Frank R

Schief & Klar

26.06.2011 | 12:08

Flaschenpost Juli 2011

Wir hatten schon immer überspannte Erwartungen an Griechenland.
Rein und weiß wünschte es sich Goethe und ignorierte die schon ihm bekannte Tatsache, dass die antiken Statuen ursprünglich bunt waren.
Griechenland war ein geistiger Fluchtpunkt, was ihm irgendwann wurscht war.
Fürst Pückler, der wie alle Freigeister seiner Zeit im Freiheitskampf der Griechen mitfieberte, reiste (im Unterschied zum Dichter Wilhelm, Müller, dem Griechen-Müller) selber hin und war entsetzt über die Schludrigkeit der Verhältnisse.
Demokratie oder Baukunst waren da schon ziemlich heruntergekommen.
Haben wir überhaupt je zu Recht Sparta als spartanisch gerühmt?
Hat der Ruf, Wiege der Kultur zu sein, den Weg in den Euro-Klub zu früh geebnet?
Die bürokratischen, verfilzten Eliten, die Schattenwirtschaft, die keine Steuern zahlt - wäre das bei einem EU-Kandidaten blasserer Antike (Rumänien, Bulgarien) toleriert worden?
Vielleicht hätten sie schon mal ihre Götter nicht entlassen sollen. Den geschäftstüchtigen Hermes schon gar nicht.
Dafür gilt die mythische Dame Europa als Griechin, weil Geliebte des Zeus. Doch stimmt auch da was nicht. Die Phönizier, deren Prinzessin sie war, waren keine Griechen.
Europas Stammvater hieß wenigstens Phoinix, der Wiedergeborene.
Keine schlechte Idee.
*
Siehe da, denke ich wohlwollend, die alte, hohe Kunst der Rhetorik, auch eine der mählich verlumpten antiken Erbschaften, steht bei der Jugend nach SMS-begrenzter Maulfaulheit und "Ich geh Kino"-Kommunikations-Reduktion doch wieder hoch im Kurs.
In Pro und Kontra üben sich die Nachgeborenen Ciceros im ausgefeilten Argumentieren beim Bundeswettstreit "Jugend debattiert".
Ganz en passant streut der Bericht in der "Zeit" ein, dass in den Rededuellen das Los entscheidet, ob der Kandidat für oder wider eine Sache streitet.
Ich lese es fünf Mal.
Das Los entscheidet, für welche Seite man argumentiert.
Die Teenager, die mal Anwalt oder Politiker werden wollen, trainieren, wie man von einer beliebigen Meinung überzeugt.
Das könnte auch gut "Jugend verdirbt" heißen.
*
Wer hätte hier im Abendlande je gedacht, dass "Tugend" zu einem Schimpfwort wird!
Vom "Tugendstaat" ist die Rede, der seine Bürger zu ökologischem Verhalten zwingt ("Öko-Diktatur), indem er ihn beispielsweise die Energiewende teuer bezahlen lässt.
Aber der "Tugendstaat" kann mehr: er verbietet seinen Bürgern etwa auch das öffentliche Rauchen.
Tugend hat viele Härten. Der Staat wird zum Tugendwächter und damit (mal wieder) als Drangsal empfunden.
Doch um die Vernunft des Bürgers lässt sich nicht bitten.
Würde auf Einsicht und tugendhaftes Wollen allein gewartet und gewettet, käme nichts voran.
Gehst du zum Bürger, vergiss die Peitsche nicht!
Freiheitskämpfer polemisieren: Lasst euch nicht (vor allem von den Grünen) zu Gutem zwingen! Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andershandelnden.
Freiheit ist aber ökologisch destruktiv.
Unter einem grünen Kanzler, so droht der Begriff, werden Benzin- oder Tabaksteuer so weit ins Unziemliche wachsen, dass es nicht lange dauern wird, bis "Windstrom, nein danke!"-Buttons stolz getragen werden.
Tugend ist spießig, hört man. Was für ein Argument hätten damit die 68er Großvatergeneration gehabt, ihre Verstrickungen zu rechtfertigen!
Natürlich ist es keine Tugend, die Tugend mit Gewalt zu verbreiten.
Das hatten wir ja östlicherseits.
Die Definition sagt, dass der Tugendhafte "das Gute mit innerer Neigung" erfüllt.
Daran, dass dies im nennenswerten Ausmaßen funktioniert, glauben, wie es aussieht, selbst die Grünen nicht.
*
Eine innere Neigung zur Häme scheint vermehrt zutage zu treten.
Dass man es ja immer gewusst hat, dass auch Bio nichts taugt. Und endlich kriegen die Körnerfresser eins auf die Mütze.
Dass sie nun schön dasitzen in ihrem Japan mit der Kernschmelze. Das haben sie eben davon.
Die Häme will im Übrigen nichts weiter als sich selbst Recht haben zu lassen.
Lösungen sind ihr eigentlich wurscht.
Kommt sowieso nur der nächste Bockmist raus.
Es ist immer ein gutes Gefühl, tatenlos Recht zu haben.
*
Andererseits fragt sich auch der Satiriker durchaus: was kann er noch essen?
An allem kann was dran sein.
Nun, unbelastet sind (unvollständige Aufzählung): Nougat-Pralinen, Salzstangen und Lackritzkonfekt.
Bei Bedenken vor dem Verzehr erhitzen!
*
Viel zu wenig gewürdigt wurde, dass sich Windows nach vielen Jahren Penetranz von der Eieruhr als optischen Tröster verabschiedet.
Bekäme ich doch nur die Zeit zurück, die ich mit dem Betrachten der kleinen Grafik verbrachte! Das ergäbe sicher einen hübschen Urlaub.
Als ich sie zum ersten Mal sah, von der DOS-Welt aufsteigend in den neuen, schwerfälligen Komfort, wunderte ich mich, dass die Windows-Eieruhr sich immerzu drehte.
Wer nun einmal mit Eieruhren in der Wirklichkeit zu tun gehabt hat, etwa beim Eierkochen, der weiß, dass durch ständiges Drehen der Sand niemals vollständig auf eine Seite rinnen kann. Das Warten wird endlos und unentschieden.
Der Geist von Windows hatte seinen Ausdruck gefunden.
Gewartet wird immer und ewig. Jede neue Windowsversion ist monströs genug , die weiterentwickelte Hardware so auszulasten, dass niemals etwas schneller wird.
Für das weiterhin also benötigte Warte-Icon hat man nun eine Art illuminierten Anus ausgewählt.
Auch ihn zu deuten, fällt nicht schwer.
Das Verschwinden der Eieruhr belegt indes auch einen Trend in der grafischen Darstellung auf Computerschirmen.
Bislang versuchten die Gestalter, alles immer irgendwie so gegenständlich aussehen zu lassen wie Dinge aus der wirklichen Welt, die eine ähnliche Bedeutung haben. Dateiordner waren eben als Icon kleine Aktenordnerchen.
Beim Kopieren flatterten Zettelchen durch die Luft.
Der Papierkorb war ein Papierkorb.
Oft gab es auch Türchen und Einfahrtverbotsschilder wie auf richtigen Straßen.
Das alles geht nun zu Ende.
Die virtuelle Welt emanzipiert sich.
Sie braucht keine Symbolik der Wirklichkeit mehr.
Sie wird nun beginnen, ihr eigenes Reich zu verkünden. Und die Dinge der Wirklichkeit werden fortan versuchen, den virtuellen zu ähneln.
Sind wir nicht alle auch ein bisschen Äpp?
*
Lektüre: Mangels eindrucksvoller Neuerscheinungen lese ich noch einmal "Das Schloss" Kafkas.
Mit etwas ungutem Gefühl.
Im Kindle-eBook-Shop sind alle Werke Franz Kafkas gratis.
Ich muss jedes Mal, wenn ich es sehe, daran denken, dass fast die ganze Familie, die hätte Urheberrechte nutzen können, in Vernichtungslagern ermordet wurde.
Grundsätzlich wünschte Franz Kafka ohnehin gar keine Veröffentlichung.
Zumindest erscheint es mir unrecht, die großartigste Literatur, die je geschrieben wurde, als Freeware herauszupusten, als sei es Ramsch.
*
Nach einer Sichtung im Buchladen den Eindruck gewonnen, dass man in Rockergangs oder Sekten nur eintritt, um als Aussteiger ein Buch darüber zu schreiben.
*
Etwas Erzreaktionäres in mir, Chauvinistisches, Unaufgeklärtes, Niedriges sagt, so oft ich auch versuche hinzuschauen: "Frauen sollten nicht Fußball spielen."
Immerhin gebe ich es noch zu, solcherlei Stimmen in meinem Inneren zu hören.

 
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Kommentare
GeroSteiner schrieb am 26.06.2011 um 17:17
Mit großem Genuss gelesen.

Der rotierende illuminierte Anus der Windows Welt erinnert mich eher an den hypnotisierenden Blick der Schlange Kaa aus dem Trickfilm "Das Dschungelbuch".

Könnte es sein, dass wir alle von einem Produkt hypnotisiert wurden, um es zu nutzen?

Eine innere Stimme sagt mir, dass ich mich als "Leser" von Frank R outen sollte, bevor ich jetzt mein coloriertes Lakritzkonfekt erhitze.
Frank R
* 1957, Journalist, Autor
Mitglied seit:
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25.05.2012
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Dreizehn hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Rosa Sconto hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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