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Normalerweise sind die Kritiker ja mehr die Pilotfische des Betriebs, Sie heben oder senken zwar den Daumen über die aktuelle Buchproduktion. Angeblich können sie über Wohl und Wehe eines Autors entscheiden. Oder sagen wir: mitentscheiden. Aber im Grunde leben sie von dem Plankton in der Flutschneise der großen Fische, Autoren genannt.
Einmal während des Rituals Buchmesse stehen die Ungeliebten, auf die aber trotzdem niemand verzichten kann, im Mittelpunkt. So muss man das wohl sehen. Denn sonst würde der alljährliche Empfang bei Suhrkamp ja Autorenempfang heissen und nicht Kritikerempfang. An Empfängen und Pseudoempfängen mangelt es auf der Buchmesse nicht. Aber die Magnetwirkung dieses Treffens, das niemand verpassen darf, ist beträchtlich.
Schon die Reise in die Klettenbergstrasse im Frankfurter Holzhausenviertel ist eine Reise in eine verlorene Zeit. Man verlässt das von Hochhäusern verspiegelte, verschattete Mainhattan und taucht in ein baumbestandenes Viertel ein, in dem die Häuser noch echte Häuser sind und Bäume noch Bäume und keine Naturstaffage in gläsernen Atriums.
An jeder Straßenecke dieser stillen Villengegend grüßt ein Bürgertum, das es im Stadtzentrum längst nicht mehr gibt. Früher, als ich noch ein kleiner Frankfurter Junge war, bin ich immer andächtig durch diese Gegend geradelt, auf dem Weg zur Musikschule und habe die stille Noblesse dieses Viertels bewundert. Nun stehe ich auf dem Treppenabsatz und werde zuvorkommend begrüßt. Jetzt habe ich es also doch noch mal geschafft, eines dieser vornehmen Wohnzimmer zu betreten, die ich früher nur von der Straße aus sehen konnte.
Eigentlich ist die Wohnung nicts Besonderes. Bücherregale an allen Wänden. Ein dicher blauer Perserteppich liegt auf dem Boden. Ein Hauch von 60er Jahre liegt in der Luft. Über der Sitzecke hängt ein echter Andy Warhol. Gegen die diversen Gerhard Richters, auf die man in der falschen römischen Villa des verflossenen Chefs des Aufbau-Verlages Bernd Lunkewitz quasi mit der Nase gestoßen wurde, kommt einem das herrlich bescheiden vor.
Spätestens gegen 17.30 kämpft sich eine sagenumwobene Frau mit dichten schwarzen Haaren zu dem Glaspult in der Mitte des Raumes durch, die gerade von der Reitstunde gekommen sein muss: Ulla Berkewicz, in knielangen schwarzen Stiefeln, begrüßt alle Autoren mit Namen. Die Lesung von Oswald Eggers nimmt man eher in Kauf, als dass man sie goutiert.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, um was es ging. Entweder war es lyrische Prosa. Oder prosaische Lyrik. Mir ist nur das Wort "Lutschmaul" in Erinnerung. Thomas Meinecke ist jedenfalls begeistert. Weil es nicht so leicht verständlich ist. Der Mann steht nicht so auf Mainstream. Und hält die Fahne von Experiment und Avantgarde hoch.
Wichtiger als die Kunst sind die Gespräche. Rainald Goetz pflaumt mich an, ob ich dieses Blog im Freitag gegen die Krebsliteratur verbrochen habe. Die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss erklärt mir, warum sie für Claudio Magris als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels gekämpft hat. Der Kollege Magenau von der Zeitschrift Literaturen erklärt mir, warum ihn sein Verlag nach einem halben jahr schon wieder rausgeworfen hat.
Die Pressesprecherin des Suhrkamp-Verlages fragt mich, ob sie mit Schöneberg die richtige Wahl für ihre neue Heimat Berlin getroffen hat. Die FAZ ist fast vollständig vertreten. Ab und zu huschen Cees Noteboom und Alexander Kluge durchs Bild. Man steht lässig, parliert und scherzt über den trockenen Mandelkuchen, der hier seit 50 Jahren gereicht wird. Mit jedem Glas Rotwein verschwimmen die Grenzen auf die man sonst so pocht. Und irgendwann verlässt der angeheiterte Kritiker diese Hochdruckkammer der Prominenz mit dem schönen, aber ganz und gar täuschenden Gefühl, fast so wichtig zu sein wie die Autoren, auf die er natürlich weiterhin ein äußerst kritisches Auge haben wird.
Ingo Arend
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Ich habe doch diesen Artikel über Krebs-Literatur verbrochen. Rainald Goetz ist heute vormittag hier am Stand vorbeigerauscht, ich hätte meinen Artikel gerne verteidigt. Aber noch bevor ich ihn ansprechen konnte – Herr Goetz! Halt! Schreiben Sie für uns - war er, der Betriebige, schon vorbei gerauscht (sollte er diese Zeilen mitlesen, bitte melden: michael.angele@freitag.de)
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Bin zwar nicht der Herr Goetz, möchte mich aber trotzdem sehr herzlich für den schönen Bericht vom legendären Suhrkamp-Rotwein-Mandelkuchen-Kritiker-Schriftsteller-Empfang bedanken, weil ich das Gefühl „endlich angekommen“ zu sein, auch kenne.
Andererseits frage ich mich aber auch, warum man immer wieder wieder ironisch gefärbte Texte über die Empfänge am Rande der Buchmesse liest. Ich erkläre es mir damit, daß man zwar die rauschende Ballnacht mit der Dame, die gerade von der Reitstunde gekommen ist, durchaus genießt, während man aber auch seinen Stolz darüber, dabeigewesen zu sein, nur ironisch gebrochen zu äußern sich erlaubt. Und das, wiederum, ist wahrscheinlich doch auch ein Zeichen dafür, daß man nun wirklich angekommen ist in dem großen Frankfurter Wohnzimmer in der „Hochdruckkammer der Prominenz“. Und wenn dem so ist, sollte man sich darüber freuen. |
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"Der Kollege Magenau von der Zeitschrift Literaturen erklärt mir, warum ihn sein Verlag nach einem halben jahr schon wieder rausgeworfen hat."
Und warum nun? Wenn Sie das nicht erzählen, dann ist so eine Anmerkung ja sowas von....gemein. Rainald Goetz - ph, der wird ja auch oft überschätzt. Einmal hat er in seinem onlineBlog das Bedürfnis verschriftlicht, in das Gesicht von Ursula von der Leyen zu kotzen. Der ist sowas von...flegelig. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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