{LIEBE und TOD?} Ein Bild aus Tusche und Blut
{LIEBE und TOD?} ist eine künstlerische Aktion mit einem humanitären Hintergrund. Im Zentrum steht ein Bild, gemalt mit Tusche und einer kleinen Menge an gespendetem Blut eines aidskranken bzw. HIV-infizierten Menschen. Dieses Bild soll versteigert und der Erlös an eine gemeinnützige Organisation gespendet werden.
Diese künstlerische Aktion soll im Verlauf von drei Jahren in 32 Ländern stattfinden. Durchgeführt wird sie von Dr. Jörg Werner auch bekannt unter seinem Künstlernamen joépa, Diplom-Designer und Doktor der Philosophie.
Probleme bei der Durchführung
Kurz vor Beginn der Aktion taten sich rechtliche Bedenken auf. Ein auf HIV und AIDS spezialisierter Arzt in Berlin machte Jörg Werner in einem Telefonat darauf aufmerksam, dass geklärt werden muss, inwieweit seine Aktion unter das Infektionsschutzgesetz (IfSG) fallen könnte, das in Deutschland den Umgang mit Krankheitserregern regelt.
Der §44 des Infektionsschutzgesetzes sagt: "Wer Krankheitserreger in den Geltungsbereich dieses Gesetzes verbringen, sie ausführen, aufbewahren, abgeben oder mit ihnen arbeiten will, bedarf einer Erlaubnis der zuständigen Behörde."
Diese Genehmigung erhält man nur, wenn man die "erforderliche Sachkenntnis" nachweisen kann und dies geschieht durch ein abgeschlossenes medizinisches oder naturwissenschaftliches Hochschulstudium, sowie mindestens zweijährige entsprechende hauptberufliche Tätigkeit (IfSG §47).
Die HIV-Erreger sind an der Luft nur sehr kurz lebensfähig (ca. 1,5 Minuten). Das bedeutet, dass es sich bei dieser Aktion nur um eine theoretische Ansteckungsgefahr handelt.
Eine Möglichkeit dem Infektionsschutzgesetz zu genügen, wäre die Inaktivierung der HIV-Viren im Blut. Dieses Verfahren würde zu einer Denaturierung (starke strukturelle Veränderung) der Proteine (Eiweiße) führen. Dabei würde das Blut aber so weit verändert sein, dass es mit der geplanten Arbeit nur noch wenig gemeinsam hätte.
Die Bedeutung von Blut ist mehr als die einer roten Flüssigkeit, die durch den Köper gepumpt wird. Vielmehr hat es in der Geschichte besondere Interpretationen zugewiesen bekommen.
Die Bedeutung von Blut in der christlichen Weltanschauung
Im ersten Buch der hebräischen und christlichen Bibel findet sich ein Text, der die Bedeutung von Blut erklärt.
Noah bekam nach der Sintflut von Gott die Autorität, folgenden Grundsatz aufzustellen: „Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen zu seinem Bilde gemacht“ (1. Mose 9,6). Das bedeutet: Wenn das Blut eines Menschen vergossen wird, ist das nicht nur ein Verbrechen an dieser Person, sondern zugleich auch ein Angriff gegen Gott, der ihn nach seinem Bild gemacht hat.
Jeder Mensch, mit oder ohne Viren im Blut, trägt das Bild Gottes in sich. Auch wenn machmal der Verdacht aufkommt, dass die christliche Nächstenliebe ihre Grenzen hat. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die Diskussion über den Begriff "Biowaffe" für Menschen mit HIV und AIDS.
Der Pakt mit dem Teufel
Goethe beschreibt in "Faust. Der Tragödie erster Teil" den Pakt zwischen Mephistopheles und Faust.
Mephistopheles verpflichtet sich, Faust im Diesseits zu dienen und hier alle Wünsche zu erfüllen. Im Gegenzug ist Faust bereit, dem Teufel seine Seele zu überantworten, falls es diesem gelinge, ihm Erfüllung und Lebensglück zu verschaffen. Mephistopheles besteht darauf, dass Faust den Vertrag mit seinem eigenen Blut unterzeichnet.
Nur greift mir zu und seid nicht blöde!
Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut.
/(Faust I – Studierzimmer)/
Der Teufel besteht auf Blut zur Unterschrift. Das Kunstwerk bedarf des Blutes. Wird das Blut von Infizierten mit Begriffen wie "verteufelt" assoziiert ?
Ein Spiegelbild der Lebenswelt
Die Diskussionen um das Infektionsschutzgesetz zeigen eine Richtung:
HIV und AIDS gehören kontrolliert, sterilisiert und unter Aufsicht. So ist es mit infizierten Blut und so ist es auch mit Menschen, die infiziert sind.
In den letzten Jahren hatten sich die Bedingungen für Infizierte verbessert. Es war eine gewisse Art von Normalität zu spüren.
Jedoch scheint die Entwicklung seit diesem Jahr rückwärts gewandt zu sein.
- Bezeichnung von Positiven als Biowaffe durch Politiker
- Strafbarkeit von Sex mit Positiven in der Schweiz
- Abwendung der "Betroffenenorganisationen" von den Betroffenen
Die Hürden, die bei der Entstehung des Projekts in den Weg gelegt werden, spiegeln die Erlebniswelt vieler Betroffener.
Die Meinung der Betroffenen ist gefragt
Jörg Werner hat seine Idee in einem Forum für Menschen mit HIV und AIDS zur Diskussion gestellt. Die Teilnehmer des Forums zeigen reges Interesse an seiner Arbeit. Eine ablehnende Haltung war nicht zu spüren. Eher gab es Verwunderung über die rechtlichen Bedenken. Ein Teilnehmer fasste es wie folgt zusammen:
Ich finde das schon schräg... eingedenk der Tatsache, dass ich jeden Tag mit meinem HIV-infizierten Blut zur Arbeit fahre oder durch die Stadt spaziere oder zum Sport gehe usw.
Jörg Werner bittet die Betroffenen, sich vermehrt zu der Aktion zu äußern. Dass sie gegebenenfalls ihre Zustimmung signalisieren und den Künstler durch aktive Mitarbeit bei diesem Projekt unterstützen.
Goethe schreibt im Faust I: "Blut ist ein ganz besondrer Saft." Gegenwärtig stellt sich die Frage, welche Bedeutung dem Blut von Infizierten zugeschrieben wird.
Ideen und Kritik als Kommentar sind erwünscht.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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