Freitag-Redaktion

Leipziger Buchmesse

12.03.2009 | 23:50

Leipziger Rituale II

Sieht so eine Leipziger Buchpreisträgerin aus? Sibylle Lewitscharoff sitzt an einer der vielen Leseinseln auf dem Leipziger Messegelände: Strenger Blick, die dunklen, fast schwarzen Haare straff zurückgekämmt, um den Hals eine eng geschnürte Spitzenborte mit Knopfapplikation. Eine Mischung aus englischer Gouvernante und bulgarischer Nonne.
Die 1954 in Stuttgart geborene Autorin, lange Jahre Buchhalterin eines Berliner Betriebes, hat so garnichts gemein mit dem ominösen "Fräuleinwunder", das der Spiegel weiland ausgerufen hatte. Langsam kann man Kritikerkollegen verstehen, die der Frau einen Hang zum Religiösen nachsagen. 
Und in der Tat: Auf der Vorstellungsrunde der Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse sprüht sie vor Begeisterung, als sie erzählt, wie sie in dem "verrotteten Bulgarien", das sie in ihrem neuen Roman Apostoloff schildert, die beglückende Schönheit der bulgarischen Kirchen schätzen gelernt hat.
Egal: Die Ästhetik des Preisträgers ist zweitrangig. Auf die Ästhetik ihrer Kunst kommt es an. Und da bestehen bei Lewitscharoff keine Zweifel: Wut, Tempo und eine fulminante Sprache machen ihre Literatur zu einem besonderen Erlebnis. Den Leipziger Buchpreis hat sie zu Recht bekommen.
Trotzdem wundert man sich, dass der mit 45.000 Euro nicht gerade gering dotierte Preis so wenig Debatten auslöst. Eine Allianz von ernst zu nehmenden Literaturinstitutionen und Kritikern hatte ihn vor vier Jahren aus der Taufe gehoben. Sein Vorgänger, ein populistisches Etwas, das im Rahmen einer unsäglichen Glimmer-Gala vergeben wurde und auf den grasschen Namen Butt hörte, war über Nacht wegen Peinlichkeit eingestampft worden. Die sowieso als Luftikus verschrieene Leipziger Lese-Messe sollte ein seriöses Aushängeschild bekommen, mit einer hochkarätigen Jury im Zentrum.
Was sich an Debatten um den Preis rankt, sind aber nicht ästhetische Diskurse, sondern allenfalls taktische Erörterungen, für die es auch ein einfaches Wettbüro täte. "Na ja", sagt ein Kollege beim Kaffee in der Halle: "Nach Clemens Meyer im letzten Jahr und Ingo Schulze kann nicht schon wieder ein Ossi drankommen". Sein Tipp deshalb auch: Lewitscharoff. Selbst ist er von der Qualität der Autorin aber nicht besonders überzeugt. 
Die Nominierung des unterirdischen Romans Sanssouci des hessischen Autors Andreas Maier erklären sich andere hinter vorgehaltener Hand mit dem Einfluß einer "Frankfurter Connection". Und als ich am Stand des MDR im Interview mit dem Moderator nach den Gründen für die Entscheidung zugunsten Lewitscharoffs forsche, meint der trocken: "Ein Preisträgerfoto ohne eine Frau hätte ja schlecht ausgesehen". Mit wem man auch über den Preis spricht. Ästhetische Kriterien spielen in diesen Diskussionen keine Rolle. Hauptsache, er wird vergeben. Und irgendwie muss der Proporz stimmen: Ost, West, Frau, Mann, Erzäühler, Avantgarde.
Das betrifft nicht nur die Kritiker. Auch den Autoren scheinen die ästhetischen Fragen zweitrangig. Vom ebenfalls nominierten Daniel Kehlmann hielt sich in Leipzig hartnäckig das Gerücht, er hätte die Einladung zur Preisverleihung nur dann angenommen, wenn man ihm den Preis vorab zugesichert hätte.
Die Verleihung einer Auszeichnung, von dem man nicht so ganz genau weiss, warum er eigentlich vergeben wird: als literarischer Qualitätsanreiz oder als Marketingaphrodisiakum ist denn auch an Banalität nicht zu übertreffen. In dem Rhododendronhain unter dem Glasdach des Leipziger Messepalastes hängen Bratendüfte in der Luft, wenn das entscheidende Kuvert geöffnet wird. Auch der erstmalige Gastauftritt von Kulturstaatsminister Bernd Neumann vermochte dem Event in diesem Jahr keine höheren Weihen zu verleihen. Hinterher steht alles gelangweit am Buffet. Die zugeknöpfte Preisträgerin war schnell verschwunden. Gebraucht hat sie den Preis sicher nicht. Der saturierte Betrieb zieht weiter: Zum nächsten Event, zum nächsten Preis. Im Oktober ist Frankfurt dran. Literaturbetriebsroutine. 
Wie wenig die Kunst da als Herausforderung begriffen wird, fiel einem auf, als man dem ehemaligen Leipziger Theaterintendanten Wolfgang Engel am selben Abend im Leipziger Kunstmuseum bei einer Podiumsdiskussion über die Bedeutung des Wendejahres 1989 zuhörte. Weder nostalgisch noch larmoyant blickte er auf den zwanzig Jahre zurückliegenden Epochenbruch zurück, als alle existentiellen Gewissheiten über Nacht plötzlich fraglich wurden. "Es war eine tolle Zeit - nicht zu wissen, was kommt".   
Ingo Arend
 
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