Freitag-Redaktion

Leipziger Buchmesse

13.03.2009 | 16:32

Ich verstehe Daniel Kehlmann einfach nicht

Morgens um acht Uhr im Zug nach Leipzig, zwei Kollegen sitzen mit mir im Abteil. Wir berichten uns, was wir auf der Messe sehen und hören wollen. Ich habe bescheidene Ziele, fest stehen nur eine Lesung von David Wagner und ein Auftritt von Daniel Kehlmann. Es gibt so viel zu sehen, dass es einem schon beim Lesen des Programms schwindelig wird. Da muss man eine Auswahl treffen - nach strengen Kriterien. Mein Kriterium ist die persönliche Freundschaft. Mit David Wagner bin ich befreundet, mit Kehlmann selbst zwar nicht, jedoch mit Adam Soboczynski, der ihn vorstellt.

"Ich gehe zu David Wagner", sage ich zu meinem Kollegen. "Ja, den kenne ich irgendwie, hat er nicht mal einen Text über das Restaurant Weltbühne geschrieben?" Ja, hat er, vor vielen Jahren, Der einsamste Esser von Mitte hieß er, oder so ähnlich. David war der einzige Gast in dem neu eröffneten, überdimensionierten Lokal in Berlin-Mitte. Der Name Weltbühne hatte tatsächlich mit der gleichnamigen, legendären Zeitschrift von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzki zu tun. Der Besitzer des Restaurants besaß die Rechte am Namen, durfte ihn aber aus irgendwelchen Erbstreitigkeiten nicht für eine Zeitschrift benutzen, und so hat er halt ein Restaurant namens "Weltbühne" eröffnet.
Es ist längst pleite gegangen.

David hat dann aus seinem neuen Buch Spricht das Kind gelesen. Wie immer sehr schön, ich kenne es ja, es ist nicht die erste Lesung aus diesem Buch, die ich verfolge. Es war allerdings nicht leicht für ihn zu lesen, ein Kommen und Gehen war das in der Lounge von creativeaustria, aber als er die Topflappen-Geschichte gelesen hat, hörte der Frauentisch vor mir geschlossen zu und lachte. Gut so, dachte ich, Frauen sind Leserinnen, eben hatte es mir wieder jemand gesagt, für Frauen werden die Bücher geschrieben, sie muss man gewinnen.

Nach der Topflappen-Geschichte wandte sich der Tisch wieder seinen eigenen Geschichten zu und plapperte und machte meinem Freund das Leben schwer. Ich unterhielt mich dann noch mit seinem Verleger, Herrn Droschl, einem älteren Herrn aus Graz, der seinen Verlag früher abends geleitet hatte, im Hauptberuf war er Ingenieur gewesen. Ausserdem besitzt er eine Dauerkarte bei Sturm Graz, die mit Franco Foda einen hoffnungsvollen Trainer gewinnen konnten, und so entwickelte sich ein angeregtes Gespräch über Fußball, zu dem jeder das seine beitrug. Nichts Ungewöhnliches, denn Büchermenschen reden viel weniger über ihr Metier als man gemeinhin annimmt. Manche scheuen das Gespräch über Literatur regelrecht.

Worüber Adam Soboczynski mit Daniel Kehlmann sprach, kann ich leider nicht berichten. Als ich beim Stand ankam, hatte sich schon eine riesige Menschentraube gebildet, nichts zu sehen, und zu verstehen erst einmal nur ein österreichisch eingefärbtes Genuschel. Er läuft dir ja nicht davon, dachte ich, und kehrte zu unserem Stand zurück, um diesen Eintrag zu schreiben.
Michael Angele
 
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Kommentare
Beat Mazenauer schrieb am 13.03.2009 um 21:38
Das Genuschel in Ehren, leider lässt sich Kehlmann auch dann nicht verstehen, wenn man sein Buch in aller Ruhe zu lesen versucht. Hinter dem medialen Getöse resp. Genuschel verbirgt sich eine lärmende Leere, über die sich nicht mal lachen lässt. Sollen sich andere das antun - zum "Ruhm" des Autors.
Beat Mazenauer schrieb am 13.03.2009 um 21:39
Das Genuschel in Ehren, leider lässt sich Kehlmann auch dann nicht verstehen, wenn man sein Buch in aller Ruhe zu lesen versucht. Hinter dem medialen Getöse resp. Genuschel verbirgt sich eine lärmende Leere, über die sich nicht mal lachen lässt. Sollen sich andere das antun - zum "Ruhm" des Autors.
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