Die Ursache der Krise, die eine "Schuldenkrise" ist, ist das
Prinzip "Buy now, pay later".
Dieses Prinzip ist dem Kapitalismus inhärent, denn bekanntlich
ist die primäre Triebfeder für die Produktion von Waren im Kapitalismus
die Herstellung von "Dingen" (eingeschlossen Dienstleistungen) zur
Erlangung von Geld (und damit einhergehend Macht) in Mengen, die eigentlich kein "Mensch" braucht (oder auch: nicht haben sollte).
Eine gesellschaftlich als "vernünftig" betrachtete
Mehrwertabschöpfung macht dies erst möglich.
Mehrwertabschöpfung = Abschöpfung von Werten, die über die
gesellschaftlich bedingte Reproduktionsnotwendigkeit hinausgehen
(wobei "Reproduktionsnotwendigkeit" sich nach einem soziokulturellen
"Durchschnitt" richtet.)
Die Abschöpfung von Mehrwert setzt voraus, dass es eine
Minderheit von Menschen (potenzielle "Unternehmer", Spekulanten,
Kriminelle etc.) gibt, die mit einem besonders starken, überdurch-
schnittlich ausgeprägten Zwang oder Trieb ausgestattet sind, einen
Lebensstandard weit über den soziokulturellen Durchschnitt der
Reproduktionsnotwendigkeit hinaus zu erlangen und die
keine Skrupel haben, sich diesen durch permanente Übervorteilung
derjenigen zu sichern, deren Mehrwert sie abschöpfen (dies wird
allgemein durch rassistische, darwinistische, sexistische oder
religiös fundierte Theorien oder Ideologien als gerecht oder
natürlich abgesichert und abgeschottet: "Wären die Zustände
anders, wäre es noch schlimmer, denn die Menschen sind nun mal
schlecht.").
Gesellschaftlich kann das mitunter positiv zu werten sein.
Organisatorische Leistungen bei der Allokation von Ressourcen
haben einen eigenen Wert: Wenn eine bessere (bessere wäre allerdings
noch zu definieren) Allokation von Produktionsfaktoren dazu führt,
dass eine gleiche Arbeitsleistung zu weit höherem Ertrag führt
(an dem die arbeitenden Menschen durch höhere Löhne partizipieren),
dann hat diese Leistung durchaus einen Wert, der eine "überdurch-
schnittliche" Vergütung verdient, oder?
Dies war bisher eine eher betriebswirtschaftliche Betrachtung.
Eine "bessere" Allokation" von Ressourcen führt in einem Konkurrenzsystem
jedoch notwendig dazu, dass Konkurrenten aus dem Markt "ausscheiden" müssen,
Arbeitsplätze verloren gehen etc. Der bessere Organisator einer Ressourcen-
allokation handelt also, gesellschaftlich gesehen, zunächst mal
kontraproduktiv, denn er sorgt bei den Konkurrenten und ihren Beschäftigten
für viel Leid. Demnach hätte er also eigentlich keine "überdurch-
schnittliche" Vergütung verdient, oder?
Betrachten wir es anders: In einem sehr dynamischen und flexiblen
System werden die Konkurrenzverhältnisse dazu führen, dass sich die
negativen gesellschaftlichen Effekte des einzelnen Organisators
in Grenzen halten. Also muss man nur dafür sorgen, dass das System
sehr "dynamisch und flexibel bleibt".
Ein solches, "sehr dynamisches und flexibles System" setzt allerdings
voraus, dass die allgemeinen Ansichten über die soziokulturell fundierten
Reproduktionsnotwendigkeiten permanent auf neue Ebenen gehoben werden,
mit anderen Worten: Gegenwärtige Bedürfnisse sind in jedem Moment
als bereits veraltet und überholt darzustellen. An ihrer Stelle sind
neue Bedürfnisse zu generieren. Da der Trieb, Ware gegen Geld zu machen,
potenziell keine Grenzen kennt, müssen folglich auch ständig die bestehenden
Bedürfnisse "entgrenzt" werden, um potenziell grenzenlosen Warenabsatz - wenn es
sein muss, weit über die "Kaufkraft" von Personen, Kommunen und ganzen Staaten
hinaus - zu sichern: "Buy now, pay later".
Kommen wir zum sogenannten "Marketing": Auf der Ebene der Massen-
kommunikation handelt es sich im wesentlichen um die sattsam bekannten
Werbeanstrengungen auf allen erdenklichen Kanälen. Inzwischen gibt es
in Großstädten kaum U-Bahnsteige, die nicht mit Werbung beklebt werden,
kaum Kreuzungen, die den Wartenden nicht einem multimedialen Kreuz-
feuer von Messages aussetzen. Der Werbeterror ist allgegenwärtig und
durchaus erfolgreich.
Was wird mit diesen Werbeaktivitäten, die global als "Ausgabenblock
gesellschaftlicher Mehrwertverwendung" mit einem Betrag von mehreren
hunderten von Milliarden Euro gleich hinter den weltweiten Rüstungsausgaben
rangieren, erreicht?
Ökonomisch gesprochen, führen diese Ausgaben zu einer aberwitzigen
Verbiegung und Pervertierung von Nachfragekurven. Die Nachfragekurven
werden derart verbogen, dass die konsumenten tatsächlich ihren Bedürfnissen
völlig entfremdet werden, und sogar trotz künftig kaum noch zur Tilgung
ausreichender Einkommen auf Kredit dringende Scheinbedürfnisse befriedigen.
Der globale Werbeterrorismus ist eine ganz wesentliche Triebfeder des
Kapitalismus und in hohem Maße Ursache der sogenannten "Schuldenkrisen".
Er ist die Achillesferse des kapitalistischen Systems. Verbieten wir
die kapitalistische Werbung oder erschweren wir sie sehr - zum
Beispiel durch hohe Steuern. Die intelligenten und kreativen Menschen
(Designer, IT-Leute, Psychologen, Soziologen etc.), die der Kapitalismus
heute für das Marketing vor seinen Karren spannt, können ihr oft enormes
Potenzial und ihre Talente in einer humanen Gesellschaft mit Sicherheit
sehr viel nützlicher einbringen.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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