Freiligrad

Zorn und Zuversicht

01.04.2009 | 21:52

28. März 09: Frankfurt, mon Amour!

Klassenkampf oder Mandat?

 

Bild: Schwierige Zeiten im aufkommenden Klassenkampf, oder?

 

„Vielen Dank, ihr habt uns sehr geholfen!“, klang es ätzend ironisch zurück. War es ein Mann von Verdi, oder aus der Partei, die sich „die Linke“ nennt?

Schwer einzuschätzen.

Die Antwort kam prompt: „Was erwartet ihr?, wir sind Anarchisten. Wahlen werden euch nicht mehr retten!“

Basses, sprachloses, großäugiges Staunen zur Entgegnung.

Die geschmissenen Eier auf einen sich hinter Staatsschutz-Schilden versteckenden Lafontaine, der unter Anticapitalista-Rufen nicht wirklich zu Wort kam, bei seiner Wahlkampfrede am Römer, hatten sichtlich Eindruck hinterlassen und wurden auch von der Tagesschau des selbigen Tages, es war der 28. März 2009, dankbar kommuniziert.

Die ARD sah sich medientaktisch sogar dazu gezwungen, ihn in einem kurzen Einzeiler ungestört zu Wort kommen zu lassen. Er sprach von 80 Mrd., die es über eine Vermögenssteuer bei den Reichen und Mächtigen zurück zu gewinnen gelte.

Brosamen also, im Vergleich zu der geschichtlich nie dagewesenen Umverteilung von Unten nach Oben, die in den letzten 20 Jahren stattgefunden hat und nun nach dem Kollaps des Kapitalismus die Steuerbillionen kommender Generationen hinweg fegt. *

Ja, was erwartet ihr von der anarchistischen Linken, deren wehende schwarz-rote Fahnen auch in der Tagesschau unkommentiert und sehr präsent zur Geltung kamen?

Ein Blick auf die Hintergründe eines 30-sekündigen Tagesschau-Beitrags.

Fast unbemerkt von der deutschen Medienlandschaft fanden in Frankfurt/Main am 28. März 2009, dem offiziellen Beginn des Widerstands, zwei Demonstrationen statt, die sich am Römer schließlich vereinigten.

Die eine versammelte sich vor dem Hauptbahnhof getragen von Attac, der sogn. Partei „die Linken“ und DGB-Gewerkschaftsgruppen.

Zum Ziel der sozialen Revolution hatten sich autonome, anarchistische, anarchosyndikalistische und kommunistische Gruppen vor der Bockenheimer Warte verbunden und bekannt. Doch auch versprengte Mitglieder von Verdi und IG Metall waren dort zu sehen, und sogar eine Fahne der SPD-Jugendorganisation „die Falken“ bewegte sich bedrohlich auf die Commerzbank zu, an welcher der Zug vorbeimarschierte.

Ursprünglich war geplant gemeinsam zu beginnen und am Römer dann auch gemeinsam die Reden zu halten.

Da gab es von Seiten der Sozialrevolutionäre vor der Bockenheimer Warte durchaus hörenswertes Gesagtes, unter anderem von Jutta Ditfurth zu Theorie, Aktion und Organisation, den Voraussetzungen der Revolution. Doch die Bedingung der Veranstalter an den sozialrevolutionären Block war es, sie sollen in ihren Reden bei der Hauptkundgebung doch realistische Forderungen stellen, als ob auch nur die Regulierung der Finanzmärkte zum gegenwärtigen Zeitpunkt am Horizont des Möglichen erschiene.**

30 Stunden Arbeit bei vollem Lohnausgleich (wird zurzeit bei inzwischen 700.000 Kurzarbeitern verwirklicht, jedoch ohne Lohnausgleich. ) oder 10 € Mindestlohn für Leiharbeiter, so etwas wollte man hören. Und dann tritt der neue Führer der Arbeiterklasse Oskar Lafontaine aufs Podium und alles ist gut.

Dazu kam es nicht.

Nun sind das durchaus Forderungen libertärer Gewerkschaften in den Mobilisierungsgefechten des Klassenkampfes. Logisch, es gilt dagegen zu halten, und wenn die Opelianer sich nach der Schmierenkomödie des Bundestagwahlkampfes gezwungen sehen, ihre Betriebe in Rüsselsheim, Bochum, Kaiserslautern und Eisenach zu besetzen, bevor ihnen ein „Finanz-Investor“ den Garaus bereitet, werden sie Unterstützung erfahren.

Dennoch, dass Lafontaine mit der pointierten Hetze gegen Fremdarbeiter im Wahlkampf 2005 und dem damaligen Vorschlag Lager gegen Flüchtlinge vor der Südgrenze Europas zu errichten, - wo gestern 300 Menschen wieder jämmerlich ersoffen sind, nicht viele Freunde fand, die sich zum Durchlauferhitzer für Wahlkämpfe andienten, ist nur konsequent, wenngleich durch die etablierten Medien, und auch der taz war der Widerstand nur eine verboten-Glosse wert─ , nicht kommunizierbar.

Aber unser Ziel bleibt der Systemumsturz und wir haben Zeit, ganz einfach deshalb, weil der Kapitalismus den begrenzten Ressourcen dieses Planeten nicht gewachsen ist, vielmehr nie war, nie sein kann, weil Wachstum und Profitmaximierung systeminhärent sind! Und in einem geschlossenen System, in dem allenfalls mal ein Asteroid oder Komet von außen einschlägt, ist das der ökologische Tod der Menschheit.

Deshalb ist  jetzt offenbar, nachdem das Kartenhaus des Kapitalismus zunehmend einstürzt: es  ist eine Auseinandersetzung um den Tod der Zivilisation oder dem Leben in absoluter, libertärer Demokratie.

Dafür kämpft die libertäre Linke und dort, lieber Robert Zion, ist sie zu finden:  auf der Straße, in den Arbeitsämtern, in den Betrieben und im Netz.

 

*Und wer das jetzt für übertrieben hält, dem sei gewiss, dass ich auf ökonomische Analysen noch eingehen werde in späteren Texten, die mir viel Freude bereiten werden.

**Die Rede der Genossin der FAU Frankfurt lässt sich auf folgender Seite als PDF herunterladen:

Rede FAU Frankfurt

 
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