"Was haben die Polen bloß gegen diese Frau?", das fragte vor zwei Tagen die Bild-Zeitung. Beantwortet hat sich die Bild-Zeitung diese Frage nicht wirklich. Kostprobe: Ist Erika Steinbach eine Ewig-Gestrige? NEIN! Die CDU-Politikerin (Tochter eines Besatzungss...>> mehr
Ich wäre dankbar, hätten die Konservativen von den Kommunisten bloß die Utopien, nicht aber die Politiken übernommen: Früher protestierten die Konservativen zurecht gegen den "antifaschistischen Schutzwall und jeden Mauertoten; heute errichtet die EU Mauern an ihren Außengrenzen und lässt täglich etliche Menschen an ihren Außengrenzen ersaufen. Früher haben die Konservativen richtigerweise die sozialistischen Staaten als Überwachungsstaaten gebrandmarkt; heute gibt es hier die Vorratsdatenspeicherung und die Durchlässigkeit der Daten zwischen Geheimdiensten und Polizei. Früher wurde man in den sozialistischen Staaten willkürlich verhaftet; heute kann einem das passieren, wenn man vor dem Reichstag ein Liedchen trällert. Früher wurden in den sozialistischen Staaten untentable Betriebe, die nur dem Unterhalt einer bestimmten Elite dienen sollten, aus politischen Gründen mit Staatsknete am Leben gehalten; heute passiert das hier, und in beiden Fällen natürlich auf Kosten der Volkswirtschaft. Auch die Wirtschaftspolitik der Neoliberalen wird ja auch mit den gleichen Argumentationsstrukturen propagiert wie früher der Sozialismus. Gab es früher im Sozialismus irgendwelche sozialen oder praktischen Probleme, so lag das daran, dass der Sozialismus noch nicht vollständig umgesetzt worden sei; heute liegen die Probleme der Wirtschaft angeblich daran, dass der Markt noch nicht weit genug liberalisiert worden sei (OK, diese Apologeten pausieren seit der Weltwirtschaftskrise etwas, aber sie sind immer noch da.)
Mit dem Musikfernsehen ist es ähnlich wie mit dem gut gemachten Radio. Es gibt heute sogar mehr davon als früher, aber da der Schund (das muss man wohl so sagen) noch sehr viel stärker zugenommen hat, und dies besonders auf den klassischen Verbreitungswegen, sind qualitative Musiksendungen heute nur noch sehr schwierig zu finden und werden meist nur noch auf schwierigeren Verbreitungswegen ausgestrahlt. Natürlich kenne ich kaum jemanden, der nicht Viva Zwei (oder wenigstens dem alten Viva oder MTV - kennt noch jemand Onyx?) hinterhertrauert, aber immerhin gibt es heute go.tv, Deluxe Music, iMusic-TV und Tim Renners Motor TV, dazu kommen noch diverse europäische Musiksender über Satellit und - wer's mag - das Angebot im Pay-TV. Diese Sender ermöglichen es, Musikvideos tatsächlich wieder in Fernsehauflösung und nicht als Youtube-Briefmarke anzuschauen, ohne Viva's Kiddyabzocke (Lars und Verena: 94% Liebe, 49 Cent ärmer) und auch mit größerer Titelrotation als die Top30-AC-Soße, vor der man sich schon auf den meisten Radiofrequenzen nicht mehr schützen kann. Die einstige Funktion, die Viva jedoch ursprünglich mal hatte, nämlich eine große Öffentlichkeit für die Vielfalt des Musikbiz herzustellen (nicht von ungefähr wurde der Aufbau des deutschen Anti-MTVs größtenteils von den Major Labels finanziert), können diese Sender, und kann auch Youtube oder MySpace nicht schaffen. Dafür ist die Lücke, die der Rückzug des Musikfernsehens nicht nur hierzulande geschaffen hat, inzwischen zusehr fragmentiert. Aber vielleicht ist es gerade diese Kleinteiligkeit des Musikpublikation heute, worin die Chance für neue, kleine, echte Bands besteht, groß herauszukommen. Nicht von ungefähr hat sich MySpace inzwischen zum Musikkarrierehelfer Nr.1 gemausert.
Am besten waren wohl diejenigen informiert, die gestern abend auf die ganze Breaking-News-Soße verzichtet haben, und heute morgen stattdessen zur Zeitung griffen. Weg glaubt, News 24/7 sei die höchste Stufe der Information, hängt einer Chimäre an. Information braucht Recherche, und Recherche braucht Zeit. Deshalb kann ich den Reflex, big news --> Glotze an, nur bedingt nachvollziehen. Wenn es etwas berichtenswertes gibt, so schadet es nicht, wenn man es erst nach ein paar Stunden, dafür aber thematisch kontextiert erfährt. Der Mehrwert der Nachrichtensender aber, nämlich Reportern beim vielsagenden Auch-keine-Ahnung-haben zuzuschauen, ist vernachlässigbar.
Meintest Du diesen Artikel? http://www.sueddeutsche.de/kultur/594/408369/text/ Die Zeit hat vor vier Jahren mal einen entsprechenden Artikel veröffentlicht, der die Materie ganz gut zusammenfasst, und der entsprechend oft referenziert worden ist: http://www.zeit.de/2005/09/RettetdasRadio
Im übrigen scheine ich hier in einem Referenzzirkel gelandet zu sein: drei Links, und ich kannte alle drei vorher schon. Das ist mir schon länger nicht mehr passiert. Hat aber nichts mit Dir zu tun, eher mit der Materie, die auch meine Materie ist.