Freitag-Redaktion

Leipziger Buchmesse

15.03.2009 | 09:03

Unbequeme Wahrheiten

Der Saal im Leipziger Stadteil Gohlis ist bis auf den letzten Platz gefüllt, einige Zuhörer müssen sogar stehen. Daniela Dahn liest an diesem Samstagabend im Leipziger Mediencampus aus ihrem neuen Buch „Wehe dem Sieger“ und fast 160 Menschen sind gekommen. Es ist eine ungewöhnliche Lesung. Denn das Buch erscheint erst Anfang Mai. Üblicherweise werden Lesungen erst organisiert, wenn das Buch auch zu kaufen ist. Für die Buchmesse und für seine Autorin hat der Rowohlt-Verlag an diesem Abend eine Ausnahme gemacht.

Daniela Dahn sitzt an einem kleinen Tisch, vor sich ein etwas überdimensioniertes Mikrophon, und liest aus dem Vorwort. Ihr Buch ist eine Bilanz der vergangenen 20 Jahre und ein Ausblick in die Zukunft. Es gehe nicht um letzte Wahrheiten, hat sie in ihrer Einleitung geschrieben. Es sei ein Buch des Zweifels. Man könnte hinzufügen, es ist vielleicht kein Buch der letzten, aber der unbequemen Wahrheiten.

Daniela Dahn blickt auf den Stand der Einheit und sie sieht viele Ungerechtigkeiten, verpasste Chancen und Fehlentscheidungen. Ein Freund, liest sie vor, organisiere seit 18 Jahren in einer Stiftung biographische Gespräche zwischen Ost- und Westdeutschen. Er hat die vergangenen Jahre in drei Abschnitte eingeteilt. Zuerst habe eine Phase der Euphorie geherrscht, weil die einen glaubten, es würde genügen, sich gegenseitig aufrichtig das Leben zu erzählen. Dann werde alles gut. Und die Westdeutschen freuten sich darüber, dass sie Recht behalten hatten. Dann sei die Phase der Depression gefolgt, des gegenseitigen Missverstehens.

Und schließlich die Averison: „Auf der westlichen Seite eine tiefe Unlust, grundsätzliche Fragen von undankbaren Leuten aufgenötigt zu bekommen. Auf der anderen Seite die Unlust, sich für sein eigenes, angeblich falsches Leben von selbstgerechten und nicht wirklich zuhörenden Leuten immer wieder rechtfertigen zu sollen“, liest Daniela Dahn und im Publikum erhebt sich ein zustimmendes Gemurmel.

Doch an diesem Abend, in diesem Buch, geht es nicht nur um ost-westliche Befindlichkeiten. Es geht auch um Demokratiedefizite, um eine grundsätzliche Kritik des Kapitalismus und um eine Analyse der gegenwärtigen Banken- und Wirtschaftskrise. Es ist ein Buch, das man auch als eine Bilanz der politischen Überzeugungen der Autorin lesen kann. Es gibt anschließend eine lebhafte Diskussion, das Ost-West-Thema spielt dabei kaum eine Rolle. Die Zuhörer fragen nach anderen Dingen: Wie kann man das bestehende Demokratiedefizit in der Gesellschaft abbauen? Oder wie würde eine wirklich demokratische Marktwirtschaft aussehen? Wie müsste der ideale Staat beschaffen sein?

Daniela Dahn gibt auf alle Fragen Antworten. Sie bleibt dabei sich und ihrem Buch treu, es sind keine letzten Wahrheiten, es sind Vorschläge. Manchmal antwortet sie auch mit einer Gegenfrage. Warum erwäge kaum jemand, die angeschlagenen Banken einfach pleite gehen zu lassen? Dass ihr Erhalt wirklich unbedingt notwendig ist, um das Finanzsystem zu stabilisieren, sei noch lange nicht erwiesen, sagt sie.Wo, zum Beispiel, stehe es geschrieben, dass ausschließlich Parteien im Parlament sitzen müssten? Dass könnten auch relevante gesellschaftliche Gruppen sein.

Sie warnt vor der fortschreitenden Entmündigung der Bürger und fordert neue basisdemokratische Beteiligungen. Und auf eine Frage aus dem Publikum nach der Zukunft der Marktwirtschaft antwortet sie, dass es künftig mehr gemischte Eigentumsformen geben müsse. Das bisherige System könne jedenfalls nicht mehr so weiterbestehen. „Sehen Sie, es geht auch darum, die Dinge, die man 50 Jahre lang gewohnt ist, einfach mal andes zu denken“, sagt sie am Ende der Lesung. Es gibt viel Applaus, nicht nur für diese Worte. Daniela Dahn signiert noch ein paar Bücher. Dann muss sie los, ins 3sat-Studio, zum nächsten Termin.
Philip Grassmann
 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Leopold Loewe schrieb am 15.03.2009 um 19:49
„Auf der westlichen Seite eine tiefe Unlust, grundsätzliche Fragen von undankbaren Leuten aufgenötigt zu bekommen. Auf der anderen Seite die Unlust, sich für sein eigenes, angeblich falsches Leben von selbstgerechten und nicht wirklich zuhörenden Leuten immer wieder rechtfertigen zu sollen“, liest Daniela Dahn und im Publikum erhebt sich ein zustimmendes Gemurmel. Da ist sie schon wieder dieses deutsche Beleidigsein und die Selbsterhöhung über jene "auf der westlichen Seite" (die zum sterbenden und parasitären Kapitalismus Gehörenden). Der sowas Äußernden kann man nun wirklich nur schwer zuhören. Es ginge auch um Demokratiedefizite, um eine grundsätzliche Kritik des Kapitalismus und um eine Analyse der gegenwärtigen Banken- und Wirtschaftskrise, heißt es. Oh hätte die Autorin ihre grundsätzliche Kritikfähigkeit doch bloß schon entdeckt, als sie noch was kostete. Wie würde eine wirklich demokratische Marktwirtschaft aussehen? Wie müsste der ideale Staat beschaffen sein? Daniela Dahn gibt auf alle Fragen Antworten (okay, die Partei hat immer noch Recht...und der Marxismus ist allmächtig weil er wahr ist). Warum erwäge kaum jemand, die angeschlagenen Banken einfach pleite gehen zu lassen? (Schönen Dank auch dass sie mit meinen Ersparnissen so großzügig umgehen möchte...). Dass ihr Erhalt wirklich unbedingt notwendig ist, um das Finanzsystem zu stabilisieren, sei noch lange nicht erwiesen, sagt sie. Sie warnt vor der fortschreitenden Entmündigung der Bürger (am meisten beklagt wurde die Entmündigung in Deutschlands Geschichte noch immer von den DDR-Oppositionellen, und zwar mit gutem Gründen, schon vergessen wieviele Bücher, Filme und einfachste demokratische Gepflogenheiten dort verboten waren?) und fordert neue basisdemokratische Beteiligungen (auch sehr originell...). Und auf eine Frage aus dem Publikum nach der Zukunft der Marktwirtschaft antwortet sie, dass es künftig mehr gemischte Eigentumsformen geben müsse. Das bisherige System könne jedenfalls nicht mehr so weiterbestehen. „Sehen Sie, es geht auch darum, die Dinge, die man 50 Jahre lang gewohnt ist, einfach mal andes zu denken". Andersdenkende sperrte man ein - wo war das noch gleich?... Ins 3sat-Studio zum nächsten Termin kamen die jedenfalls nicht.
ChristianBerlin schrieb am 16.03.2009 um 12:28
[Zitat]Daniela Dahn gibt auf alle Fragen Antworten[/Zitatende]

1er Eindruck: PR in eigener Sache, nicht neutral der besprochenen Autorin gegenüber (wenn man durch Mitarbeit von jemandem abhängt ist das - rum wie num - nicht weit entfernt von bezahlt Werden).

2er Eindruck: Die Arbeit ihres Freundes im Rahmen der Stiftung scheint die besprochene Autorin recherchiert zu haben und plausibel wiedergeben zu können. Bis dahin erhellend. Aber welche Recherchen zu ihrem Buch stecken hinter ihren Antworten auf alle möglichen anderen Fragen - vom "weichen" B wie "Banken" bis zum "harten" wie "Parteien" ?

Da schließe nun ich armer Tor
mich so klug als wie zuvor
meinem Vorredner an
und sehe ganz betroffen
den Vorhang zu und alle Fragen offen.
Freitag-Redaktion
Freitag-Redaktion
Mitglied seit:
3 Jahre 11 Wochen
Zuletzt aktiv:
15.03.2009
Status:
Autor
Aktivität:
Beiträge: 58
Kommentare: 0
Logbuch
01:35
h.yuren hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:30
Anchesa hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:26
Novalis hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:34
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:12
Dreizehn hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG