Freitag-Redaktion

Leipziger Buchmesse

15.03.2009 | 15:11

Darf ich Sie anfassen?

Zum Anfassen. Wohl kaum eine Messe hat die Kunst derart entauratisiert wie die Leipziger Buchmesse. Wer sich dorthin aufmacht, will mit der Literatur auf Du und Du sein, ihr von gleich zu gleich ins Auge sehn. "Dähn Biermann wolldsch mir schon immer ma anguggn" raunen sich zwei betagte Leipzigerinnen morgens in der Straßenbahn zu. Da wird man auf das Prinzip "Auf Tuchfühlung" eingestimmt. Es ist so eng wie in einer Sardinenbüchse. Eine halbe Stunde ruckelt die Bahn durch die bröckelnden Leipziger Ouskirts. Und wer dann vor dem Glaspalast aus dem Waggon fällt, hat längst jede Erwartung an das Erhabene fahren lassen.
Wenn er die Messehalle betritt, steht er in einem Jahrmarkt: Links lagert eine Gruppe Manga-Fans in schrillen Kostümen. Auf dem Blauen Sofa des ZDF erkärt gerade Friedrich Schorlemmer dem Moderator Wolfgang Herles, warum dem "wohl" ist, der "Heimat hat". Nebenan wird Kaffee gekocht, ein lila Zottelbär, der Prospekte verteilt, tapst durch die Menge, Luftballons steigen auf.
Man kann sich T-Shirts drucken lassen, frische Waffeln essen,  in Antiquariaten stöbern, Bücher wie Lutscher klauen, Eis essen, in der Sonne dösen. Fünf Tage brodelt hier auf größter Flamme die Garküche der Kunst. Das Wort "Lesefest", mit dem die Leipziger Messe gern belegt wird, ist nur ein schwacher Euphemismus für das, was sich wirklich dort abspielt.
Weltabgewandte Poeten, melancholische Grübler, die leisen Stimmen haben es schwer in diesem fröhlichen Inferno. Man muss mitmachen können, notfalls schreien. Keine Angst vor Berührung haben, wie Günter Grass, der grollende Donnergott, der durch die Menge streift, jedem die Hand drückt. Autoren sitzen hier nicht auf einem Altar, sondern immer nur auf heißen Stühlen. Dass sie beim halbstündigen Lesemarathon in der "Autoren-Arena" der Leipziger Volkszeitung nicht durch einen Feuerreif springen müssen, ist eigentlich alles.
In Leipzig muss die Literatur Männchen machen. Wer zum ersten Mal hier ist, schwankt meist zwischen Schock und Begeisterung. Andererseits beginnt man genau hier zu ahnen, was das wohl bedeuten könnte: die Schönheit demokratisieren.
Ganz ist die Aura des Besonderen aber doch noch nicht entschwunden. Wie anders ist es zu erklären, dass schon eine Stunde vor der Lesung mit Daniel Kehlmann eine dichte Menschentraube besagte Autoren-Arena besetzt hält. Eine weitere Hundertschaft verfolgt das Gespräch hinter dem Stand auf einer Großbildleinwand wie die Direktübertragung eines Papst-Besuches. Jeder banale Satz wird wie eine Weisheit entgegengenommen. Hinter der schwiegersohnfreundlichen Bescheidenheit, mit der der Mann, der der deutschen Nachkriegsliteratur einen historischen Auflagenrekord beschert hat, auf jede noch so dumme Frage antwortet, steckt eine größtmögliche Distanz zu dem Volk, das an seinen Lippen hängt.
Auch der Moderator erliegt diesem Bann, wenn er stammelt, das "meine nächste Frage wahrscheinlich ähnlich bescheuert" ist. Und wenn eine freundliche Hausfrau beim Frühstück im Hotel mit glühenden Augen auf Sten Nadolny, den Autor des legendären Romans Die Entdeckung der Langsamkeit zusteuert, sich vor ihm aufbaut und sagt: "Darf ich Sie einfach mal anfassen?" - was ist das anderes als vulgarisierte Genieästhetik?
Ingo Arend
 
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Kommentare
XXXbaby schrieb am 18.03.2009 um 13:45
es gibt viel zu lesen
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Logbuch
00:34
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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