen Damen und Herren wäre sehr zu empfehlen, sich einmal die Geschichte des neuzeitlichen Denkens über Leben und Glück näher anzusehen - etwa über die These eines führenden Vertreters der New Model Army in der Englischen Revolution, der bei den Putney Debates erklärte, auch der Kleinste hätte schließlich sein eingenes Leben selber zu leben, über die Konflikte, welche der Formulierung des 'pursuit of happiness' in der amerikanischen Menschenrechtserklärung zugrundelagen, bis hin etwa zu Gottfried Kellers ironisch-kritischem Titel "Jeder ist seines Glückes Schmied!" Dann würden sie vielleicht zu ahnen beginnen, dass wer ernsthaft vom Glück reden will, von der gesellschaftlichen Praxis und den sie prägenden Verhältnissen von Ausbeutung, Unterdrückung und Diskriminierung nicht schweigen darf. Die statistisch immer wieder zu machende Beobachtung, dass die Menge der Vielen sehr erfinderisch darin ist, auch unter widrigsten Umständen noch 'ihr Glück zu machen', ist überhaupt kein Grund dafür diese Verhältnisse schön zu reden.
"Ein-Euro-Jobs und Kombilöhne" mögen ja ein probates Mittel in einer Strategie des Lohndumping sein; sie aber zu "guten Instrumenten" dafür zu erklären, die arbeitenden Armen glücklich zu machen, das ist schon ziemlich dreiste Rabulistik!
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Starker Text! Danke! Das finde ich auch immer verwunderlich, dass ausgerechnet diejenigen , die mitgeholfen haben, das Unglück ganzer Bevölkerungsschichten im Lans um ein Beträchtliches zu vermehren, sich dann berufen fühlen, allen zu erklären, dass man doch insgesamt recht glücklich ist.
por |
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Por,
es wäre eher verwunderlich, wenn genau die sich nicht dazu berufen fühlen würden :) Deutschlands erstes Glücks-BIP Noch ein guter Artikel zum Thema: Soziale Ungleichheit macht die Menschen glücklich Von Florian Rötzer |
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Du hast ja recht.
Ich meinte aber verwunderlich aus einer nicht unverschämten Perspektive. |
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Eigentlich eine Binsenweisheit seit mindestens 120 Jahren. Das sie immer mal wieder gesagt werden muss, trotzdem keine rechte Wirkung entfaltet, liegt woran?
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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