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Blog von Francis

19.03.2009 | 23:01

TINA und das Bachelor/Master System

Die einzelnen Länder tun es seit Jahren dem Staat gleich, indem sie lamentieren, die Kassen seien leer und seit Jahren wird dieses Geplänkel auch dazu benutzt, die Hochschule aus den jeweiligen Landesverantwortung zu entlassen. Die Hochschulen sollen mit neuen Hochschulgesetzen („Freiheitsgesetzen“, wie in NRW) fit für den freien Wettbewerb gemacht werden. Die Argumente die Kassen seien leer, sind mittlerweile ja auch richtig, nur lag und liegt die Verantwortung hierfür in den Händen des Staates. Allerdings wirken die bislang angebrachten Argumente
angesichts der zahlreichen staatlichen Finanzspritzen  für private Banken während
der aktuellen Weltwirtschaftskrise grotesk.

Bislang wurden die Argumente dazu missbraucht der Freie Markt, solle sich Bildung als zu verwertende Ware aneignen. Dies ist mittlerweile in den meisten Bundes-ländern Deutschlands traurige Realität, ganz abgesehen von den anderen Hochschulsystemen innerhalb der EU. Nur sind Systeme in anderen Ländern oft nicht in dem Maße selektierend, wie hierzulande. Hierauf will ich an dieser Stelle aber nicht näher ein- gehen. Ein wichtiges Mittel, den Wettbewerb der Hochschulen
durchführen zu können sind die seit Jahren gesetzlich abgesicherten Studien-gebühren.

Die anderen Mecha- nismen, die für einen reibungslosen Wettbewerb optimiert oder
neu eingeführt worden sind, sind  die für alle Hochschulen geltenden auf Jahre festgeschriebenen Globalhaushalte, fehlinterpretierte und überstürzte Maßnahmen eines europäisch vergleichbaren Hochschulraums siehe dem Bachelor/Master System und die damit verbundene Einführung neuer Studiengänge, die direkt auf den Bedarf des Arbeitsmarkts zugeschnitten sind, leistungsorientierte Besoldung der Lehrkräfte, Einführung von Controllingsystemen, anhand dessen die Qualität der einzelnen Studiengänge und einer Fachhochschule gemessen werden sollen. Dies
führt bei letztgenanntem Beispiel dazu, dass nur die Menge an Absolventen einer
Hochschule berücksichtigt werden, ob den Studis dabei ein breites Spektrum an
Wissen  und die Möglichkeit dieses kritisch zu reflektieren gegeben wird, in dazu noch überfüllten Seminaren, spielt dabei keine Rolle. Das alles mag wohl daran liegen, dass die Wirtschaft  weniger Arbeitskräfte braucht und ihr nicht daran gelegen ist, dass es Menschen gibt die diese System hinterfragen. Somit reicht es also  aus, dass diejenigen die in den Genuss einer „akademischen“ Ausbildung 
kommen, an die notwendigen Erfordernisse des Arbeitsmarktes angepasst sind, wenn sie in die Betriebe kommen. Die Resultate sind eine marktkonformere Wissenschaft, verstärkte Ungleichheit im Hochschulzugang, wobei sich die Hochschule als Dienstleister versteht und die Studierenden als Kunden an die Hoch-
schule kommen. Hochschulen werden durch die scheinbaren Sachzwänge der
leeren Kassen zu Einrichtungen, die sich durch  Evaluationspflicht und
Qualitätssicherungsmaßnahmen einer Kosten, Nutzen- Analyse unterwerfen, um so
auf dem Wettbewerbsmarkt bestehen zu können.

Diese Bedingungen sind aber keineswegs naturgegeben und unumkehrbar, sondern politisch gewollt, wie auch vom Gros unsere Gesellschaft zugelassen worden. Sie lassen sich nur deshalb durchsetzen, weil wir uns in einer Art politischem Tiefschlaf befanden, aber hoffentlich nicht mehr lange befinden. Möglich wurden die Um- strukturierung erst dadurch, dass die meisten Studierenden, Medien und der größeren Teile der Öffentlichkeit der Behauptung, dass der Umbau auf unum- kehrbare Sachzwänge zurückzuführen sei, aufsaßen. Aber über den Sinn der Um- strukturierungsmaßnahmen in Kombination mit Studien-gebühren zu diskutieren, kann jede/r an den einzelnen Hochschulen. Mittlerweile sind die negativen Auswirkungen  auch an nahezu jeder öffentlichen Hochschule spürbar.

An den Hochschulen entsteht die Möglichkeit über den Sinn und Unsinn der Um- strukturierungen zu diskutieren und diese Diskussion durch die studentischen Vertret-er/Innen in die einzelnen Gremien hineinzutragen und von dort auch in den hochschulexternen Raum wirken lassen. In diesem Diskurs sollten dem neoliberalen Diskurs Alternativen entgegengesetzt werden und die Rolle des gesellschaftlichen Orts „Hochschule“ neu diskutiert werden.

Wollen wir eine Hochschule, in der wir uns Bildungshäppchen kaufen  können oder wollen wir die Hochschule als einen öffentlichen Raum in dem Lernen, Wissen- schaft, Reflexion von Lehre und Forschung frei von  Wettbewerbs und Verwert- ungsmaxime  stattfinden kann. 

Nur wenn in Hochschulen auch der Raum für gesellschaftliche Fragestellungen jeder Art ergebnisoffen analysiert werden kann, wird langfristig dem Mythos TINA (There Is No Alternative)  auch etwas entgegengesetzt werden können. Gerade im Hinblick auf die Weltwirtschaftskrise und der gegenwärtigen Epoche des Kapitalis- mus sollte kritisches und innovatives Denken nicht obsolet sein dürfen. Weil aber gerade schon in Vergangenheit an Hochschulen " selbstständiges Denken" nicht unbedingt erwünscht war, konnte sich ein solch katastrophales System, wie das des Bachelor/Masters, überhaupt durchsetzen.

Was im Hinblick auf den Zeitraum von der Planung bis zur Umsetzung des neuen Hochsulsystems auch auffällt, jegliche Mitglieder der Hochschulen waren beim Entwurf des Systems in den verschiedensten Gremien involviert und haben an dessen Umsetzung gefeilt statt es zu kippen und auf eigene konstruktive Ideen zu setzen. Die Vorgaben waren nicht von vorne herein unumstößlich. Leider waren zu diesem Zeitpunkt die kritischeren Stimmen zumeist längst nicht mehr Mitglied dieser Gremien, so dass der "neoliberale Mob" seinen Mist durchziehen konnte.

 
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