"Es könnte reichen für eine bürgerliche Mehrheit, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahlen wären. CDU und FDP kämen dann mit 51 Prozent der Stimmen auf eine wenn auch knappe absolute Mehrheit."
So oder so ähnlich gestalten sich oft genug die regelmäßigen Ausdeutungen der unzähligen Politbarometer, Sonntagsfragen und Wähleranalysen. Durchweg in allen Medien. Mit nur wenigen Ausnahmen. Ganz unabhängig davon, ob es jetzt für die so gern als solche titulierte "bürgerliche Mehrheit" reicht, was mir in der Sache persönlich sehr zusagen würde, gibt es etwas bei dieser Formulierung, was in meinen Augen nur als elitäre Anmaßung in der Tradition des Standesdünkels einer gewissen Bevölkerungsgruppe, der seit Jahrhunderten besteht, zu verstehen ist. Diejenigen, die sich mit dem Prädikat "bürgerlich" allzu gern dekorieren, sind Bürger, keine Frage. So weit stimmt die Selbsteinschätzung. Und diejenigen, die aus dem Kreis der "Bürgerlichen" ausgeklammert sind, sind - keine Bürger? Ist das so? Natürlich nicht und wohl niemand würde heutzutage dem Gros der Bevölkerung absprechen, dass es sich bei ihm um Bürger, um Staatsbürger handelt. Alle anderen Dimensionen des Bürger-Begriffs sind absolut nicht mehr zeitgemäß, wir unterscheiden nicht mehr zwischen Leibeigenen, einfachen Einwohnern, Bürgern und Patriziern in den Städten. Die mittelalterliche Ständeordnung ist historisch, welch ein Glück, und das sieht eigentlich auch jeder ein. Unser Alltag ist weit von den damaligen Verhältnissen entfernt, das Leben und die Art und Weise, wie wir anderen, ganz gleich, wie unterschiedlich sich ihre wirtschaftliche und soziale Situation im Vergleich zu unserer gestalten mag, sind ganz anders.
Und trotzdem scheint da noch was hängen geblieben zu sein. Irgendwo mehr oder weniger unterbewusst, vielleicht aber auch ganz offensichtlich. Wir sollten uns nichts vormachen: Unsere bundesdeutsche Gesellschaft, genau wie die anderer Staaten, ist in hohem Maße heterogen. Wir sind nicht gleich, vor dem Gesetz vielleicht, vor uns selbst untereinander keinesfalls. Es gibt Spannungen, latente und offene. Die Gesellschaft ist ein Unruheherd, der nur recht gut durch eine gar nicht allzu schlechte Gesamtlage zusammengehalten wird. Aber die Vorbehalte mancher Milieus gegenüber anderen sind immer vorhanden. So ziehen auch die selbsternannten "Bürgerlichen" wie selbstverständlich eine Linie um ihren ausgesuchten Kreis und grenzen sich ab von den anderen. Den Bürgern im modernen Sinne, also nach Ansicht der Alt-Bürger: den Nicht-Bürgern. Denn bei aller nach außen dargestellten Offenheit, bei allen Beschwörungen des gesellschaftlichen Friedens, bei allem Streben nach sozialem Ausgleich und bei aller Rhetorik von der Gleichheit aller Menschen haben die meisten Angehörigen von CDU und FDP ihre tradierten Denkschemata immer noch nicht überwunden, wenn sie von sich selbst als den "Bürgerlichen" reden. Dieser Begriff mag zwar heute primär ein politischer sein, der einfach gewisse Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der politischen Landschaft beschreiben will, und somit von nicht allzu großer Bedeutung ist, keinesfalls andere Gruppen deklassieren will, aber im Kern, da ist er doch eine einzige Anmaßung. Jemand, der sich als "bürgerlich" beschreibt, strebt unterbewusst danach, sich ausdrücklich vom gemeinen "Prollvolk", was er natürlich niemals öffentlich als solches bezeichnen würde, Oh Gott, was würde dann passieren, es gäbe einen Aufschrei, man würde ja annehmen können, er hätte da Vorbehalte und hielte sich für was besseres, nein, so ist das doch nicht. Nein, öffentlich ist er der egalitäre Verfechter der Gleichheit. Aber denken tut er es trotzdem, heimlich still und leise schimpft er über die Maßlosigkeit der gewerkschaftlichen Forderungen, umgibt sich mit stilvoller Einrichtung, natürlich nur ungern von IKEA, höchstens im Kinderzimmer und sonst kaum, verbringt seinen Urlaub im Ferienhaus in der Toscana und lauscht klassischer Musik oder alternativ, das macht sich mittlerweile sehr gut bei den gleichgesinnten Freunden, Jazz von Till Brönner. So grenzt er sich ab, er tut, was er kann. Im Übrigen ist das kein Phänomen, das nur bei der Klientel des klassisch "bürgerlichen Lagers" von CDU und FDP vorkommt, sondern auch ein Teil beispielsweise der Sozialdemokraten hält es für nötig, die Lebensart des "Bürgertums" zu verkörpern. Man ist ja kein Arbeiter, das Gerede von der Arbeiterpartei, das ist doch vorbei. Tja, Pech gehabt, liebe Sozialdemokraten, ihr seid nicht besser.
Ich bin der Meinung, dass da ein großer Teil der Leute, leider eben auch meines Lagers, wenn man es denn so nennen will, sein Weltbild vielleicht überdenken sollte, sonst ist alles Gerede irgendwo nichtig. Und es bedient auch leider nur wieder das alte Klischee von FDP und auch CDU eine reine Interessensvertretung der Wirtschaft und des Großkapitals zu sein. Keine gute Grundlage, wenn man die Bundestagswahl gewinnen will. Und das will man ja. Und das will auch ich. Bloß wird es, egal wie das Ergebnis am Ende ausfällt, eine wirklich durch und durch bürgerliche Mehrheit geben.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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