freiwild

wild & frei durch Raum & Zeit

14.07.2011 | 15:38

Leo Kirch - eine Bilanz

Man muss Leo Kirch nicht gemocht haben, aber er war ein wichtiger Teil der Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Angefangen hat er damit, Filmrechte im Ausland billig zu erwerben und dann deutlich teurer an das ZDF, später auch an den Bayerischen Rundfunk zu verkaufen, die offenbar damals nicht fähig waren, die selbst zu tun. Das dies die beiden am stärksten konservativ durchdrungensten Anstalten waren, kam dem bekennenden Bayern und (Helmut-)Kohlianer Kirch (im Gegensatz zum hanseatischen Franz-Josef-Strauß-Intimus und langjährigem Kirch-Feind und -Partner Axel Springer) dabei sicherlich entgegen; jedenfalls stand mal im SPIEGEL, dass die Vorliebe von ZDF und BR für Leo Kirch den Rundfunkräten auch parteipolitisch ganz recht war.

Richtig groß wurde Kirch aber, als in den 80ern das Privatfernsehen an den Start ging. Das sollte aus Sicht von CDU und CSU bekanntlich ein Gegengewicht zum öffentlich-rechtlichen "Rotfunk" bilden, und wer bot sich dafür mehr an als Leo Kirch? Im Gegensatz zur ausländischen Konkurrenz aus Luxemburg ging das Verlegerfernsehen (außer Leo Kirch waren vor allem Axel Springer, Bauer, Burda, FAZ sowie einige lokale Zeitungsverleger) in Ludwigshafen an den Start. Die Idee war, dass die Verleger (in der AFP - Aktuelles-Presse-Fernsehen - zusammengeschlossen), für die Nachrichten und Magazine zuständig waren und Kirch für Filme verantwortlich war. Die Bundespost (unter Kanzler Helmut Kohl) baute dort und später in ganz Deutschland mit Steuermilliarden das Kabelnetz aus, damit auch jeder das Programm sehen konnte; die Landesmedienanstalt des Helmut-Kohl-Landes sorgte für die nötige Sendelizenz. Wenig später zog man zum ZDF nach Mainz. Die äußerst plumpen Versuche des frühen Sat.1, "Verbraucherinformationen" an den Mann bzw. die Frau zu bringen, aber auch die äußerst gefälligen "Nachrichten" und politischen Magazine (wie das legendäre "Zur Sache Kanzler" mit dem Ex-BR- und strammen CSU-Mann Heinz Klaus Mertes als Moderator, der vor der Sendung mit Kohl schon mal die richtigen Antworten durchging, die er ihm später in der Sendung stellen würde) können heute allenfalls noch zur Erheiterung beitragen.

Um die Kartellgesetze zu umgehen, wurde der Zweitsender ProSieben nicht von Leo, sondern von seinem Sohn Thomas betrieben, dessen Hauptkonkurrenten Tele 5 wiederum Papa Leo (mit Hilfe eines sympathischen Italieners Namens Silvio Berlusconi) feindlich übernahm und in den Sportkanal DSF umwandelte. Ebenfalls übernahm Kirch von Frieder Burda (nach der kartellrechtlich verbotenen Fusion der Burda- und Axel-Springer-Verlage) einen 40%-igen Anteil am Axel-Springer-Verlag (und handelte sich damit viel Ärger mit der Elite des Hauses ein) und von Canalplus die Beteiligung an Premiere. Da Bertelsmann damals aber noch nicht bereit war, Kirch Premiere komplett zu überlassen, gründete man selbst kurzerhand einen weiteren Pay-TV-Sender, DF1. Daneben erwarb man auch noch einen 25%-igen Anteil an der Formel-1-Betreibergesellschaft SLEC, an der Filmgesellschaft Constantin, an EM.TV und gründete die Sportrechteagentur KirchSport, die der FIFA für Milliarden die Rechte an den Fußball-WMs 2002 und 2006 abkaufte. Um die Kosten für die Übernahmen, die Gründungen und die Sportrechte stemmen zu können, und weil Sat1, Premiere und SF1 permanent tiefrote Zahlen schrieben, gewährten verschiedene staatliche bayerische Banken (wie die Bayerische Landesbank, die Bayerische Hypothekenbank und die Bayerische Vereinsbank; nach dem Tod Franz-Josef-Strauß' hatte sich das Verhältnis zur CSU merklich entspannt) und in derem Gefolge auch andere Privatbanken (wie z.B. die Deutsche Bank) Kirch großzügige Kredite. Nachdem der Bundestag Mitte/Ende der 90er das Medienkartellrecht entschärft hatte, konnte Kirch nun auch offiziell ProSieben (inklusive der Schwestersender Kabel 1 und N24) von seinem Sohn übernehmen und mit Sat1 fusionieren und - nach der PayTV-Aufgabe von Bertelsmann - den Rest von Premiere, was mit DF1 zu Premiere World fusioniert wurde,.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht kontrollierte Leo Kirch also das deutsche Pay-TV komplett, den Fußball (Bundesliga auf Sat1 und Premiere sowie WM-Rechte bei KirchSport), die Hälfte des deutschen Free-TVs (Sat1, ProSieben, Kabel 1, N24, DSF, tv.münchen, TV.Berlin, Hamburg 1) und verschiedene Produktionsgesellschaften und hätte, wären die Familienstreitigkeiten unter den Axel-Springer-Erben anders ausgegangen, womöglich sogar die Mehrheit an der Axel Springer AG übernehmen können. Eine Ansammlung medial-politischer Macht, die jeder Medienkontrolle Hohn gesprochen hätte.

Dass es anders kam, liegt nicht an Rolf Breuer. Auch nicht an der Axel Springer AG. Grund war, das sich Kirch völlig finanziell überhoben hatte, und sein Firmengeflecht fast nur noch auf Krediten, aber nicht mehr auf Wertschöpfung beruht. Breuer und Springer haben allenfalls das Steinchen ins Rollen gebracht. Ein Imperium, dass aufgrund einer beiläufigen Bemerkung eines Bankmanagers und einer Pressemitteilung eines Zeitungskonzern zusammenstürzen kann, wäre aber früher oder später sowieso implodiert.

Kirch verlor zwar einen Großteil seines Vermögens, das, wenn man die Kredite berücksichtigt, eigentlich nie sein Vermögen gewesen ist. Seine Villa in München und genügend Spielgeld, um auf seine alten Tage doch noch ein bisschen mitmischen zu können, hat er aber behalten können. Für die Medienlandschaft war der Zusammenbruch ein Segen, sorgte sie doch dafür, dass aus den Trümmern vier verschiedene und teilweise miteinander konkurrierende Unternehmen entstehen konnten, und dass der Einfluss der Politik im privaten Rundfunk deutlich eingedämmt werden konnte. Das Lehrgeld, das die öffentliche Hand dafür zahlen musste, war aber hoch.

 
Senden Bookmarken Drucken
freiwild
wild & frei durch Raum & Zeit
Mitglied seit:
3 Jahre 14 Wochen
Zuletzt aktiv:
14.07.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 2
Kommentare: 4
Logbuch
01:26
Novalis hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:34
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:12
Dreizehn hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:10
marvinius hat gerade einen Kommentar geschrieben.
23:58
brefcourte hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG