Friedhelm Greis

Blog von Friedhelm Greis

09.03.2009 | 15:28

Rüstet die Banken ab!

Spekulationsblasen sind für die Finanzwirtschaft das, was Kriege für das Militär sind: die große Zeit. „Wie eine Badekur“ bekam dem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg der Erste Weltkrieg. Zehn Millionen Menschen sind für diese Kur verblutet. Ebenso wie Hindenburg seine Orden behalten durfte, werden von den tapferen Bankmanagern ihre Bonuszahlungen nicht zurückgefordert. Es ist nur etwas unfein geworden, damit zu protzen. Dumm aus der Wäsche schauen nur diejenigen, die die Spekulationen mit ihren Anleihen finanziert haben. Sie haben nicht damit gerechnet, dass ein Krieg trotz permanent gewonnener Schlachten verloren gehen kann, wenn am Schluss alle den Glauben an den Sieg verlieren. So wie die Deutschen im Herbst 1918 von ihrer Niederlage völlig überrascht wurden.
 
Wie lassen sich solche Exzesse einer Denkungsart, solche Kriege und Finanzblasen, überhaupt verhindern? Was den Krieg betrifft, haben Pazifisten und Antimilitaristen schon viele sinnvolle Vorschläge dazu gemacht. Je mehr Menschen von Krieg und Rüstung profitieren, desto höher scheint die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Kriegen kommt und die aufgestapelte Munition wieder einmal verschossen wird. Als gefährlich wird auch angesehen, wenn die Militärs zu viel Einfluss im Staat erhalten.

Der Schriftsteller Wilhelm Michel definierte 1922 in der Zeitschrift Die Weltbühne einmal den Militarismus wie folgt:
„Militarismus bezeichnet nicht eine äußere Tatsache, sondern einen Geisteszustand. Militarismus hat nichts zu tun mit dem Vorhandensein oder dem Fehlen militärischer Machtmittel. Militarismus bedeutet vielmehr die Verdummung infolge der Macht; eine Verdummung, die zwar sehr oft, aber keineswegs mit Notwendigkeit eintritt. Militarismus liegt dann vor, wenn die nüchterne Einsicht in die Brauchbarkeit physischer Zwangsmittel entartet zum Aberglauben an die Gewalt; wenn der Muskel die Funktionen des Gehirns sich anmaßt;“  

Auf den Finanzkapitalismus übertragen könnte die Definition lauten:

„Finanzkapitalismus bezeichnet nicht eine äußere Tatsache, sondern einen Geisteszustand. Finanzkapitalismus hat nichts zu tun mit dem Vorhandensein oder dem Fehlen finanzieller Mittel. Finanzkapitalismus bedeutet vielmehr die Verdummung infolge des Geldes; eine Verdummung, die zwar sehr oft, aber keineswegs mit Notwendigkeit eintritt. Finanzkapitalismus liegt dann vor, wenn die nüchterne Einsicht in die Brauchbarkeit finanzieller Mittel entartet zum Aberglauben an das Geld; wenn das Portemonee die Funktionen des Gehirns sich anmaßt.“

Zum Glück gibt es deutliche Unterschiede zwischen militärischen und finanziellen Exzessen. In gewisser Weise sind die Finanzblasen genau das Gegenteil eines Krieges: ein produktiver und kein destruktiver Exzess. 1,5 Millionen Häuser wurden in den neunziger Jahren jährlich in den USA gebaut, 2003 gar 1,7 Millionen. Vier bis fünf Millionen Pkw wurden dort jährlich produziert, die sich nun auf Halden stapeln. Es wird glücklicherweise darauf verzichtet, die hergestellten Güter mitsamt den Menschen in die Luft zu jagen. Die Welt könnte daher eigentlich zufrieden sein, dass es heute Millionen von Häusern mehr als noch vor einigen Jahren gibt, so wie es um die Jahrtausendwende plötzlich Tausende von Internetfirmen gab.

Warum sind Politik, Wirtschaft und Bürger dennoch so entsetzt, dass dieses Mal die Blase wieder platzte, aus dem sicher geglaubten Sieg eine Niederlage wurde?

Zum einen ist es die offensichtliche Ungleichverteilung bei den Profiten. Den wenigen „Kriegsgewinnlern“ steht eine unvergleichlich höhere Zahl an Menschen gegenüber, die bei dem großen Spiel verloren haben. Und Millionen zahlen nun die Zeche, um die Generäle herauszukaufen. Das verletzt zu Recht das Gerechtigkeitsempfinden der Menschen.

Was jedoch schlimmer ist: Der Welt wird wieder einmal bewusst, wie abhängig sie eigentlich von genau solchen Exzessen ist. Wie hätte die Entwicklung der Weltwirtschaft in den vergangenen zehn Jahren ausgesehen, wenn die USA und viele andere Länder nicht auf Teufel komm raus konsumiert hätten? Mit billigem Geld, das ihnen die Chinesen geliehen hatten, sich mit eben diesen Häusern, dicken Autos und Elektronik-Schnick-Schnack eingedeckt hätten? Aus Fabriken, die deutsche Maschinenbauer aufgestellt hatten? Müssen aber möglichst viele Menschen in Einfamilienhäusern leben, die Landschaft zersiedeln, in der sie dann mit ihren Spritschluckern herumfahren? Ebenso systemkonform wie pervers ist es daher, wenn nun Millionen Steuerzahler eine Abwrackprämie für wenige Tausende Autobesitzer finanzieren, die schnell ihre alte Karre loswerden wollen. Zertifikate zu Abwrackprämien kann auf jeden Fall nicht die Analogie für Schwerter zu Pflugscharen sein. Natürlich ist es schwierig, von Kriegs- auf Friedenswirtschaft umzustellen, von Blasen- auf Normalproduktion. Aber es gibt keinen Grund, die künstlich in die Höhe getriebene Produktion noch länger künstlich auf diesem Niveau zu halten.

Zu guter Letzt gibt es auch noch die viel beschworene Vertrauenskrise. Während der Militarismus auf dem gegenseitigen Misstrauen zwischen den Staaten basiert, beruht die Wirtschaft, wie wir seit Tucholsky wissen, „auf dem Kreditsystem, das heißt auf der irrtümlichen Annahme, der andre werde gepumptes Geld zurückzahlen“. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn das Kreditsystem basiert schließlich auf der Erwartung, der andre werde gepumptes Geld mit einem mehr oder weniger hohen Aufschlag zurückzahlen. Anders gesagt: Solange es das Kreditsystem in dieser Form gibt, muss es das Vertrauen auf immer mehr Geld geben. Und wenn es mehr Geld gibt, sollte es auch mehr Güter geben, sonst ist das Geld schließlich nicht seine Vermehrung wert. Je mehr Geld also versprochen und generiert wird, desto größer die Gefahr, dass das ganze Geld- und Gütervermehrungssystem irgendwann an seine Grenzen stößt und kollabiert.

Gibt es dabei einen Zusammenhang zwischen dem Umfang des Kreditsystems und der Größe der Finanzwirtschaft? So wie eine große Zahl an Militärs vermutlich eine große Anzahl an Waffen bedeutet? Geht das erstere dem zweiten voraus oder umgekehrt? Und wie lässt sich das System ab- beziehungsweise umrüsten, so dass auf der einen Seite Exzesse unwahrscheinlicher, auf der anderen Seite die Nachteile der Normalität - wie die Arbeitslosigkeit - gemildert werden? Da dies sehr schwierig erscheint, werden Stimmen lauter, die das gesamte System in Frage stellen. Was wäre, wenn die Krise uns sagt, „dass das gesamte Wachstumsmodell, das wir in den vergangenen 50 Jahren entworfen haben, einfach aus wirtschaftlichen und ökologischen Gründen untragbar ist und dass wir 2008 an die Wand gefahren sind - als Mutter Natur und die Märkte beide sagten: ‚So nicht weiter‘“, fragt der New York Times-Kolumnist Thomas Friedman.

Reicht es noch aus, die Exzesse zu verhindern und auf einem Pfad gemäßigten Wachstums weiterzuwandeln? Für eine wirtschaftliche Revolution ist die Zeit offenbar noch nicht reif. Es könnte dabei außerdem passieren, dass abgehalfterte Generäle nach einiger Zeit aus der Abstellkammer der Geschichte wieder als Präsidenten hervorkommen.

Dem französischen Präsidenten George Clemenceau wird das Bonmot zugesprochen, wonach der Krieg eine zu wichtige Sache ist, um ihn den Militärs zu überlassen. Hilfreich wäre schon, wenn sich auch in der Gesellschaft die Erkenntnis durchsetzte, dass die Finanzsystem eine zu wichtige Angelegenheit ist, um es den Bankern zu überlassen. Besser wäre jedoch, wenn Politik und Wirtschaft gemeinsam zu der Erkenntnis kämen: Jetzt gilt es nicht mehr, neue Schlachten auf alten Märkten zu gewinnen, sondern das zu verteidigen, was am meisten gefährdet ist: ein soziales und friedliches Zusammenleben und eine unzerstörte Umwelt.
 
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