Frank R

Schief & Klar

26.07.2011 | 09:53

Flaschenpost August 2011

Als auch die USA am Schlund des Bankrott ankamen, entdeckte ich den süßen Charme der Möglichkeit, dass nunmehr alle Staaten und ergo Menschen dieses Planeten gleichzeitig zahlungsunfähig würden.
Eine (allzu plausible) planetare Pleite!
Alle würden sich anschauen und wundern, bei wem sie denn so viele Schulden hätten.
Abgesehen vielleicht von einer Handvoll Multi-Milliardäre, die hinter immer höher eingefriedeten Anwesen nach der Ursache der (allein dort verbliebenen) Depressionen forschen.
Aber ich bin sicher, dass wir uns, wenn wir alle gemeinsam auf der Welt zahlungsunfähig würden, besser leiden können, neidlos endlich und frei von erfüllbaren Forderungen.
*
Auf den Sommer ist Verlass, soweit es das vitale Interesse am Vergessen betrifft.
Gnädig versinkt in der öffentlichen Beachtung der große Anlauf, den noch einmal der große Anlaufnehmer der Steuervereinfachung Paul Kirchhof nahm, um den Dschungel zu roden. Durchgerechnet, einleuchtend.
Na gut, nicht ganz durchgerechnet. Denn der Dschungel lebt. Er ist ein Kletterwald, um sich nach oben zu hangeln, wenn man lange Arme hat und ein bisschen frech ist.
Wer schlau und gerissen ist, hat kein Interesse an einer Welt, die Schlauen und Gerissenen keine Vorteile mehr bietet.
("Vorteil" ist ein mildes Wort für die Möglichkeit, sich ab eines gewissen Reichtums das Zahlen von Steuern so gut wie vom Leibe zu halten.)
Im Falle vorgeschlagener radikaler Reformen ist Abwarten über den Sommer hin nunmehr schlau genug.
Was treibt da der Kirchhof so hoffnungslos Sinnvolles? Lernt man im Alter nicht das Resignieren?
Paul Kirchhof wurde, wie die "Welt" berichtete, auf der Woge seiner vorsommerlichen Beachtung bereits von Fans um Autogramme gebeten. Er war ein Held. Das dürfte genügen.
In der Sommerfrische grübeln die Bürger lieber, wie sich die Urlaubsreise steuerlich absetzen lässt.
*
Lektüre: die Memoiren der Wilhelmine von Bayreuth und unglücklichen Schwester des nur wenig glücklicheren Friedrichs des Großen.
Kaum plastischer zu sehen, wie unzweckmäßig und unzulänglich Staatspolitik in Rastern eines Familienlebens geformt werden kann.
Soldatenkönig und Frau sind ja gar nicht besonders bösartig, nicht bösartiger als jedermann. Sie sind nur schlichtweg überfordert mit ihrer Rolle, intellektuell und emotional.
Wie gern wird Friedrich Wilhelm der Erste verklärt zum sparsamen Volkswirt, wie verheerend dagegen sind seine menschlichen Führungsqualitäten. Gleichwohl ist er in die Führung hineingeboren und darin zu guten Teilen verloren.
Was allgemein Hof-Intrige genannt wird und auch unter dem angeblich autoritätsstarken Monarchenpaar wuchernd blüht, sind oft die einzig verbliebenen Schleichwege, auf denen die Eliten dazu kommen können, Politik zu machen.
Natürlich zu ihrer Bereicherung. Politik dient so oft zuerst der Bereicherung.
Panisch Getriebene allesamt in der königlichen Familie, gehaltene Elefanten, Drohnen, Heiratstauschtiere, unfähig, noch zu wissen, was allein sie selbst wollen.
Gekrallt von Kronen.
*
Er müsste eigentlich turmhoch die Kür zum "Wort des Jahres" gewinnen: der Stresstest.
Wer nicht weiß, ob was taugt, was er tut, und das ist heute jeder, lässt einen "Stresstest" los.
Banken, Bahnhöfe und Kraftwerke zuerst, aber auch Versicherungen prahlen, ihn bestanden zu haben.
Für meinen PC wird er auch schon angeboten.
Das Wort beginnt bereits zu stressen.
Der Test soll die Angst beseitigen, die immer an Bord ist, wenn Menschen etwas erfinden oder planen.
Aber er kann nur einen Hauch von Ergebnis haben, denn Stress ist erst dann Stress, wenn er kein Test ist.
Es gibt, wie sich als Erkenntnis langsam durchsetzt, für jede Sicherheit eine mögliche Katastrophe.
Der Stresstest definiert nur die Grenze zum Reststress.
*
Der momentane Modehund, lese ich, sei der Dackel.
Das gibt mir als Tierfreund sehr zu denken.
Was wohl ist da nun mit den ehemaligen Modehunden passiert?
Wurden die irgendwo abgegeben, eingefroren bis zur nächste Mode, oder heimlich ausgerottet?
Was passiert einem Lebewesen, das aus der Mode kommt?
Wer füttert gern, was nicht im Trend liegt?
Man sieht zum Beispiel keine Pudel mehr.
In meiner Kindheit sah ich sie oft. Auch meine Großmama führte welche aus.
Pudel konnte man richtig frisieren. (Versuchen Sie das mal beim aktuellen Modehund!)
Oder man hat Pudel, wie ich bestürzt in der Wikipedia lese, bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Paris zur Reinigung durch die Röhren der Kanalisation gescheucht.
Muss man sie dort nun suchen?
*
Was wohl würden Unternehmen tun, die mit "Omas Eintopf" oder Kuchen "nach Uromis Rezept" werben, wenn sich Sechzigjährige dort mal wirklich bewürben?
Da mir die Rentenversicherung gerade schriftlich mitgeteilt hat, dass sich die Zahlungen in meinem Fall um (bis jetzt) ein Jährchen verzögern, sind solche Überlegungen nicht abwegig.
Ich könnte einem Produkt, welches "nach Altvätersitte" hergestellt wird, auch kinderlos dienlich sein.
Ergraute Häupter werden gern als Qualitätssiegel für das vermeintlich besonders Gute, Rare, Traditionsbewusste genommen. Dabei soll natürlich auch nur der Maschinen-Massenmist der Jungen verkloppt werden.
Es ist in der modernen Produktion gar keine Zeit für Omis Rezept.
Aber dann sollte man bitte auch Omi-Missbrauch zu Werbezwecken unter Strafe (Rente?) stellen.
*
Auffallend ist, dass ein guter Klang bei Musikinstrumenten fast immer von großem Aufwand und teurem Material abhängt.
Das Billige klingt arm.
Daher kommt mir die Frage, ob wir wirklich auf den Klang achten oder nicht doch nur einer Rückprojektion von Wert und Aufwand erliegen.
Oder hat, da würde es zwangsläufig übernatürlich, die Natur Klang und Beschaffungsaufwand verkoppelt?
Silber ist ein Metall, das akustischen Schwingungen folgen kann, Zinkblech nicht.
Das Seltene ist das besonders Schöne. Das zeigen schon Gold und Edelsteine. Als Musikhörer macht es uns zu Götzen des Teuren. Wir hören das Geld. Es bringt etwas in uns zum Schwingen.
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An manchen Stellen bricht beim Rückbau der AVUS-Autobahn das blanke Erdreich durch, märkisch-sandig, als ob es ungläubig aufatmet, sich strecken will, fruchtbar sein will.
Doch es wird wieder erstickt werden, damit viele Menschen in die Natur fahren können.
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Man zweifelt als beobachtender Gärtner immer öfter an der Beschränktheit von Pflanzen.
Gewisse Formen der Anpassung und Täuschung setzen, genau besehen, komplexe Erkenntnisse voraus So gibt es Wildpflanzen, die wie junge Dahlien aussehen und aus dem Dahlienbüschel herauswachsen. Vergleichbares So-tun-als-ob bei Kräutern zwischen Erdbeeren oder Johannisbeeren. Das Wilde tut so, als sei es Kulturpflanze. Doch das setzt voraus, dass das Wilde sich selbst von der Kultur unterscheiden kann. Die Ähnlichkeit soll ja offenbar davor schützen, gejätet zu werden.
Das setzt aber nun unerhörter Weise voraus, dass die Pflanze so etwas wie den Gärtner abstrahieren kann. Erst aus dieser Erkenntnis heraus macht es Sinn, Mimikry zu treiben.
Wir sind durchschaut, ohne uns, wie es dem zustünde, darüber zu wundern.
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Wenn im Film Verbrecher nette Leute sein sollen, nennt man sie Gauner.
Demagogie ist so einfach.
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Und auch mal wieder ein neues Wort erfunden, für Urbanisierung: "Bestadtung".

 
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Frank R
* 1957, Journalist, Autor
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